Das Heil in der Flucht … über die grüne Grenze

 

Jedermann hinter dem Eisernen Vorhang, der in Freiheit leben wollte, aber keine Möglichkeit sah, das politische System seiner Zeit so zu verändern, dass Freiheit und Menschenrechte für alle möglich wurden, suchte die individuelle Freiheit in der Flucht. Mutige, abenteuerlich veranlagte junge Menschen, ließen sich immer wieder zu spektakulären Ausbruchmanövern hinreißen. Falsche Pässe, doppelte Böden in Personen- und Lastkraftwagen, in Bahnwaggons, Schlauchboote und andere erfindungsreiche Ideen waren die geeigneten Mittel dazu. Faszinierende Fluchtgeschichten, die ganze Bände füllen könnten, gab es zuhauf.

Ein Bekannter aus Nitzkydorf, aus jenem Ort, der von seinen Bewohnern scherzhaft in „Nichts-wie-fort“ umbenannt worden war, in krasser Absetzung zu der dort geborenen Herta Müller, die nicht gerne ging, kam auf eine der merkwürdigsten Fluchtideen überhaupt, als er seine Freundin Gerda in einem trocken gelegten Opel Manta-Benzin Tank über die Grenze schmuggeln wollte. Franz Metzenrath, den rumänischen Behörden durch seine späteren Protestaktionen vor der Botschaft in Köln gut bekannt, verstaute seine auf 48 Kilo abgemagerte Freundin in dem 45-Liter-Tank und versuchte dann auf abenteuerliche Weise die Grenze zu passieren. Der filmreife Ausbruchversuch misslang natürlich aufgrund unglücklicher Zufälle, deren Schilderung allein schon einen spannenden Krimi abgeben würde. Gerda landete dort, wo auch ich bald hin verfrachtet werden sollte: in der Temeschburger Haftanstalt Popa Şapca, nur zwei Blocks weiter, im Frauenareal des Stadtgefängnisses.

Originelle Fluchtwege gab es viele, nicht zuletzt deshalb, weil sich das Genie der Menschen – wie in jenen berühmten Tunnel-Verfilmungen aus Kriegsgefangenenlagern und KZ – immer auf Ausbruchmöglichkeiten und auf die Flucht in die Freiheit richtete. Kein Tier erduldet die Gefangenschaft gern. Und der Mensch, mit dem freien Willen eines Handelnden ausgestattet, akzeptiert die Unfreiheit noch viel weniger. Was gab es nicht alles!

Musiker versteckten sich selbst im Instrumentenkasten, um in die Freiheit zu gelangen. So flohen angeblich die Mitglieder der bekannten Temeschburger Rockband „Phönix“, die ich als Halbstarker noch in der Konzerthalle bewundert hatte – bereits zu einem Zeitpunkt, als ich mit dem mythischen Vogel noch wenig anzufangen wusste. Und sie flohen, weil auch ihnen die „Securitate“ das Künstlertum in Rumänien verödet hatte. Andere Landsleute in exponierter Stellung nutzten internationale Wirtschaftsveranstaltungen im Westen wie die große Industriemesse in Hannover, um sich für immer abzusetzen – und riskierten dabei, als sogenannte Geheimnisträger von einem Mordkommando der „Securitate“ im Rahmen einer Vergeltungs- und Racheaktion für den angeblichen „Verrat“ ausgelöscht zu werden.

In dem jüngst erst erschienenen Band „Die Gräber schweigen“ wurden zahlreiche Fluchtgeschichten „an der blutigsten Grenze“ Osteuropas, an der Donau, einer breiten Leserschaft präsentiert. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Materie mit Fragen nach der Verantwortung für Schießbefehl, Folter und Kriminalisierung der Opfer steht hingegen noch aus. Immer, wenn ein geglückter Fluchtversuch bekannt wurde, fanden sich Nachahmer, die es auch versuchen wollten. Die Befürchtung, auf der Flucht zu scheitern und dies sogar mit dem Leben bezahlen zu müssen, schreckte nicht alle ab. Denn was war ein Leben wert, dass unwürdig abgelebt werden musste wie das Dasein einer Pflanze. Es gab immer Wagemutige, die alles riskierten, ohne gründlich über die Konsequenzen nachzudenken. Johannes Kappes, ein Zeitzeuge aus Sankt Anna, der sich auch mit Paul Gomas Menschenrechtsbewegung solidarisiert hatte, beschrieb seine „Idee fixe“, um jeden Preis über die grüne Grenze in den Westen zu fliehen, in dem von mir später rezensierten Erinnerungsbändchen „In den Fängen der Securitate“ und veröffentlichte es im Selbstverlag im Jahr 2008. Sein Freiheitsdrang führte auch ihn ins Gefängnis. Trotzdem blieb er ungebrochen. Er versuchte es noch einmal mit Freunden und rannte dem Grenzsoldaten nahe der Donau in den Karabiner. Kappes war ein Hasardeur von vielen, die Kopf und Kragen riskierten, nur um später ein „Leben in Würde“ führen zu können. Das Negative, das Risiko, die Lebensgefahr, dies alles wurde einfach verdrängt, während die Freuden kommender Freiheit oft verabsolutiert wurden. Gelegentlich wunderte man sich auch, wer überhaupt dem Land den Rücken kehren und fliehen wollte. Einmal war zur Verwunderung kritischer Beobachter sogar ein „leibhaftiger Parteisekretär“ dabei, ein systemloyaler Opportunist aus unserem Großbetrieb „Electrobanat“, dem man so etwas nie zugetraut hätte. Doch floh nicht selbst Nikolaus Berwanger, der langjährige Handlager der Kommunisten, als er 1984 nach einer Besuchsreise in Deutschland blieb? Allerdings ohne – wie viele seiner mutigeren Landsleute – Leib und Leben aufs Spiel zu setzen!

