Warten auf … den Pass – von der „Freiheit der Verweigerung“

 

Abwarten machte keinen Sinn. Es gab nur noch einen Ausweg aus der äußerst verfahrenen Situation. Ich musste wieder nach Bukarest reisen, um dort herauszufinden, wer die Ausreise meiner Familie in die Bundesrepublik verhinderte. Die Trommel meldete sich wieder und ein altes Motiv. Es war abermals wie im unfreiwilligen Bolero – da war ein Thema, das auf einer veränderten Ebene endlos variiert wird, bis zur Ekstase hin und bis zum Überdruss. Nur empfand ich keinen Genuss dabei, nur Abscheu und Ekel, vor der Welt, in der ich gefangen war und die meine Freiheit hemmte. Weiterhin musste ich mich redlich bemühen in der Hoffnung, von den Göttern doch noch erhört und erlöst zu werden – oder zumindest nicht allzu hart geprüft zu werden. Es gab kein Zurück. Nichtstun und Passivität hätten mich gleich in die Verzweiflung getrieben. Deshalb musste ich mich zu einer erneuten Offensive durchringen und nochmals in die ungeliebte Hauptstadt reisen, in eine Stadt, die nie zu meiner Stadt werden sollte.

Der erste, fast schon zur Routine gewordene Weg in Bukarest führte zunächst wieder in die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, wo ich mir die Freiheit nahm, die von meiner Warte aus sich als sehr unbefriedigend darstellenden Entwicklungen detailgerecht zu schildern. Der Konsularbeamte zeigte sich überrascht und zugleich ratlos, versprach aber, die bescheidenen Einflussmöglichkeiten der Vertretung zu nutzen und im Rahmen einer offiziellen Anfrage „zu intervenieren“. Die Botschaft hatte die Möglichkeit, in besonderen „humanitären Härtefällen tätig zu werden“, bei den zuständigen Stellen des Innenministeriums um Auskünfte zu bitten und eine Beschleunigung des Verfahrens diskret anzumahnen. Es waren höfliche, an sich unverbindliche Anfragen, die, den diplomatischen Gepflogenheiten gemäß, in der Regel auch höflich beantwortet wurden. Sie brachten etwas Bewegung in verfahrene Fälle und nicht selten auch die gewünschte Lösung. Die Zusage einer „Intervention“ beruhigte kurz, gleichzeitig leichte Zuversicht vermittelnd. Trotzdem überwog die Skepsis – denn sollte ich etwa aus allgemein ideologischen Gründen als Sündenbock und warnendes Beispiel für rebellische Nachahmer gestoppt worden sein, waren alle Bemühungen sinnlos.

In Bukarest existierten zwei sogenannte „Kommissionen“, die für übergeordnete Ausreiseangelegenheiten zuständig waren. Zunächst steuerte ich die erste der Kommission an, die in der Iorga – Straße angesiedelt war. Die Straßenbezeichnung geht auf den Nationalhistoriker der Rumänen zurück, der die moderne Historiographie seines Volkes begründete. Er war auch ein Mitbegründer der Nationaldemokratischen Partei und zeitweise ihr Vorsitzender. Im Jahr 1931 war er für kurze Zeit sogar Ministerpräsident. Nicolae Iorga war ein sehr produktiver Wissenschaftler mit dem Hang, viel zu schreiben. In diesem Punkt wurde er von einem seiner Studenten, von Mircea Eliade angegriffen, der ihm in einer Rezension oberflächliches Vorgehen unterstellte. Iorga soll später angeblich von Mitgliedern der antikommunistischen, rechtsextrem profaschistischen „Eisernen Garde“ ermordet worden sein. Doch in jenem Augenblick dachte ich nicht weiter an Iorga, noch an die „offizielle Geschichtsschreibung“ der Rumänen, die seit Iorgas Zeiten stagnierte oder an die Schicksale nicht konformer Historiker im Sozialismus, sondern an meinem Weg in die Freiheit sowie an die Umsetzung meiner Ideale.

