Homo sum – U-Haft in Drobeta – Turnu Severin

 

Nachdem man mich einige Zeit in einem Untersuchungsgefängnis der nahen Donaustadt Turnu Severin, dem einstigen Drobeta der Römer, untergebracht und kurz befragt hatte, wurde ich in den Zug nach Temeschburg gesetzt. An meiner Seite wieder ein Begleiter in blauer Uniform. Meine Eskorte war diesmal nicht wieder ein schweigsamer Geselle wie jener, der mir vor zwei Jahren im Zug aus Bukarest als Aufpasser zugeteilt worden war, sondern ein menschlich angenehmer Milizunteroffizier. Er hatte sich im Vorfeld Zugang zu meiner Akte verschafft, Einblick genommen und das, was er gelesen hatte, sympathisch gefunden. Das teilte er mir während der Zugfahrt mit.

Auf der mehrstündigen Fahrt durch das Banater Bergland, vom Ufer der Donau bis hinauf nach Norden in die flache Ebene, die ich auf seine Verantwortung hin „ohne Handfesseln“ absolvieren durfte, entwickelte sich ein interessantes Gespräch, in welchem er mir freimütig eine Reihe von internen Details aus der „Welt sozialistischer Milizkarrieren“ preisgab. Fast alle seiner früheren Kollegen im Exekutivapparat des Innenministeriums hatten sich in all den Jahren in Straftaten verstrickt, waren Opfer der grassierenden Korruption geworden und mussten, wie er betonte, unfreiwillig aus dem Staatsdienst ausscheiden. Meinen „Fluchtversuch“ bewertete er sogar positiv, indem er darauf hinwies, dass es dem Land, wenn es nur meine Vergehen zu beklagen gäbe, weitaus besser ginge. Straftaten, gab er zu bedenken, fänden auf einer anderen Ebene statt.

Dieses Gespräch gab mir zu denken. Das war das erste Mal, dass ich mit der klaren „Solidarisierung eines Systemrepräsentanten“ konfrontiert wurde und mit Kritik, die nicht von einem Angehörigen einer Minderheit stammte. Dabei stellte ich erstmals fest, dass der Machtapparat des real existierenden Sozialismus, auch nur von Menschen zusammengehalten wurde, von allzumenschlichen Menschen und dieses zynische System weitaus nicht so homogen war, wie es nach außen erschien. Auch in einer Diktatur walteten „divergierende Kräfte“, die mehr von eigenen Karriereambitionen als von moralischen Kräften bewegt wurden. Die späteren Abtrünnigen und Putschisten gegen Ceauşescu kamen aus diesen Reihen.

Die Offenheit des einfachen Milizangehörigen und seine menschliche Art überraschten mich. Nie hätte ich etwas Ähnliches erwartet. Waren denn die Rumänen nicht „hartschlecht“, und zwar alle, ohne Ausnahme. Verbitterte Stalingradkämpfer hatte ich so reden hören, die den Rumänen vorwarfen, die Frontlinien geschwächt und den Sowjets den Durchbruch ermöglicht zu haben. Und nun besann sich ein ganz normaler Bürger in Uniform auf das „Homo sum“ seiner Vorväter, die bei Drobeta Brücken über die Donau gebaut hatten – Brücken, die Menschen und Völker verbinden sollten. Apollodorus von Damaskus, hatte er nicht bei Drobeta gebaut? Der Leitsatz der Antike erinnerte mich an den zivilisatorischen Geist Roms, an die Macht des Imperiums, das erst mit der Dekadenz verfallen war. Die Rumänen beriefen sich gerne auf Rom, auf die römische Kultur und Zivilisation. Das Humanum war trotz allem auch hier noch nicht ganz verrauscht. Also gab es noch Hoffnung in diesem Volk?

Drei, vier Stunden nach der Abreise vom Donaustrand erreichten wir Temeschburg. Dort verbrachte man mich in mein schon vertrautes Umfeld – ins Loch, in den mir schon sattsam bekannten Keller des Gebäudekomplexes, wo noch zahlreiche andere Untersuchungshäftlinge untergebracht waren, schuldige und unschuldige. Nur wer außerhalb des Baus war ohne Schuld? Christus vielleicht? Doch dafür hatte man ihn ans Kreuz geschlagen!

Kurz nach der Einlieferung besuchte mich der freundliche Rumäne aus der Donauregion, die nicht nur Henker hervorgebracht hatte, ein letztes Mal in der Einzelzelle. Er unterhielt sich eine Weile mit mir, sprach Worte der Ermutigung und steckte mir, bevor er ging, in mitleidender Solidarität die eigene Jause zu. Es war eine versöhnende Abschiedsgeste und ein kleiner Trost. In einem Anflug von Nächstenliebe und unmittelbarer Menschlichkeit übergab er mir einen halben Laib Weißbrot und etwas getrocknete Bratwurst, die ich selbst heute noch als wohlschmeckend in Erinnerung habe, wohl wissend, dass ich schon längere Zeit nichts mehr gegessen hatte. Die altruistische Geste beeindruckte mich ebenso wie seine tröstenden Worte – Ecce Homo! Siehe welch ein Mensch!

„Endlich wieder ein Mensch in diesem inhumanen System“ – schoss es mir durch den Kopf. Nicht die Rumänen waren schlecht oder böse – das totalitäre System war es, der Kommunismus, der inzwischen ein real existierender Sozialismus sein wollte und doch nichts weiter war, als eine menschenverachtende Machtherrschaft. Ohne viel zu tun, hatte ich einen Freund gewonnen. Doch nicht irgendeinen aus der weiten Schar der Betroffenen; sondern einen „von der anderen Seite“; einen geistigen Alliierten, der in dem, was er tat, seiner inneren Stimme und dem gesunden Menschenverstand gefolgt war. Er war ein Rumäne – doch er war anders als jene, die mich und andere gefoltert und gequält hatten. Er war ein Rumäne mit Rückgrat und Zivilcourage. Von diesem Typus hätte das Land ein paar Millionen mehr gebraucht, um die Machenschaften eines Clans und einer breiten Nomenklatur zurückzudrängen. Nicht alles hinter dem Eisernen Vorhang war von Moskau vorgegeben. Einiges konnte im Inland selbst bestimmt werden, von der eigenen Nation.

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