Staatspräsident „auf Lebenszeit“ und KP-Chef Ceauşescu – Reflexionen eines Ungehorsamen

 

Da ich aus der Sicht des Geheimdienstes zu den Risikopersonen der Region zählte, sollte ich vorsorglich in Präventivhaft genommen werden, um mögliche irrationale oder auch sehr rational geplante Aktionen auszuschließen, die ein notorischer Rebell hätte begehen können. Ein Mordanschlag auf den im Jahr 1978 „noch nicht unpopulären“ Staatschef war ziemlich unwahrscheinlich. Umso realistischer aber waren Zwischenfälle anderer Art, gerade wenn Gebiete bereist wurden, wo Deutsche oder Ungarn lebten, im Banat oder in Siebenbürgen. Es war nämlich bereits guter Brauch und Sitte, dem Partei- und Staatschef, wenn man ihn schon einmal im Leben zu Gesicht bekam, eine „Bittschrift“ mit einem persönlichen Anliegen zu überreichen. Oft wurde er dabei mit „nichtsozialistischen Forderungen“ konfrontiert und an „Menschenrechtsverletzungen“ aller Art erinnert, was ihm, dem roten Landesfürsten, höchst unangenehm war und peinlich aufstieß. Also wurde ich an jenem besonderen Hundstag wie üblich festgesetzt und genötigt, an der Seite des Dorfpolizisten die von Temeschburg herrollende Fahrzeugkarawane abzuwarten. Schön war das nicht, so exponiert und für alle Zaungäste gut erkennbar neben dem Dicken zu stehen; doch immerhin war es besser als hinter Gittern eingesperrt in der Arrestzelle abwarten zu müssen, bis die ganze Maskerade vorbei war. Das Ereignis brachte etwas Abwechslung in den Alltag – und die Rück-Erinnerung an zwei Monarchen auf unfreiwilligen Reisen! Ceauşescu aber war noch reisefreudiger als der polnische Papst.

Er sah viel von Afrika, wo er als großer Führer galt; er erweiterte seinen Horizont und schaffte es bis nach China; dann, flexibler als andere Betonköpfe im Ostblock, sogar zum verhassten Klassenfeind in die USA, nach England zur Queen, ja selbst in die Bundesrepublik, wo doch die Nachfahren Hitlers lebten. Dabei fiel ihm jedoch nicht auf, dass seine Untertanen auch gern etwas von der weiten Welt gesehen hätten, sogar auf eigene Kosten. Während für die meisten Bürger strenge Reisebeschränkungen galten, gebärdete sich Ceauşescu wie ein Vogel in freier Luft und flog überall hin, wo er gut empfangen wurde. Wenn der Führer nicht gerade im Ausland weilte, dann reiste er regelmäßig durchs eigene Land, weiter „wertvolle Anweisungen“ erteilend, um so dem Blühen und Gedeihen in allen Bereichen auf die Sprünge zu helfen.

Er konnte alles, er wusste alles und irgendwo war er in seinen Ratschlägen noch weitsichtiger und unfehlbarer als der Papst in dogmatischen Fragen. Das war so – und keiner hatte etwas dagegen einzuwenden – wie heute noch in Nordkorea. Wenn der zunehmend scheuer und paranoider werdende Despot, der sich ab diesem Zeitpunkt bereits zurückzuziehen und zu verstecken begann, sein Land bereiste, sah er überall am Wegrand nur das, was er erwartete und was die unfehlbare Partei angeordnet hatte: Symbole des Lichts, Zeugnisse des Aufbruchs in eine neue Ära des Fortschritts und Wohlergehens für alle, kurz, er sah die inszenierten, für die Selbsttäuschung dringend notwendigen „potjomkinschen Dörfer“, die ihm allesamt, signalisierten und bestätigten, dass sich die Gesellschaft dank seinem Genius und „unter der Führung der einzigen Partei im Land“ prächtig entwickelte und dass die „Prosperität des Landes“ kontinuierlich zunehme. Das Erreichen und Überflügeln der dekadenten Ausbeutergesellschaft des Westens war nur eine Frage der Zeit.

Ceauşescu genoss diese Lüge, die ein Wesenselement des rumänischen Kommunismus war, wie er alles gauklerisch Trugbildhafte der Wirklichkeit vorzog als Selbstbestätigung wie der kranke Cäsar Nero seine Poesie. Die Kommunisten hatten die Geschichte umgeschrieben und sich selbstherrlich an eine Stelle gesetzt, die ihnen nicht zukam. Und sie hatten sich zum Motor einer Utopie gemacht, die nicht gelingen konnte, weil sie am Wesen von Mensch und Gesellschaft vorbei ging.

„Was wären meine Untertanen, wenn sie die Sonne nicht hätten, die sie täglich anbeten dürfen“,

sagte er sich vielleicht. Nur leider beteten sie einen Menschen an – und, wie in jeder Diktatur, keinen Übermenschen, sondern das krasse Gegenstück davon.