Kurz vor dem Betreten des Kommissionsgebäudes fiel mein Blick auf die nur einen Steinwurf entfernte „Botschaft von Kanada“ vis- á- vis, vor der die große, weiße Staatsflagge mit dem roten Ahornblatt gehisst war. Kanada war nach wie vor ein Einwanderungsland, das auch manchen kommunismusmüden Rumänen aufgenommen und integriert hatte, ein moderner Staat, innerhalb dessen Grenzen zahlreiche Minderheiten bei Wahrung ihrer „ethnischen Identität“ harmonisch zusammenlebten. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, wo die Neubürger unterschiedlicher Rasse und Nationalität immer schon in einem Volk aufgingen, ja zu einer Nation „verschmolzen“, ermöglicht der kanadische Staat auch heute noch die Parallelexistenz unterschiedlicher Kulturen nebeneinander. Das helle, freundliche Gebäude selbst hatte den Charakter einer größeren Villa aus der „Belle Epoche“. Im Umfeld der etwas abgelegenen Botschaft war es ruhig. Menschen waren nicht zu sehen. Die Passkommission war in einem Reihenhaus aus den Zeiten der Monarchie untergebracht. Am Empfang ersuchte ich um Audienz. Man behandelte mich höflich, ließ mich aber wie üblich erstmals warten. Nach einiger Zeit wurde mir dann kurz mitgeteilt, mein „Fall“ werde nicht an dieser Stelle behandelt; die zweite Kommission, jene in der „Calea Rahovei“, sei dafür zuständig. Also galt es, jene Adresse zu finden, um dort anzuklopfen. Der Weg führte mich in eine andere Gegend von Bukarest. Am Ziel angekommen, fand ich einen modernen Glaspalast vor, in dessen Foyer ich vorerst wieder lange abwarten durfte.

Das Warten ist die sinnloseste Art, sein Leben zu verbringen. Kein Wunder, dass die Protagonisten des absurden Theaters, der Ire und der freiwillig irre Rumäne, sich gerade diesem Thema zuwandten. Warten ist destruktiv, da es ein geordnetes Denken verhindert. Als ich so abwartete und meine Gedanken um das Warten kreisten, stellte ich fest, dass ich nicht der einzige Mensch im Raum war, der wartete. Mit mir warteten noch andere Personen, die aus irgendwelchen Gründen das Land für immer verlassen wollten. Jeder Mensch wartet anders. Jeder entwickelt eine Methode, um über die Zeit zu kommen, um die Zeit totzuschlagen, um das Warten erträglicher zu machen, um mit ihm fertig zu werden, um es zu überwinden, ohne dabei zu verzweifeln. Manche rauchen, andere laufen auf und ab; manch einer knabbert an den Fingernägeln herum. Manche verschlafen das Warten und den Grund ihres Wartens. Manche stieren apathisch ins Leere. Und manche träumen auch … die Zeit vergessend. Noch war ich innerlich ruhig und versuchte mich auf mein unbekanntes Gegenüber einzustellen. Wartete ich doch schon seit Jahren! Zunächst höchst ungeduldig auf die lange ersehnte „Postkarte“, die nach Jahren des Wartens jene „Aufforderung zum Einreichen der kleinen Formulare“ übermittelte, dann harrte ich der „großen Formulare“ – und schließlich wartete ich auf das Ausstellen und Aushändigen eines „Reisepasses für Staatenlose“ und somit auf die Überwindung der letzten Hürde, um das „kommunistische Paradies“ für immer zu verlassen. Während der ewigen Warterei wurde ich zunehmend unruhiger. Was kam noch auf mich zu? Und wer würde mir gleich gegenüberstehen? Ein Laubfrosch oder ein Feuer speiender Drache? Ein „sozialistisches Ungeheuer“ von der Sorte, wie ich schon einige erlebt hatte?

Als ich endlich eintreten dufte, saß mir eine unscheinbar sterile Gestalt gegenüber, ein grauer Mann ohne Gesicht, der in jedem Verwaltungsapparat der Welt hätte bestehen können. Es war ein typischer Funktionär, dessen einzige Qualifikation wohl in seiner Parteizugehörigkeit bestand. Vielleicht stammte er aus „Scorniceşti“, dem Geburtsort des rumänischen Führers der Neuzeit? Vielleicht war er sogar als ein entfernter Verwandter des Diktators, ein Cousin der Gattin, ein Nepote eines Ministers – oder ein guter Bekannter der Putzfrau des Ministers? Und war als solcher in die Schlüsselposition gehievt worden? Was ihn auserkoren hatte, gerade hier zu sitzen und nicht auf irgendeiner Baustelle im Land, darüber konnte ich nur rätseln und Vermutungen anstellen, genauso wie ich über die Qualifikation einiger meiner Lehrer nur spekulieren konnte. Fakt war nur, dass sie alle ein „rotes Büchlein“ in der Schublade hatten, einen Sonderausweis, der ihnen einige Privilegien zusicherte – solange bis fast das gesamte Volk in der Partei war. Tatsächlich nachgeprüft werden konnte im sozialistischen Rumänien gar nichts. Auch das war nun einmal so.

