Widerstandsrecht und Tyrannenmord

 

Der Milizangestellte, der mich nicht aus den Augen verlieren durfte, hatte auch mir ein patriotisches Trikolore-Fähnlein in die Hand gedrückt in der Erwartung, ich werde wie die meisten herzitierten Mitbürger aus Sackelhausen, darunter viele Schüler, Lehrer, Hausfrauen und Kollektivarbeiter, dem geliebtesten Sohn des Vaterlandes brav zuwinken. Doch ich dachte nicht daran. Lieber hätte ich mit Steinen geworfen, mit Kieselsteinen, wie der biblische David – oder mit Pflastersteinen, wie bundesdeutsche Rebellen der APO-Generation und spätere Minister, doch sehr wohl wissend, wohin sie fallen und wen sie treffen sollten; ohne Skrupel, die Steine zu beschmutzen! Noch viel lieber aber hätte ich ein richtiges Geschoss abgefeuert, einen scharfen, tödlichen Pfeil wie Tell, als Geßler durch die hohle Gasse kam. Nur fehlte mir die Armbrust. Leider lebte ich in einem „paranoiden Staat“, wo selbst der Kugelschreiber als Waffe angesehen wurde, ganz abgesehen von der spitzen Feder.

Adolf Hitler hatte bereits 1941 die Aufführung von Schillers Tell verbieten lassen. Er wusste, weshalb! Gelegenheit schafft Chancen. Das Freiheitsdrama, das ich in jungen Jahren im Temeschburger Theater pathetisch erlebt hatte, drängte sich mir nun wieder auf. Und ein paar Verse aus dem Deutschunterricht, die einmal im Gehirn verankert, leitmotivisch wieder kamen:

Das Land vom Tyrannen befreien – und es am Kreuze bereuen?

Schiller war ein Meister im Exponieren von Idealen! Doch wer sollte sie umsetzen in einer Zeit ohne Helden? Was stand in meiner Macht? Sollte ich mich vor die Fahrzeuge werfen wie die mutigen Aufrührer in Berlin, Budapest, Prag und später selbst in Moskau und Peking vor die rollenden Panzer? Nur ein Zeichen hätte ich setzen können – für die Freiheit!

Doch nur ein müdes Zeichen der Verzweiflung. Um mich blickend, sah ich viele Gesichter. In ihre Gehirne sah ich nicht. Was in ihnen vorging? Brave Menschen standen da herum, zur Fügsamkeit erzogen, zu Gehorsam. Heine bot sich jetzt wieder an – mit einer scharfsinnigen, von mir oft zitierten Bemerkung, die er einst auf das despotisch regierte Deutschland gemünzt hatte, gerade zu dem Zeitpunkt, als sich die lange erwartete Wagenkolonne an meinem Blickfeld vorbei durch die Ortsmitte von Sackelhausen schob. Einige heranrauschende Motorräder bildeten das Geleit. In den schweren Limousinen: Vage Gestalten, apathisch wie Puppen dasitzend. Keiner der Trossinsassen schien auf die herbeigekarrten Randfiguren zu achten; das war die Masse. Und wer scherte sich schon um die Masse? Mit ihren winkenden Fähnlein waren sie alle nur ein Teil der „potjomkinschen Kulisse“ in einer Welt des Scheins:

Im Land der Buchen und der Linden/wird niemals sich ein Brutus finden“!

Wie wahr – wie wahr! Heine hatte es schon für andere Zeiten und andere Orte vorformuliert. An mir rauschte ein finsterer Diktator vorbei, ein despotischer Knechter der Freiheit, ein Tyrann der Neuzeit!

Was lag da näher als der Gedanke an Tyrannenmord?

Existierte nicht irgendwo ein „Widerstandsrecht“, das sich vom Naturrecht herleitete? War es nicht eine höhere Pflicht des bewussten Staatsbürgers, den Usurpator zu stürzen, wenn dieser mit seiner Regierung die eigenen Gesetzte missachtete, das Recht beugte und sein Land in Unglück stürzte, um so die Freiheit und Demokratie zu retten?

War es nicht gar „Bürgerpflicht“, selbst den Staat zu bekämpfen, wer er zum „Unrechtsstaat“ wurde? Musste nicht jeder anständige Mensch so handeln und aufbegehren in „zivilem Ungehorsam?

