Am Meer, im Reich der Sinne

 

Irgendwann im August, als die Hitze in der Stadt unerträglich zu werden drohte, entschlossen wir uns spontan, an die Schwarzmeerküste zu reisen, um dort etwas zu entspannen und neue Menschen kennenzulernen. Ein Déjà-Vu der neuen Art?

Diesmal stammten nahezu alle unsere Urlaubsbekanntschaften, aus denen später teilweise langjährige Freundschaften wurden, aus der Bundesrepublik, bis auf zwei nette Fräuleins aus Neuruppin, die mir in den ersten Tagen begegneten. „Fontane“ war nicht ihr Fall, eher exotische Abenteuer, die sie das eintönige Leben im „Arbeiter- und Bauernstaat“ für eine Weile vergessen ließen. Die mollig weichere der beiden Freundinnen, Martina, erinnerte mich mit ihrem von Sommersprossen übersäten Gesicht irgendwie an einen Maikäfer, der vergnügt in den Frühling entflogen war; während die äußerst zierliche Silke eher norddeutsch fahl wirkte und vom Typus her an Marlene Dietrich oder an die auch bei uns populären Kessler-Zwillinge erinnerte. Wenn wir kurz vor Sonnenuntergang galant Arm in Arm über die Promenade stolzierten, zog sie Blicke in Scharen an. Sie war eine Schönheit im Abendrot – ein zeitloses Gemälde. Wie es sich bald herausstellte, war ich jedoch nicht der Richtige für sie: „Wir wollen doch etwas erleben“ entgegnete mir die weißhäutige Blonde, als ich, der leicht Verliebte, sie kaum einen Tag später flirtend am Strand antraf, im offensichtlichen Rendezvous mit zwei vitalen Einheimischen aus dem nahen Delta, deren braun gebrannte Gesichter von Pickeln übersät waren. Doch sie wirkten frei und selbstbewusst, während ich noch wie ein schüchterner Schuljunge daherkam. Silkes Worte klangen fast wie eine rechtfertigende Entschuldigung. Also hatte ich mich am Vorabend viel zu passiv verhalten, statt gleich zur Sache zu kommen?! Konnte ich ihr einen Vorwurf daraus machen? Bestimmt nicht! Schließlich war der teuer erkaufte Urlaub kurz. Was blieb mir anderes übrig, als ihre Entscheidung für die unmittelbare Sinnlichkeit zu akzeptieren. Leicht gekränkt fügte ich mich in die Situation, um mich dann enttäuscht zurückzuziehen, ohne Lust, das Blatt noch einmal wenden zu wollen. Der Rückzug war von kurzer Dauer. Andere oberflächliche Bekanntschaften folgten. Die zahlreichen Kontakte und die oft nur oberflächliche Kommunikation mit jungen Menschen aus der Bundesrepublik wurde für mich zu einem kleinen Experimentierfeld, mein mehr oder weniger akzentfreies Hochdeutsch, mein Wissen und meine Akzeptanz bei anderen auszutesten. Manchmal war ich selbst überrascht, wie positiv alles verlief. Junge Leute waren eben unkompliziert. Abends gingen wir gemeinsam in die Restaurants und danach auch in Diskotheken, die nur westlichen Touristen zugänglich waren. Die schwarz eingewechselten Devisen und die deutsche Sprache ebneten uns den Weg. Im Kreis junger Leute aus der Bundesrepublik versteckt und getarnt, wurden wir Banater Schwaben auch als Ausländer angesehen. So kamen wir, nicht anders als im Vorjahr, wieder in den Genuss eines Privilegs, das den eigenen Staatsbürgern und den Gästen aus den Bruderländern versagt blieb.

„Alle Menschen waren im Sozialismus gleich, „im Prinzip“ jedenfalls – nur einige waren gleicher …

Das war sozialistische Empirie, nicht „Radio Eriwan“ – und dazu noch ein grundsätzliches Faktum, das bereits George Orwell höchst luzid erfasst hatte.

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