Das „Genie der Karpaten“, vor dessen übermenschlicher Ausstrahlung nach dem Zeugnis seiner Hofdichter selbst der Glanz der Fixsterne verblasste, lebte mit seiner ebenso infantilen wie boshaften Frau in einer Scheinwelt, die sich jeder Bewertung entzogen hatte, die aber, zu meiner großen Verblüffung, fast von der gesamten Erwachsenenwelt des Landes, von den Rumänen wie von den Minderheiten, stoisch und ohne Murren ertragen wurde. „Dulden und Ertragen“ – das waren wohl Nationaltugenden!?

Man hatte die Türkenbesatzung über Jahrhunderte ertragen. Also ertrug man auch die Kommunisten, die zumindest vorgaben, Rumänen sein zu wollen. Von der tatsächlichen Realität selbst wollte Ceauşescu in jener Zeit nur noch wenig wissen; noch weniger vom Westen des Landes, vom Banat oder dem stets bedrohten Siebenbürgen, wo die lästigen „mitwohnenden Nationalitäten“ lebten, Ungarn und Deutsche.

Nachdem Ceauşescu als scheinbarer Dissident im Ostblock durch den Nichteinmarsch in Prag einige Sympathien des Westens gewonnen und diesen eine gewisse Zeit mit einem vorgegaukelten Pseudoliberalismus umnebelt hatte, war er einer weltfremden Entrücktheit verfallen, deren Kulminationspunkt ein hypertropher Personenkult war. Seitdem er Maos China gesehen und von Kims Korea gehört hatte, seit dem er Castros flammenden Reden gelauscht und Mobutus Zepter bewundert hatte, wollte der kleine Schuster aus Oltenien werden wie sie – ein gefeierter Führer – mit täglichen Akklamationen, mit Zepter und mit Kronjuwelen. Die Krone selbst setzte er vielleicht nur im Verborgenen auf, wie der Eber Orwells nur im Verborgenen den Whiskey schlürfte.

Temeschburg, wo er Willi Stoph, den damaligen Regierungschef der DDR, eher frostig als herzlich empfangen hatte, war für ihn, den schüchternen, unsicheren und misstrauischen Nationalisten, ein exotisch fremder, unheimlicher Ort; eine Stadt, die von Deutschen aufgebaut worden war, die durch und durch bürgerlich war, eine Hochburg der Kultur und der Minderheiten. Kurz, die einstige Freistadt war ein Ort, „an dem er sich einfach nicht wohlfühlte“ und in den er so selten wie möglich kam, obwohl man auch da, nur für ihn – ganz wie bei Saddam Hussein – eine palastähnliche Villa bereithielt – angeblich mit goldenen Zapfhähnen aus denen kein chlorhaltiges Bega-Wasser tropfte, sondern edelster Wein aus Margaux.

Als der Präsidententross sich Sackelhausen näherte, der Führer selbst irgendwo versteckt in der Kolonne von etwa zwanzig schweren Mercedes-Limousinen, stand ich wie andere Hergetrommelte am Wegrand, unmittelbar neben dem dicken Wachmann wartend wie Tell in jener „hohlen Gasse“, nur weniger entschlossen und unbewaffnet, ohne Armbrust und Pfeil. Mein Inneres und Äußeres aber ließen eine sozialistische Gesinnung vermissen. Ganz in Grün gekleidet, wie ein Jäger und mit Werbeaufklebern übersät, wirkte ich provokativ und auffällig. Mir war es sonderbar zumute. Die Gedanken, die bisher nur den „Führer“ umkreist hatten und die heuchlerische Gesellschaft um mich herum, fanden keinen Fixpunkt. Da kein Aufenthalt im Ort anstand, erwartete ich nichts Sensationelles, keine Protestmanifestation und auch keine Verzweiflungstat. Damals, 1978, war Sackelhausens kleine Welt noch weitgehend in Ordnung. Andererseits war ich innerlich gespalten, erfüllt vom Geist der Revolte, nicht gegen meine biederen Landsleute, die sich die Verachtung und den Hass anderer Intellektueller zugezogen hatten, vielmehr aber gegen das menschenverachtende System des Kommunismus, dessen oberster Repräsentant bald konkret in mein Leben treten sollte: Hier und jetzt nahte ein Geßler unserer Tage, ein Tyrann, von dem ich nicht wissen konnte, ob er nicht doch anhalten würde, um mich zu zwingen, dem Hut die Reverenz zu erweisen. Schließlich war auch ich ein Untertan, der, wie es immer wieder hieß, „rumänisches Brot aß“.

Wie würde ich ihm begegnen, wenn es dazu käme? Würde ich kuschen oder ausspucken? Die innere Spannung stieg, je näher die Kolonne kam. Bald würde ich erstmals einen „leibhaftigen Diktator“ erleben und somit jene Person, die für alles verantwortlich zeichnete, was in meinen Augen krumm lief und schief in der Gesellschaft des Unrechtsstaates.

Ceauşescu hassen?

Das konnte ich nicht. Nicht nur deswegen, weil er meinem sympathischen Onkel leicht ähnlich sah und sich das Gefühl dagegen wehrte, sondern auch weil ich überhaupt nicht hassen konnte. Ich verachtete ihn nur, nicht als Person, sondern als das blinde Mittelmaß, das überhaupt nicht merkte, was es anrichtete.