Aus meiner Sicht war Landesflucht oder sogenannte „Republikflucht“, wie es im offiziellen DDR-Jargon euphemistisch umschrieben wurde, immer ein legitimes Mittel, die schon arg beschnittene Freiheit zu erlangen und mich dem Zugriff des totalitären Systems der kommunistischen Diktatur Ceauşescus, in der der Einzelne nichts galt, zu entziehen. Nicht aus der „Republik“ flohen die Menschen in eine andere „Republik“, sondern aus dem „Unrechtsstaat“ und aus der Diktatur, Systeme, die ihre Bürger wie Besitz behandelten, wie Sklaven, ihre elementaren Menschenrechte grob mit Füßen tretend.

In meinen Überlegungen, dem ungeliebten Land für immer den Rücken zu kehren orientierte mich früh am Vorbild anderer Landsleute aus dem eigenen Dorf, die bereits in den finsteren Jahren des Stalinismus viel gewagt und viel gelitten hatten. Schon als kleiner Junge hatte ich beim Herumkrabbeln auf dem Fußboden immer wieder die gleiche Geschichte jenes Onkel Fritz gehört, der angeblich um jeden Preis über die Grenze wollte, hin zum Vater nach Österreich; ein Lamento vorgetragen von der weinerlichen Tante, die befürchtete, verlassen und ganz allein mit ihrer kleinen Tochter  zurückgelassen zu werden. Bald darauf vernahm ich die Geschichte des von allen im Ort hoch geschätzten Kinderarztes Reinhold Fett, dem es nach mehrfachem Anlauf endlich gelungen war, zusammen mit der Mutter und dem Bruder Erich in einer gut organisierten Fluchtaktion das Land für immer zu verlassen. Ein erster, misslungener Fluchtversuch hatte auch ihm, dem zarten Humanisten, bittere Gefängnishaft eingebracht.

Schließlich hörte ich im zarten Kindesalter von den Fluchtaktionen eines entfernten Verwandten, die eine Großtante bei ihren Besuchen stets aufs Neue zum Besten gab. Ihr Sohn, ein pflichtbewusster, tüchtiger Vorarbeiter in der Staatsfarm, wo ich mir später einmal ein bei schwerer Feldarbeit ein beachtliches Taschengeld erwirtschaftete, war nach einem erfolglosen Fluchtversuch an der jugoslawischen Grenze aufgegriffen und gleich zu viereinhalb Jahren Gefängnishaft verurteilt worden. Unbeachtet unter dem Kammertisch herumkrabbelnd, lauschte ich dem Abenteuer und erfuhr, was den Kummer der Erwachsenen ausmachte. Nebenbei vernahm ich erstmals einiges aus dem Gefängnisalltag, den die Großtante der Anteil nehmenden Schwester schilderte, immer wieder auf seinen unbedingten Durchhaltewillen verweisend, die schlimme Situation zu überstehen, um irgendwann doch noch in Freiheit leben zu können. Dieser frühe Märtyrer für die Idee der Freiheit avancierte somit zu einem Idol und sein erstrebtes Ideal wurde als zu erstrebender Wert übernommen. Die Vorbildfunktion tüchtiger Charaktere, die sich auch sonst im Leben gut zu behaupten wussten und breite Anerkennung fanden, setzten sich in meinem Kindskopf fest, richtungweisend für den eigenen Lebensweg. Denn eines hatte ich früh begriffen: Nicht die Versager kehrten dem „Arbeiter und Bauern-Paradies“ den Rücken, nicht die viel gescholtenen Vaterlandsverräter, sondern die Besten der Gemeinschaft, die Eliten des Landes, ein Prozess, der bald auch zu einem intellektuellen Ausbluten Rumäniens führen sollte – denn den vielen Deutschen, die gingen, folgten immer mehr genuine Rumänen, um in Nordamerika, in Frankreich, in Schweden, ja selbst im fernen Australien eine freiere Bleibe zu finden. Ubi bene ibi patria? Das hatte man mir vorgeworfen. Nun handelten die Rumänen selbst nach der „kosmopolitischen“ Maxime.

Nach Jahren in der Freiheit wurde mir ein weiterer Aspekt bewusst, der symptomatisch war: Gerade jene Personen, die nur mit hohem persönlichen Risiko und unter Einsatz ihres Lebens den Sprung in die Freiheit schafften – und zu dieser Gruppe um Reinhold Fett zählte ich mich dann auch selbst – engagierten sich später in der Bundesrepublik für die Heimatgeschichte, für die Historie Sackelhausens und des Banats, und betätigten sich, fern von jedem Revanchismus gegenüber den Rumänen, als „versöhnende Brückenbauer“ zwischen den Völkern. Ziel der Flucht war immer und primär ein Leben in Freiheit – die menschenwürdige Existenz. Die Grenze hingegen wurde zum Synonym für Gefahr, aber auch für Chancen und Selbstverwirklichung. Herkunft braucht Tradition – und der Kampf für die Freiheit in allen seinen Formen hatte eine lange, eine unendlich lange Tradition, auch bei uns.

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