Die „Loreley am Pontus“

 

          Reich mir die Hand, mein Leben … Lorenzo da Ponte, Mozart

 

Wenige Tage, bevor unser Urlaub sich dem Ende zu neigte, fiel mir bei einem Spaziergang am Strand eine junge Frau auf, sitzend auf einem Stein, wie eine in Melancholie versunkene Minnegestalt. Ruhig und in sich gekehrt verharrte sie dort, den Blick lange auf die gleiche Stellung gerichtet, fast schon apathisch wie eine kleine Meerjungfrau, die ihre Sehnsucht nach der Unendlichkeit bereits überwunden hat. Mit ihren langen blonden Haaren, die ihren Rücken fast verhüllten, erinnerte sie an jene Loreley am fernen Rhein, deren fesselnde Erscheinung Schiffer im Strom versinken ließ. Auch ich ließ mich, fasziniert von weiblicher Schönheit, gerne ablenken:

„Grau ist alle Theorie – und grün des Lebens holder Baum“,

 sprach ich sie unbekümmert in Goethes Sprache an, nachdem ich den Eindruck gewonnen hatte, sie könnte eine Deutsche sein. „Mal sehen, wie sie reagiert“, dachte ich. Als sie dann die Nase anhob, auf der eine altmodische Hornbrille ruhte, die sie vielleicht aus dem Vermächtnis einer alten Tante stammte, um mich mit süffisantem Schmunzeln zu taxieren, ohne dabei etwas zu sagen, schien es mir, sie sei gerade nicht ungern von ihrer Tätigkeit abgelenkt worden. Sie wirkte sogar sichtbar erfreut, geradezu erlöst. Es war wie im Märchen, wo der rettende Prinz die Hecke durchschnitt, um eine Schlafende wach zu küssen. Halb Schiffer, halb Prinz hakte ich noch einmal nach:

„Was liest du da Spannendes?

„Ein Skript“, gab sie amüsiert zurück, „Prüfungsaufgaben für das Erste Staatsexamen“.

Wie ich kurz darauf erfahren sollte, studierte sie Recht. Das erklärte einiges. Und sie kam – wie konnte es anders sein – aus Düsseldorf am Rhein, lebte aber etwas stromaufwärts in Bonn am gleichen Strom. Nach dem zaghaften Auftakt der Jungfrau, die sich ziert, weil es sich ziemt, dass man sich ziert, wurde sie von Minute zu Minute gesprächsfreudiger und lebendiger. Während sie redend aufblühte und mir mehr und mehr erzählte, bemühte ich mich, die neuen Eindrücke zu verarbeiten. Was ich da hörte, berührte mich nicht unwesentlich. Wie konnte es sein, dass eine sichtbare Frohnatur vom Rhein, die eher der Lebenslust, dem Wein, der Musik und der Poesie zugeneigt sein sollte, dieser trockenen Tätigkeit nachging. Philosophie, mein Steckenpferd, das war schon höchst abstrakt – doch Paragrafen wälzen …? Konnte man so etwas freiwillig tun? Und wie kam es, dass sie ausgerechnet aus Bonn kam, aus der politischen Schaltzentrale der Bundesrepublik, aus der provisorischen Hauptstadt?

Bonn, kombinierte ich, Bonn? Diese Bezeichnung verwies weniger auf die alte Hochschulstadt am Rhein – der Name rief vielmehr alte Gefühle wach, jene schmerzlichen Regungen der Sehnsucht, die sich mir vor Monaten beim Anblick jenes Zeitschriftenfotos aufgedrängt hatten. Die gleichen Stimmungen wehmütiger Melancholie des Ausgesperrten meldeten sich jetzt zurück. Auch sah ich sie alle wieder, die Grazien im Café am Bonner Markt unweit von Beethovens Standbild, Engel, die dieser Schönheit so verwandt schienen; die gleiche Wehmut kam wieder, die ich damals beim Durchblättern von Prisma erlebt hatte, verbunden mit der unbeschreiblichen Sehnsucht nach Freiheit –

Jetzt saß eine goldene Loreley vor mir, eine holde Maid vom Rhein, die das Schicksal hierher gesandt hatte als Abgesandte, als Botschafterin der Freiheit und grinste mich freundlich verlegen an. Was hätte Heine in dieser Situation gesagt, der Dichter aus Düsseldorf am Rhein?