Wir wechselten einige Sätze. Dann gab er mir klar zu verstehen, dass er es endlich begrüße, die Person vor sich zu haben, die ihm hier vor Ort so viele Scherereien und Ärger bereite. Während ich noch mit verwunderndem Rätseln beschäftigt war, was er damit meinte, ging er zur Formulierung seiner zynischen Quintessenz über, indem er selbstbewusst postulierte: „Solange ich hier sitze, wirst du das Land nicht verlassen!“

Das war eine eindeutige Aussage. So klang die Sprache der Diktatur. Ich reagierte geschockt. Geschockt von der endgültigen Gewissheit, dass hier offensichtlich doch „ein Exempel statuiert“ werden sollte als Mahnung und Abschreckung, aber auch heftig irritiert von der Art des Umgangs hier im Bereich des Innenministeriums. Das familiäre „Du“, das er sich im typischen Landesstil, der für die meisten unverschämten Geheimdienstler und Parteiaktivisten eine Selbstverständlichkeit war, einfach so herausgenommen hatte, ein „Du“, das klang wie ein „Du Hund“ oder „Du Bandit“, ärgerte mich genauso wie das eigentliche Negativverdikt dahinter. Kultivierte Menschen, die mir von Kindesbeinen auf das Rumänische beigebracht hatten, sagten in der Regel noch „dumneavoastra“, was nicht weniger bedeutet wie „domnia voastra“ – also Ihre Hoheit, wenn sie eine Anrede formulierten; oder sie sagten einfach „dumneata“, was immerhin noch „Deine Hoheit“ bedeutet. Darin war ich ihnen als höflicher Mensch gefolgt. Doch dieser Bursche hier hatte mit dem „Pluralis Majestatis“ längst gebrochen. Mit der Verjagung des Königs, des letzten aus der langen Reihe der „blutsaugenden Ausbeuter“, hatten die Kommunisten die bürgerliche Kultur und Zivilisation gleich mit weggejagt. Die Sprache hatte sich inzwischen stark verändert, zum Negativen hin, zum Nivellierenden – und mit ihr der Umgangston untereinander von „Genosse zu Genosse“ und vor allem im Gespräch mit den neuen Untertanen. Der derbe Sprachstil deutete auf die gesunde proletarische Herkunft des Sprechenden, auf die Herkunft aus der Gosse hin.

Ich war erschüttert, inzwischen zunehmend mehr vom Gehalt als von der Gestalt. Die Botschaft wurde mir langsam bewusst. Es war also aus, vorbei mit der schon genehmigten Ausreise! Zorn kam auf. Wie konnte diese Unperson, deren Namen ich nicht einmal kannte, da er vergessen hatte, sich vorzustellen, so tief und entscheidend in den Verlauf meines künftigen Werdeganges eingreifen? Vor mir saß eine Erscheinung in Menschenform, die einfach nur zynisch und boshaft war und die geradezu den Ungeist der Negation und das Walten des Bösen in der Welt zu verkörpern schien. Also doch ein Drache – ein Draco – ein Teufel! Auf seine Art war er ein „Prototyp des Systems“, das nicht viel anders war und das ebenso rücksichtslos wie frech in die fundamentalen Rechte und Freiheiten des Menschen eingriff und sie mit Füßen trat. Das war die „Willkür der Diktatur“. Bisher hatte ich unterschiedliche Formen des Bösen erlebt bis hin zu ganz primitiven Sadisten, die Menschen aus niederer Genugtuung und perverser Lust folterten. Dieser hier war einfach nur böse. Weshalb ließ Gott dies zu“, fragte sich mein christliches Gewissen. Die etwas einseitige Diskussion wurde bald abgebrochen, noch bevor ich nach tieferen Gründen der Verweigerungshaltung fragen konnte. Vermutlich gab es keine. Als ich das Gebäude verließ, um nach Temeschburg zurückzureisen, hatte ich kein gutes Gefühl. Ich war tief gestimmt und fast verzweifelt. Der schwache Trost, die Intervention der deutschen Botschaft könne doch noch fruchten, versöhnte mich nicht. Was blieb mir noch? Die Brechstange oder der Ausbruch … die Flucht … vor der endgültigen Vernichtung? Jetzt war ich endgültig ratlos und wusste nicht mehr, wie es weiter gehen sollte.

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