Die Gestalt aus dem Fernsehen rückte weiter an mich heran, mich unbewusst bedrängend, als ob der Leibhaftige nahte. Bisher hatte ich nur seine Vorhut erlebt, den Dicken neben mir, die giftigen Schlangen im „Securitate-“ Bau in der Stadt, willfährige Handlanger Stalins, die in blindem Gehorsam jene Ungesetzlichkeiten, ja Verbrechen ausführten, zu denen sie die Führungskraft im Land, die Partei, aufforderte, – jetzt aber nahte der Basilisk persönlich, der rumänische Zögling Stalins, das oberste aller Chamäleons, der große Satan?

Unbehagen stellte sich ein, so als würde sich eine Hölle auftun. Es war eine Bedrohung, die nur unwillkürlich als solche wahrgenommen werden konnte, ein dunkles Unwohlgefühl, ein Walten des Unbewussten, das mit dem Geist weder durchschaut, noch erklärt werden konnte. Der „Titan der Titanen“ kam näher – doch, wie so oft und überall, trog der Schein auch hier und jetzt. Irgendwo hinter dunklem Panzerglas in einer schweren Limousine aus Sindelfingen kauerte ein zusammengeschrumpftes Männlein mit schwacher Blase und schielte scheu in eine ihm fremde Welt. Ceauşescu war keine eindrucksvolle Persönlichkeit. Ihm fehlte das persönliche Format, auch als „Diktator“. Er hatte weder etwas von der mephistophelischen Dämonie des Führers, die nicht nur seine Anhänger in den verhängnisvollen Bann zog, noch etwas von der romanisch rhetorischen Demagogie des „Duce“, der sein Volk umgaukelte und zum Größenwahn verführte, oder etwas von der offensichtlichen Bosheit eines „Väterchen Stalin“. Ceauşescu war nur eine unsichere Figur, ein unkultivierter Tollpatsch, der sich in einem Augenblick der Selbstvergessenheit beim Staatsbesuch auch Mal den Mund am Tischtuch abwischte; ein schüchterner, stotternder Biedermann, dessen Dummheiten als Staatschef weniger auf Schlechtigkeit und Niedertracht, sondern vielmehr auf Inkompetenz und Stümperei beruhten.

Dass er während seiner aufstrebenden Zeit beim Militär auch Verbrechen begangen haben sollte, daran wollte ich nie wirklich glauben. Das passte nicht ganz zu ihm. Irgendwann war auch er als Idealist in die Welt gestartet, er hatte für die Ideale des Kommunismus in der Illegalität gekämpft. Und er hatte sogar ein gewisses Martyrium in der Kerkerzelle hinter sich gebracht, bevor ihn sein „Genosse“ Ion Gheorghe-Maurer, der spätere Ministerpräsident, als General verkleidet in einem Husarenstreich aus dem Gefängnis holte. Dann war ihm die Macht zugefallen – mit dem Segen Moskaus, eine Herrschaft, die er dann nicht mehr hergeben, ja „auf Lebenszeit“ behalten wollte; und mit ihr eine absolutistische Führungsrolle, die nie auszufüllen war, weil die Mittelmäßigkeit dagegen stand. Nicolae Ceauşescu war die gleiche Durchschnittsgestalt wie die anderen Staatenlenker Osteuropas auch – ohne Charisma und Augenmaß, wie Max Weber vielleicht feststellen würde – nicht viel anders als seine proletarischen Führungskollegen Honecker, Kadar, Schivkov, Gierek und Breschnew.

Zuweilen war Ceauşescu ein unvollendeter, ja ein „schäbiger Despot“. Wenn die sauertöpfische Elena an seiner Seite schritt, die als Protagonisten der Ranküne das Niederziehende als Prinzip zu verkörpern schien, wirkte der „Conducător“ noch unscheinbarer. Deshalb verachtete ich auch nicht die allzumenschliche Person in ihm, sondern den Träger einer unwürdigen Idee. Ceauşescu war ebenso ein Polarisationspunkt mit tragischer Komponente! Er, der andere so gern als „Esel“ bezeichnete, war eigentlich selbst irgendwo eine Art Esel, auf den man zielte und den man verbal schlug, obwohl man „das gesamte System des totalitären und repressiven Kommunismus“ meinte.

Wie andere Diktatoren auch wurde er später von seinen Zöglingen und Erben zum „Sündenbock“ hoch stilisiert und machtpolitisch bequem zum Alleinschuldigen und Alleinverantwortlichen erklärt. Ceauşescu war ein Popanz, eine Puppe in der Hand mächtiger Puppenspieler im Kreml und seiner unmittelbaren Umgebung. Damals schon war er in einer tragischen Konstellation gefangen, ohne sich dieser Auslieferung recht bewusst zu sein. Er wurde von seinen Nachfolgern benutzt, wie alle Marionetten benutzt werden in einer Welt, in der der Schein mehr zählt als das Sein.

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