Eine „unheilige Madonna“ und Don Juan auf Urlaub

 

Die weitgehend sorgenfreien Tage am Meer und der Austausch mit Menschen aus dem Westen Deutschlands brachten aber keine Entlastung. Sie vertieften vielmehr die Kluft zwischen den erstrebten Idealen und der tatsächlichen Existenz.

In der Heimat angekommen, erwartete uns nicht nur das Grau des regulären sozialistischen Alltags, sondern auch die Atmosphäre der kontinuierlichen Bedrohung, der Gefährdung, der Verfolgung und der unbestimmten Angst.

In Temeschburg nahm ich den Reigen wieder auf, den unseligen Bolero des Kreisens um einen Punkt zum Trommelschlag, dessen Tempo und Intensität von anderen vorgegeben wurde, weiter auf der Suche nach einem momentanen Lebenssinn.

Irgendwann im Frühherbst, als die Blätter von den Bäumen niedersäuselten und die Natur sich verfärbte, zu mehr Gelb und Rot und Braun forderte die biologische Entwicklung ihren Tribut ein. Ein Hormon verdrängte das andere, bis das Testosteron obsiegte. Mit neunzehn Jahren betrat nun auch ich den weiten Kreis der schönen Frauen, der mich für Augenblicke vom Ernst der Lage ablenkte – doch nur für Momente des kurzen, oberflächlichen Glücks. Es war eine Spätsommerliebe, diese Liebe im September. Während die Rosen welkten und in der weiteren Natur die Zeit des Vergehens, des stillen Dahinsterbens, einsetzte, intensivierte ich die Beziehung zu einem prallen Mädchen vom Land, das mir vor einiger Zeit begegnet war, zu einer barocken Erscheinung, die den Gemälden von Rubens entsprungen schien.

Eliza, gerade siebzehn Jahre alt, war ein Mittelding zwischen einer stolzen Madonna aus den Uffizien und einer spaghettikochenden Mama, die nur für ihre muntere Kinderschar da ist. Erst wer näher hinsah – und das tat ich dann, wenn sie wie von Gott geschaffen vor sich hinschlummerte – kam auf ihre edleren Züge und auf die vollendete Sanftmut, an die schwarzlockigen Engelsgestalten erinnernd, die am Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle verewigt sind. Auch Raffael hätte sie malen können. Eliza, ganz das Gegenteil einer früheren platonischen Beziehung ähnlichen Namens, war ein schlichtes, weitgehend natürliches Mädchen vom Land, das von geistigen Dingen nicht viel wissen wollte. Aus einem Heidedorf stammend, das einst fast ausschließlich von genuinen Franzosen besiedelt worden war, sprach sie ein etwas verhunztes Deutsch, das grammatikalisch verwöhnte Ohren schier beleidigte. Bereits wenige Worte ihres Dialekts, aus welchem immer noch die syntaktische Struktur der französischen Sprache herauszuhören war, verwiesen auf ihre Herkunft: „Gehen wir bei sie“, war da zu hören, ein Ausdruck, der genauso drollig klang als wenn der befreundeter Ungar sein: „Es kommt daran“ zum Besten gabwenn es „drauf ankam“ oder gar „maßschlaggebend“ war. Erheiternde Quellen des Daueramüsements!

Mit französischen Genen ausgestattet, hatte Eliza viel Sinn für Sinnlichkeit, für das Vitale und Erotische. Sie war mütterlich weiblich und weiblich mütterlich, unverkrampft natürlich, unkompliziert, ohne Grillen wie oberflächlich und vermittelte mir für eine kurze Weile die Geborgenheit eines Hafens, in den sich ein müder Pirat des Geistes aus schwerer See rettet. Für sie war ich allerdings nur ein toller Hecht auf Zeit, ein „Don Juan auf Urlaub“, den man auch schnell wieder in die Ferien verabschiedet, wenn die Flammenglut der Liebe verzehrt ist. Für sie war ich nicht mehr als eine schöne Abwechslung, ein gelindes amouröses Abenteuer ohne Tiefgang, eine Liaison für angenehme Stunden, die bereits mit dem ersten Schnee abbrach, ohne dass die eigentlichen Gründe der Trennung jemals erkundet worden wären. Sie war meine Donna Elvira, eine selbstbewusste, wenn auch unreflektierte Epikureerin, die sich in das Liebesabenteuer stürzte, um den Gehalt des Augenblicks, der Ewigkeit hat, zu genießen, um sich aber danach der Veränderung und dem Wechsel zu unterwerfen.

„Panta rhei“ – auch in der Liebe! Trotzdem traf mich der Bruch stärker, als mir lieb war und ich mir eingestehen wollte – denn für mich war dieser erste intensive Kontakt zum anderen Geschlecht doch wesentlich mehr als nur Ablenkung, obwohl mein Kopf für eine richtige Liebesbeziehung nicht wirklich frei war. Als ich sie endgültig verloren hatte, merkte ich den Verlust in einem Schmerz, der später noch tiefer und eindringlicher werden sollte. War ich eine Mimose, ein Schwächling und zu weich für diese Welt – ein Fisch, der sich besser in tiefere Wasser zurückzog?

Neue Lieben und tief schmerzende Verluste später im Leben folgten. Ich sollte noch viel mehr verlieren, nachdem ich einiges Wenige gewonnen hatte.

War das ganze Leben nur ein Spiel? Und ich ein Spieler, einer unter vielen? Und wer mischte die Karten, wer verteilte das Blatt? Fragen über Fragen. Nur vorerst bewegten mich andere Gedanken.

Advertisements

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s