Panta rhei – auf der Suche nach oppositionellen Alliierten

 

Die „eigentlichen Aktivitäten“, Akquisition von potenziellen Mitstreitern und kritische Kommunikation mit jedermann, fanden in der Regel außerhalb jener Anlaufpunkte statt, nämlich in der Stadt selbst. Wir waren ständig unterwegs und permanent in Bewegung. „Panta rhei“ auch im Alltag.

Das machte eine „systematische Observierung durch „Securitate-“ Agenten“ nahezu unmöglich. Obwohl ständig im Fadenkreuz des Geheimdienstes, bewegten wir uns immer noch relativ frei und versuchten unsere Zeit, so sinnvoll wie möglich zu gestalten. Nur manchmal fiel uns der helle Dienstwagen des Schlangenmenschen auf, der an einer dreistelligen Kennzeichennummer, die wir uns eingeprägt hatten, gut zu identifizieren war. Wenn mir mein an sich recht gutes Gedächtnis keinen Streich spielt, dann war es wohl das Kennzeichen „TM-132“, eine sogenannte „Stab-Nummer“. Je kleiner die Zahl, desto wichtiger der Insasse. Wenn wir den Wagen des „Bösen“ ausmachten, des Basilisken, der auch von dem dicklichen Ungar, dem „Guten“, mitbenutzt wurde, suchten wir schnell das Weite und versuchten, so gut es ging, abzutauchen. Die Schlange mit dem Hahngesicht konnte schnell zur Chimäre auswachsen und zur Schimäre – und uns noch über die Realität hinaus verfolgen; in die Welt des Schlafes und des Traumes.

Selbst Träume verlaufen im Sozialismus anders und steigern sich zu Albträumen in denen Schlangen sich zu Medusen wandeln oder zur neunköpfigen Hydra als unangenehme Allegorien des real existierenden Staates. Auch damit mussten wir fertig werden, ohne anderen Personen diese innere seelische Not klagen zu können.

Wozu Psychotherapie, wozu Psychiatrie, wozu Psychoanalyse und wozu Psychologie in einem System, das ohne Seele auskam und in dem alle psychisch gesund waren, bis auf jene paar Verrückten, die paranoid geworden, sich den Thesen der Partei widersetzten und mit starken Barbituraten in psychiatrischen Anstalten ruhiggestellt und isoliert werden mussten. Oder jene, die um ihre Neurosen auszukurieren, psychopathologische Literatur produzierten. Solange wir frei waren, verdrängten wir vieles, und vieles war uns noch nicht ganz bewusst. Manchmal lebten wir auch sorglos in den Tag hinein, in einem „Dolce far niente“, während andere ihren konventionellen Beschäftigungen nachgingen.

Andererseits waren wir damit beschäftigt, neue Kontakte zu knüpfen und potenzielle Mitstreiter zu suchen, die ähnlich dachten wie wir. Wir kommunizierten mit vielen Menschen; mit inländischen Studenten, die an der Universität oder am Polytechnikum ihren Studien nachgingen, besuchten sie in ihren Unterkünften, diskutierten und feierten miteinander; wir unterhielten uns mit den zahlreich anwesenden Studierenden aus Entwicklungsländern vor allem über Aspekte, die unser Wissen über das uns weitgehend verschlossene Ausland erweiterten; wir setzten auf die „Solidarität des Kreuzes“, visitierten Repräsentanten der Kirchen, auch der evangelischen versuchend auszuloten, ob und mit welcher flankierenden Mitwirkung aus jener Ecke zu rechnen war; ferner besuchten wir einfache Rumänen, die sich selbst schon zu kleinen Gruppen zusammen geschlossen hatten und auch deren ganzes Trachten sich auf das Verlassen des Landes konzentrierte. Wir trafen weitere Opfer des Stalinismus, die uns die schrecklichsten, selbst erlebten Vorfälle aus den Vernichtungslagern erzählten mit dem Hinweis darauf, dass allein bei dem gigantomanischen Donau-Kanalprojekt geschätzte hunderttausend Menschen umgekommen sein sollen; wir trafen darüber hinaus ungezählte Donauschwaben und andere Angehörige der deutschen, ungarischen und serbischen Minderheit in Temeschburg, mit denen wir unverblümt all das erörterten, was uns bewegte.

Aus dem bisherigen „Ich“ wurde ein „Wir“. Das einsame „Allein in der Revolte“ hatte ein Ende gefunden. Aus dem Subjektiven wurde das Intersubjektive, das Objektive, das die Gesellschaft so spiegelte, wie sie war. Der offizielle Machtapparat hatte im Konsens mit dem Diktator und wohl auch auf dessen Anweisung hin im ganzen Land eine Atmosphäre des Misstrauens, der persönlichen Verunsicherung und Verängstigung geschaffen. Wir spürten die Auswirkungen unmittelbar in unseren Gesprächen. Trotzdem war im liberaleren Westen des Landes immer noch viel mehr möglich als im freiheitlich kurz gehaltenen Landesinnern.

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