Grenze und Grenz-Erfahrungen oder Hybris?

 

Nachdem die stimulierende Droge den Entschluss, das Unmögliche zu wagen, herbeigeführt hatte verabschiedete ich mich von dem „Kumpan“ und schlich dann todesmutig verwegen in Dunkelheit und bei Eiseskälte durch nieselnden Schnee zum Donauufer hinab. Bald stellte sich heraus, dass dieses vorab nur mental konzipierte, aber nicht trainierte Vorhaben, äußerst dilettantisch vorbereitet und praktisch undurchführbar war. Die Distanz zum jugoslawischen Ufer war eigentlich viel zu groß. Hier und jetzt, im täuschenden Nebel der Nacht, erschien sie mir schier unüberwindbar. Ferne Lichter schimmerten nur matt durch die dünnen Nebelschwaden herüber und ließen das freie Ufer unendlich weit entfernt erscheinen. In meiner Vorstellung hatte ich mich auf eine Flussbreite von etwa drei bis vierhundert Metern eingestellt, wie ich sie bei einem Schulausflug zum Eisernen Tor wohl am Kazan-Pass wahrgenommen und so im Gedächtnis gespeichert hatte. Doch nun schien mir die Donau südlich von Orşova und unterhalb der Staustufe eher zwei bis drei Kilometer breit. Das war eine geradezu unüberwindbare Strecke. Resignation kam auf. Sekunden zauderte ich und wich zurück – wie vor einem Ungeheuer, das die Existenz bedroht. Doch dann wagte ich es trotzdem und watete durch leicht gefrorenen Morast zum Wasser hinunter, verzweifelt, aber todesmutig entschlossen wie beim unabwendbaren Einstieg in den Hades. Durfte ich jede Hoffnung fahren lassen? Oder musste ich gerade jetzt, in die Grenzsituation an der Grenze im Strom alle Hoffnung auf einen Punkt konzentrieren und ins kalte Wasser springen?

Der schlammige Boden war mit einer dünnen Eisschicht überzogen. An einer alten knorrigen Weide legte ich eine Rast ein, um die Matratze aufzupumpen. Es kostete übermenschliche Anstrengung. Das Herz raste, weil ich jederzeit von einem Grenztrupp hätte entdeckt werden können. Geräusche waren nicht zu vermeiden – und in der Stille war selbst der Atem laut. Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Matratze prall mit Luft gefüllt war. Zum Schutz gegen Nässe hatte ich die Beine mit Nylontüten umwickelt. Es galt, bekleidet überzusetzen. An unbekleidetes Schwimmen war bei diesen Temperaturen nicht zu denken. Nur nicht nass werden, redete ich mir ein und merkte dabei kaum, dass ich längst schon nass war, vom Schweiß der Mühen und von den Ausdünstungen der Angst. War das mein Ölberg? Mein Golgotha, mein Ende? Hatte Gott mich bereits verlassen? Oder waren da noch einige Engel in den Ordnungen der himmlischen Heerscharen, die mir beistanden in höchster Not?

Je näher ich dem Wasser kam, desto mehr versanken die festen Schuhe im Morast. Ein Vorwärtskommen war kaum noch möglich. Die Donau hatte hier Auen ausgebildet. Es ging durch Schilfrohr und Binsen immer tiefer hinab. Durch seichtes Uferwasser watend, erspähte ich den Strom – Danubius! Die Römer hatten ihn überquert, trockenen Fußes, über eine steinerne Brücke unweit bei Turnu Severin, dem römischen Drobeta, die der geniale Apollodorus von Damaskus gebaut hatte, um die Kolonisation Dakiens zu ermöglichen. Jetzt, fast zweitausend Jahre später, stand ich fast an gleicher Stelle, im Aufbruch in die andere Richtung. Schon fühlte ich die Wucht des Stromes und die Kraft der Strömung, die alles mit sich zog, hinunter dem Pontus Euxinus entgegen. Die Erhabenheit der Natur offenbarte sich mit all ihrer Macht – wie oben am Klippenrand in den Karpaten, wo ich früher einmal trotzig in die Niederungen der Täler hinabgeblickt hatte. Heroisch fühlte ich damals – und jetzt, in den Niederungen der Natur und des Seins angekommen, fühlte ich die von dem Wasser der Donau markierte Grenze … und dahinter, die eigene Begrenztheit.

