Ein gescheiterter Fluchtversuch an der Donau

 

Aus kritischer Rückschau betrachtet, war mein damaliger Ausbruchsversuch, der als ein Schlüsselerlebnis meiner gesamten Existenz gelten kann, eine überaus leichtsinnig und dilettantisch konzipierte, unüberlegte Spontanaktion, die aus reiner Verzweiflung heraus betrieben worden war – ein Überhandnehmen der Emotionen bei totaler Abwesenheit aller Vernunftkategorien. Ungeachtet des scheinbar rationalen Antriebs, dem drohenden Militärdienst entgehen zu wollen, war es weitgehend eine irrationale Tat, die von diffusen Befürchtungen und innerer Panik ausgelöst worden war, eine Handlung, die von mir wie von Außenstehenden heute nur schwer objektiv nachvollzogen werden kann.

Als die Kameraden zum Militärdienst eingezogen wurden und die Schlinge um den Hals immer enger wurde, verlor ich die Nerven. Im Grunde war es staatliche Willkür, die diese Mausefallenkonstellation herbeigeführt hatte. Aus der konventionellen Sicht des loyalen Bürgers war es eine klare Verrücktheit. Im Vorfeld meines Ausbruchsversuchs waren drei andere „Wahnsinnige“ mit einem Fischerboot bei Nacht über die Donau gerudert. Zwei aus der Gruppe waren gute Bekannte: Michael, ein temperamentvoller Dionysiker und Sensualist, der stolz darauf war, ein halber Zigeuner zu sein und wohl auch einiges vom Freiheitsdrang jener Nomaden in den Adern hatte – und Richard, ein Kamerad aus jenem Franzosendorf, woher auch die unheilige Madonna stammte. In seinem Zimmer in Temeschburg waren manche Fluchtpläne ausgeheckt worden, bis es endlich klappte. Nur mit ins Boot, wollte ich seinerzeit nicht – schließlich war es nur eine Frage der Zeit, wann die bereits ausgestellten Pässe auch ausgehändigt wurden. Die Fliehenden hatten das jugoslawische Ufer heil erreicht und waren dann mit der konsularischen Hilfestellung der Deutschen Botschaft in Belgrad nach Tagen in die Bundesrepublik gelangt. Eine Postkarte aus dem bayerischen Freilassing bestätigten mir und Erwin die gelungene Flucht, an deren Vorbereitung wir wesentlich mitgewirkt hatten.

Bei illegaler Ausreise war ein baldiges Wiedersehen in Temeschburg oder sonst wo im Land oder im Ostblock nahezu ausgeschlossen, da Flüchtlinge oder im Exil weiterhin aktive Dissidenten in Rumänien wie im gesamten Machtbereich des Kommunismus wie Kriminelle behandelt worden wären. Nach diesem Personenkreis wurde ostblockweit steckbrieflich gefahndet. Auch in der DDR. Als ich später einmal, wahrscheinlich im Jahr 1984, auf dem Weg nach Westberlin unglücklich von der Transitstrecke abkam, viel zu früh ausfuhr, um im Osten bei Schönefeld zu landen, um dann – als ein dem Ostblock entsprungener Dissident, der womöglich auf der Fahndungsliste der Staatssicherheit stand – viele Kilometer durch die „Hauptstadt der DDR „mehr schlich als raste, bevor ich über den rettenden Übergang „Drei Linden“ wieder heil westlichen Boden erreichte, durchlebte ich selbst eine solche Albtraumsituation in der Mausefalle, die mich jederzeit wieder in die Fänge der kommunistischen Sicherheitsdienste hätte führen können. Damals hatte ich großes Glück – wie so oft in meinem Leben oder tausend Schutzengel!

Die erfolgreiche Fluchtaktion der Freunde war auch für uns wieder ein Grund der Freude. Doch gleichzeitig spürten wir erneut die Wehmut, die einen befällt, wenn man von guten, vertrauten Freunden, Kameraden und lieben Menschen verlassen wird. Die Selbstbefreiung des Einen, seine Emanzipation und sein Weggehen, auch ohne Verlassensabsicht, hinterlassen bei den Anderen, die ohnmächtig zurückbleiben müssen, Leere und Verzweiflung. Auch mein späteres Gehen riss Lücken auf und führte dann, als noch mehr gingen, zur Panik der Zurückbleibenden, die den Exodus der Deutschen aus Rumänien weiter anheizte und beflügelte.

Jede legale Ausreise einer nahestehenden Person, auch wenn sie sich nur tröpfchenweise vollzog, jede geglückte Flucht wurde von den Zurückgebliebenen als „Verlust“ und als Ausgrenzung vom künftigen Glück empfunden. Sie hinterließ einen Schmerz, der nur schwer zu bekämpfen war. Dem Verlassenen wurde nun mehr und mehr seine verbaute Perspektive bewusst. Die eigene Ohnmacht, der er nur durch gezieltes Handeln entkommen konnte, führte ihn an die Grenzen der Verzweiflung. Viele Menschen aus meinem dörflichen Umfeld, von deren Gedankengängen ich seinerzeit nichts ahnte, fühlten ähnlich. Sie riskierten schließlich auf der gefährlichen Flucht nicht weniger als ihr Leben, ihr einziges.

Als ich mich letztendlich selbst entschloss, den gefährlichen Schritt doch zu wagen, obwohl ich ja offiziell die Ausreisegenehmigung in der Tasche hatte, fasste ich zunächst eine grobe Sondierung der Grenz-Situation ins Auge, bereit bei geeigneten Bedingungen, die Gunst der Stunde zu nutzen.

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