Wenn du mich lieb hast, Kindchen, schenk ich dir die Blumen all“ …

 oder etwas in dieser Art vielleicht, als ewiger Charmeur, der immer nur das Eine in Sinn hat: die schnelle Eroberung!

War dies kein Wink des Schicksals? Kein Fingerzeig Gottes? Vielleicht! Für Augenblicke war ich ganz verwirrt. War das ein Zufall? Oder doch ein Wink aus höheren Sphären? Andere, pragmatischere Assoziationen mischten sich schnell in die Unmittelbarkeit eines aufkommenden Gefühls: „Liebe, Heirat – Ausreise?“

Wer ein Ziel hat, sucht immer nach einem Mittel, es zu erreichen. Auch das war ein Weg, ein Weg in die Freiheit, eine Modalität des Entfliehens, welche ich nicht erfunden hatte und die ich auch nicht als Erster umsetzen würde. Andere, selbst Bekannte aus dem Dorf, hatten so ihr Lebensglück gefunden. Zwar dachte ich rational, doch kühle Berechnung, trockenes Kalkül, das war meine Sache nicht. Nach Sekunden war das Modell erledigt, und alles war wieder verpufft.

Aus dem Loreley-Erlebnis wurde schnell eine oberflächliche Liaison. Schon am Abend gingen wir gemeinsam aus und verbrachten auch die nächsten Tage miteinander. Sie war wesentlich älter als ich, doch attraktiv, unverfälscht und in Liebesdingen genau so unerfahren, wie ich es selbst noch war. Bald war mir auch ihre Vita vertraut. Sie war als Kind eines hohen Diplomaten überbehütet aufgewachsen, ja verhätschelt worden. Das Leben sah sie sorgenfrei in Rosa, in der Erwartung, alles werde von außen an sie herangetragen. Für sie war die Welt, nicht unbeeinflusst durch das Apartheid-Umfeld ihrer Kindheit, klar aufgeteilt in Schwarz und Weiß. Graf Gobineau und sein Essay über die Ungleichheit der Menschenrassen sagten ihr nichts. Da sie recht spätreif war, ich hingegen frühreif und schon etwas existenzerfahren, passten wir gut zusammen. Bald saß sie auf meinem Schoß wie sie einst als Kind bei Carlo Schmid gesessen hatte, wenn der nette, korpulente Herr zu Besuch kam. Als Mann und Sozialdemokrat der ersten Stunde prägte Carlo Schmid Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik erheblich mit. Später las ich in seinen „Memoiren“, ohne meine Loreley erwähnt zu finden und nahm auch immer wieder gerne seine „Fleur du mal – Nachdichtungen“ in die Hand.

Margarete, so hieß die Loreley, blieb auch später bei ihren Paragrafen, obwohl sie auch Jahre an der Seine Kunst studierte. Die Natur nahm ihren Lauf. Wir nutzten die Tage und Abende. Wir verliebten uns spontan und tanzten eng umschlungen im Nebel der Diskotheken bis bald darauf der letzte Abend anbrach und wir scheiden mussten wie zwei Königskinder, ohne zu wissen, ob wir je wieder zusammenfinden sollten. Das Schicksal war gnädig. Wir sahen uns wieder – schon bald nach meiner Ausreise. Und es wurde eine lange Beziehung, ein Geben und Nehmen ohne besondere Hochs und Tiefs, eine Dauerfreundschaft, die über zwei Jahrzehnte anhalten sollte.

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s