War es Hybris, über die Grenze hinaus zu schreiten? Folgte die Strafe der Götter auf den Fuß? Ein mulmiges Gefühl überkam mich – wie damals vor der Höhle des Löwen an der Pforte des Innenministeriums in Bukarest. Trotzdem watete ich weiter. Die immer müder werdenden Beine klebten fast schon fest. Die Kraft schwand. Eiskaltes Wasser kroch die Kleidung hoch und erreichte den Unterleib. Nur der Rausch trieb mich noch an. Das Herz pochte schnell, es raste. Diffuse Gedanken schwirrten durch den Kopf. Rauschdurchflutet sah ich mich handeln, von einem blinden Willen getragen, von einer Autodynamik, die nicht mehr zu bremsen war. Der Wahnsinn nahm seinen Lauf. Bereits bei den ersten Schwimmversuchen im noch seichten Uferwasser wurde ich gänzlich nass. Die Baumwollhosen sogen sich rasch voll und wurden schwer wie Blei. Die Plastikfolie hatte kläglich versagt. Feuchte Kälte kroch die Arme hoch. Dann verlor ich die Handschuhe. Bald fühlte ich, wie die Finger steif und steifer wurden und fast schon festfroren, während das Blut sich aus den Extremitäten zurückzog. „Wenn das so weiter geht, wird bald Schluss sein“, kombinierte ich. Wie lange kann die Körperwärme der Unterkühlung trotzen?

Todesangst kam auf. Und andere Fluchtgedanken. Rückzug? Rettung? Würde ich bald zum Eisklumpen erstarren? Warnsignale schossen durch das Gehirn, selbst rettende Aufforderungen des Erhaltungstriebs, abzubrechen aus dieser nassen Kälte und nach rettender Wärme zu suchen, nach einem Feuer. Auf einem Schlag wich die Glut des schwarzen Weines. Der Rausch verflog – dafür kam die Vernunft zurück und die Fähigkeit, die Situation neu zu überdenken, trotz der Krise, trotz der kurzen Panik.

Ein Übersetzen war inzwischen illusorisch. Jetzt galt es nur noch, selbst zu überleben, wenn es sein musste, auch im Kerker. Es kam darauf an, schnell den rettenden Ausweg zu finden, bevor das Denkorgan einfror. Die Flucht war endgültig passé. Selbst wenn ich bei Nacht der patrouillierenden Grenzpolizei entkommen wäre, hätte ich das andere Ufer nur als Eisstatue erreichen können. Diese Vorstellung machte mir Beine und mobilisierte die letzten Reserven. Die Selbsterhaltungskräfte, die bereits zum Abbruch geblasen und das Hissen des weißen Fähnleins gefordert hatten, wurden nun übermächtig. Wieder fühlte ich mich genau wie damals, im Folterkabinett, als der ausgemergelte Körper versagt hatte, Geist und Psyche schwach wurden, viel zu schwach, die Prügel weiter zu ertragen. Damals hatte ich wehrlos zu Protokoll gegeben, was mir der Schurke Pele diktiert hatte. Dabei musste ich mir selbst zusehen, wie es in mir agierte und wie ein mir bis dahin unbekannter Selbsterhaltungstrieb die lebensrettende Steuerung übernommen hatte. Jetzt vollzog sich das gleiche Phänomen noch einmal auf die gleiche Weise. Es, etwas Überpersönliches und Unbewusstes, handelte in mir – und für mich. So erlebte ich in einer Art Selbstschau ein Grenzphänomen der Psyche in einer Grenzsituation an einer natürlichen Grenze. Was blieb mir anderes übrig, als den unbestimmten Kräften des rational Irrationalen zu folgen, die Flucht abzubrechen und mich in mein so gegebenes Schicksal zu fügen. Überleben war jetzt alles. Enttäuscht und gleichzeitig erleichtert zugleich stieß ich die Schwimmhilfe von mir, hinaus in die Flut. Pumpe und Reisetasche hatte ich schon vorher im Uferwasser versenkt. Dann riss ich das nutzlos gewordene Nylon von den Beinen und machte kehrt zum rettenden Ufer hinauf.

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