Wie hatte es Bert Brecht formuliert – Wo Unrecht zum Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht?

Freiheit und Demokratie hatten eine lange Tradition im Abendland. Hatten nicht die alten Griechen bereits fünfhundert Jahre vor Christi Geburt erkannt, dass Tyrannen getötet werden müssen? Und dass jeder, der es tut, frei ausgehen soll als Diener an der höheren Idee der Freiheit?

Hatte sich nicht auch der „Cäsar“ in sein Schicksal gefügt und Rom durch sein Opfer die Freiheit wieder gegeben? Reichte die lange Tradition der Werte-Errettung nicht bis zu Stauffenberg und allen anderen Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus, die bereit waren sich zu opfern, damit die Ehre ihres Volkes und Vaterlandes weiter bestehe?

Die Situation irritierte mich gewaltig. Konflikte kamen hoch – und Fragen, Gewissensfragen, die sich alle Widerstandskämpfer stellen mussten, bevor sie handelten und zu Helden wurden. Wäre ich bereit, mich zu opfern und etwas zu wagen, vorausgesetzt die Tat hätte eine realistische Chance? Oder war mein Egoismus stärker als die altruistische Opferbereitschaft? Das war wohl so! Mir fehlte das Harakiri-Bewußtsein eines Samurai, der Fanatismus der Kamikaze-Flieger! Noch war ich keine zwanzig Jahre alt und lebenshungrig, fasziniert von den Möglichkeiten der Zukunft; ich wollte aufleben, lieben und genießen, nicht tot begraben unter der Erde liegen wie andere vergessene Helden, die ihr Leben für eine höhere Idee hingegeben hatten.

Noch war ich kein verzweifelter Selbstmörder, fühlte aber den inneren Drang, handeln zu wollen. Die Moral regte sich, das sittliche Bewusstsein. Ideen schossen mir durch den Kopf, die mich früher schon beschäftigt hatten, pflichtethische Gedanken in sonderbaren Assoziationen. Wenn einst ein Arzt eine unbehandelbare Krankheit bei mir diagnostizieren sollte, dachte ich zum wiederholten Mal, dann würde ich gern solch „einen Diktator mit auf die letzte Reise nehmen“, als Dienst an der Menschheit! Auch eine „negative Tat“ kann Sinn setzend wirken, wenn sie ein höheres Ziel verfolgt.

Das „Land vom Tyrannen befreien“, kann eine Pflicht sein, zu der in der Stunde der Not das ganze Volk aufgerufen ist. Die deutsche Verfassung schließt eine solche Tat nicht aus. Ein frühes Attentat auf Hitler, das, wie in Widerstandskreisen mehrfach geplant, auch den Chef der SS, Himmler, mit ausschaltete, hätte tatsächlich ein großes Problem gelöst. Denn Hitler war das Zentrum der nationalsozialistischen Machtstruktur, ein Kern, dessen Dämonie viele andere Kräfte bündelte und zusammenhielt.

Doch Ceauşescu war kein größenwahnsinniger Hitler, der die Welt in Brand setzte, sondern nur eine regionale Durchschnittsfigur mit einem Minderwertigkeitskomplex, eine Nummer, die mühelos durch eine gleichgeartete Puppe hätte ersetzt werden können. Also war ein Attentat sinnlos!? Auch ein Selbstopfer!

Primär galt es, das System zu verändern, nicht das Personenkarussell. Das aber hätten die Rumänen selbst übernehmen müssen, so wie sie es in den Tagen der Revolution mehr als ein Jahrzehnt danach taten, nicht aber ein Repräsentant aus einer Minderheit, der zudem „de facto schon ausgereist war“. Darüber hinaus kam kein richtiger Hass in mir auf. Hassgefühle, selbst auf abstrakte Unterdrücker bezogen, waren mir zutiefst fremd. Und selbst wenn ich den Repräsentanten der Tyrannis von Herzen hätte hassen wollen, wäre es unmöglich gewesen. Konnte man Witzfiguren hassen?

Marionetten der Macht ohne Eigenwert, einen durchtriebenen Honecker, einen spitzbärtigen, bieder wirkenden Ulbricht, der nebenbei ein großer Verbrecher war und all die anderen Popanzdiktatoren, die heute kaum noch jemand kennt? Mein innerer Aufruhr legte sich erst, als der Spuk vorbei war und die Geisterkolonne das Dorf ohne Zwischenfälle passiert hatte. Dann erst gab mich der dicke Milizmann frei.

