In Angst und Verzweiflung – System-Opfer am Wegrand

 

 

Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave. Aristoteles 

Nach dem heißen Sommer, der bewiesen hatte, dass man auch im Sozialismus schöne Tage genießen kann, wenn man sich im System zurechtzufinden weiß und dem Herbst der Liebenden, durch den welke Rosen und ein gebeugtes Kreuz durchschimmerten, kündigte sich mit einem plötzlich einbrechenden Frost der Anbruch der stillen Jahreszeit an. Der Winter kam mit Macht und hüllte alles in Eis und Schnee – die Gefühle ebenso wie die Perspektiven. Die Welt verfiel in Starre und Stagnation. Ab dem späten November, als die Tage wesentlich kürzer wurden, das Licht ausblieb und die ganze uns umgebende Welt in ein natürliches Grau gehüllt wurde, verfiel auch meine Stimmung. Grautöne aller Art mischten sich zu einem sozialistischen Einheitsgrau, das bis zum Ural reichte und noch darüber hinaus. Dahinter verbarg sich ein Weltengrauen, genährt von der Befürchtung, es werde auch in ferner Zukunft nichts anderes geben als dieses triste Grau, das die Existenz wüst und sinnlos machte. Das mitfühlende Gemüt, die gesamte seelische Verfassung, folgte der Farbe von Natur wie Unnatur und trübte sich in anlehnender Sympathie deutlich ein.

Zunächst überkam mich eine unbestimmte Wehmut, die sich, je mehr ich über die Aussichtslosigkeit unseres Tuns, über unser Ausgeliefertsein nachdachte, zur richtigen Depression steigerte. Don Quichotte, der Chevalier der traurigen Gestalt, war an die Stelle des fanatisierten Kreuzritters getreten, der nun tot im Grab lag. Die Absurdität des Daseins schien alle Ideale aufzufressen. Langsam überkam mich die Empfindung, wie Sisyphus zu agieren und wie Tantalus zu leiden. Immer wenn das Ziel greifbar nahe erschien, wie die lange erstrebte Ausreise, griff eine unbekannte Macht ein und ließ alles in sich zusammenstürzen, auch das Gefühl innerer Freiheit. Immer und überall nur Rückschläge!? Wie viele Rückschläge kann ein Mensch ertragen, bevor er vom Leben selbst erschlagen wird? Der absurde Ablauf zwischen Hoffen und Bangen begann immer wieder von vorn, wie in einem Bolero des Untergangs. Die Abwärtsspirale drehte sich weiter. Je lauter die Pauke ertönte, desto näher fühlte ich mich dem Untergang. Was konnte mich noch motivieren, um über den Tag zu kommen? Der Lebensrhythmus wurde langsamer und die Musik des Lebens wurde dumpfer. Die Hoffnung nahm ab, wurde immer schwächer; nur die Ängste steigerten sich und verdrängten die bisher klaren Gedanken. Das Eine, was ich noch lebhaft fühlte, war der Schmerz der Absurdität, der mein Leben vergiftete und die Verzweiflung herauf beschwor. Nihilismus machte sich breit. Ein Eselschrei konnte einem zum Verhängnis werden. Kleist war an dieser Erkenntnis verzweifelt. Was hemmte mich und meine Entwicklung? Ein Basilisk?

Schlimm an meiner Lage war vor allem die Einsicht, dass kein göttlicher Wille, kein übergeordnetes metaphysisches Prinzip, kein Fatum meine Situation bestimmte, sondern der verweigernde Wille eines destruktiven Individuums, inkarniert in der Körperhülle eines lethargischen Beamten in Bukarest. Ein Zyniker der Macht verweigerte mir das Freisein und die Selbstentfaltung, nur weil es ihm so gefiel oder weil er meine Würde, meinen Stolz brechen wollte.

Aus dieser verfahrenen Lage galt es auszubrechen, wollte ich nicht auch noch die befürchtete „physische Vernichtung“ während des bald anstehenden Militärdienstes riskieren. Mich schreckte ein Bild, das ich nicht aus dem Bewusstsein verdrängen konnte: Ein junger Mann aus meinem Umfeld, den ich vom gemeinsamen Kartenspiel während der Kindheit recht gut kannte, war in einem verschweißten Metallsarg aus dem Militärdienst verabschiedet worden. Zwar hatte ich die tragische Szene nicht selbst beobachtet. Doch allein die Vorstellung, wie ein junger Mensch, der als blühende Gestalt sein Elternhaus verlassen hatte, um seinem Land zu dienen, nun in als Leiche heimkam, reichte mir.

Eine Obduktion war damals nicht angesagt. Auch keine Überprüfung der Todesursache. Vermutlich konnte nie endgültig geklärt werden, ob er, vielleicht nach zahlreichen Schikanen, denen Deutsche beim rumänischen Militär ausgesetzt waren, den Freitod gewählt hatte oder ob er das Opfer eines Unfalls war, einer brutalen Folteraktion oder gar eines Mordanschlags. Mit ihm verloren die Eltern ihr einziges Kind – und mussten trotzdem weiterleben. Auf unserem Friedhof lagen auch einige andere junge Männer, die an keiner Krankheit gestorben waren, sondern – obwohl kein Krieg tobte – im Kugelhagel auf dem Weg in die Freiheit. Weitere Flüchtlinge aus Sackelhausen, das erfuhr ich später, waren von einer Schiffsschraube zerschmettert worden, als sie, „durch den Strom“ schwimmend, auf der Donau entdeckt und absichtlich mit dem mehrfach über sie hinweg fahrenden Schiff ermordet wurden. Ein Rumäne aus dem Ort soll mit dabei gewesen sein, einer, der die Heuchelei seiner Heimat nicht mehr hatte ertragen können.

Einige der Opfer hatte ich flüchtig gekannt. Das reichte schon, um den Verlust ihrer Angehörigen nachzuempfinden. Da ich ein ähnliches, nicht unwahrscheinliches Schicksal, beim rumänischen Militär in einem verplombten Schrein zu landen, auf jeden Fall vermeiden wollte, reifte in mir der Gedanke heran, als „ultima ratio“ noch rechtzeitig auszubrechen, indem ich einen Fluchtversuch wagte. Ein heroischer Tod schreckte mich seinerzeit weniger als ein trivialer – alles oder nichts. Lieber frei im Tode als ein Sklave lebenslang in Ketten. Einen anderen Ausweg, eine Alternative zum Ausbruch in die Freiheit, sah ich in meiner damaligen Verzweiflungssituation nicht.

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