Wie in einer Demokratie üblich, ja selbstverständlich, hatte ich im späteren Berufsleben mehrfach die Gelegenheit, dem Präsidenten der Republik, dem Bundeskanzler und einigen seiner Minister hautnah zu begegnen und jene Tuchfühlung aufzunehmen, auch ohne Händeschütteln und floskelhaftem Geplänkel, nur so, von Mensch zu Mensch, ohne dass zwischen dem einfachen Bürger und den ersten Dienern des Staates eine spürbare Distanz bestanden hätte. Ceauşescu hingegen entzog sich nicht nur meinem Anblick. Keiner der Anwesenden hatte ihn überhaupt zu Gesicht bekommen. Keiner der Spalierstehenden konnte wissen, ob er wirklich da war oder nur ein Double und in welcher der zwanzig Limousinen er sich verkrochen hatte. Fürchtete der Despot sein eigenes Volk oder nur die Minderheiten, denen nicht zu trauen war? Hinter einer abgedunkelten Scheibe aus kugelfestem Glas war er an uns vorbeigehuscht, irreal wie ein Gespenst in einem märchenhaften Traum – und nicht viel langsamer als einst König Karl und König Michael in ihren fliehenden Zügen. Potjomkinsche Dörfer brauchte es in Sackelhausen keine. Die Backsteinhäuser waren weiß getüncht wie immer – und die St. Michaels-Kirche hatte wieder einen hohen Turm mit drei wohl gestimmten Glocken. Sie schwiegen, als der Zug das Dorf passierte – die Menge aber hatte jubilieren sollen wie bei einem Freudenfest, einfach so, ohne Grund, Ceauşescu-Rufe skandieren und das übliche „PCR“! „RKP!“

Ein Stopp in der deutschen Gemeinde, ein Bürgergespräch, ein Austausch mit „wertvollen Anregungen“ – solches war nie vorgesehen. Wozu auch? Die Deutschen stellten nach wie vor die Mehrheit im Dorf. Und ihre Werte waren immer noch Paradigmen, denen andere nacheiferten.

Ceauşescu aber liebte die Deutschen genauso wenig, wie er sie schätzte. Aussteigen wollte er erst im Teilort westwärts im Kombinat, in den Ställen der Schweine, die ihm lieber waren als die Minderheiten, von denen er vielleicht wirklich soviel verstand wie einst Chruschtschow von den Ochsen – und deren Fleisch er in alle Welt verkaufte, bevor er, für „eine Handvoll Dollar mehr“, ein geeigneteres Handelsobjekt finden sollte.

Es war ebenfalls aus Fleisch und Blut. Doch mit Würde ausgestattet. Es waren die Deutschen im Land, Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, sowie ein paar wenige Juden, die auch nicht mehr bleiben wollten – und deren lebendige Kopfhaut wie einst die Skalps der Indianer mit „harter westlicher Münze“ aufgewogen wurde. Bald darauf brachte ein Spaßvogel, der gern Mal einen politischen Witz zum Besten gab, mein Tell-Erlebnis auf den Punkt.

Ceauşescu sollte nicht weiterhin Schweine züchten, sondern Deutsche. Dies sei weitaus gewinnträchtiger.

Das war wieder einmal Schwarzer Humor der makabren Sorte, der mich wenig glücklich stimmte. Der Witzbold aber riskierte mehrere Jahre Haft oder, wie später im Fall des ähnlich agierenden Schauspielers aus St. Georghe, ein ominöses Ende baumelnd an einem Baumast.

Nur Ceauşescu hatte sich bereits ganz anders entschieden – „gegen die Deutschen“. Er zog es vor, nur noch Rumänen zu züchten, indem er Abtreibungen mit hohen Strafen ahndete und blieb dabei, die Deutschstämmigen gegen Höchstgebot zu verhökern. Das schaffte ihm auch ein Minoritätenproblem vom Leib, das durch die Zwangssystematisierung, sprich durch das Schleifen der Dörfer sowie durch sonstige Assimilationsmaßnahmen nicht zu lösen war.

Advertisements

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s