Menschenhandel und Kopfgeld

 Menschenhandel und Kopfgeld

Das Ergebnis dieses für die deutsche Minderheit sehr wichtigen Arbeitsbesuches war ein offiziell nie ganz offen gelegter bilateraler Vertrag, in welchem die Bundesrepublik Deutschland dem hoch verschuldeten, wirtschaftlich bereits angeschlagenen Rumänien ein Darlehen in der Größenordnung von mehreren Hundert Millionen Deutsche Mark bei niedriger Verzinsung einräumte. Die Bundesrepublik, seinerzeit innenpolitisch in der Auseinandersetzung mit der militant agierenden „Baader-Meinhof-Bande“, wirtschaftlich selbst in einer Hochzinsphase, doch als Exportnation erfolgreich, verknüpfte die Kreditvergabe ebenso diplomatisch diskret mit Ausreiseerleichterungen für Deutschstämmige im Rahmen der Familienzusammenführung. Statt der dahinplätschernden, unsystematischen und zufälligen Ausreise von Einzelnen, die jederzeit versiegen konnte, sollten nunmehr Jahr für Jahr etwa zehntausend Angehörige der deutschen Minderheit, die gerade noch zwei Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte, das Land in Richtung Bundesrepublik verlassen dürfen – zehn Jahre lang. Die Gegenleistung der Bundesrepublik bezifferte sich auf ein makabres Kopfgeld von lächerlichen zehntausend Mark an Zinsverzicht; eine abstrakte Zahl, die in ihrer Höhe noch grotesker erscheint, wenn man sie mit dem zehnfachen Betrag konfrontiert, den die Bundesrepublik für den Freikauf von Bürgern aus dem zweiten deutschen Staat investierte, die oft nur gewöhnliche Kriminelle waren, die zur Zersetzung des Westens seitens der DDR-Regierung abgeschoben wurden. Der tatsächliche „Wert eines Menschen“ bezifferte sich auf ein paar Tausend Deutsche Mark. Ich selbst war faktisch weniger wert als eine bessere Armbanduhr aus der Schweiz, ein Rennpferd, ein Zuchtbulle oder ein deutscher Kleinwagen, der in unzähligen Stückzahlen in Wolfsburg oder Stuttgart vom Fließband lief.

War die viel verachtete und in den offiziellen Geschichtsbüchern gebrandmarkte Sklavenhaltergesellschaft wieder angebrochen? Waren wir wieder auf einem Menschenmarkt, wo die Piraten der Neuzeit ihre kaum erst eingefangene Frischware meistbietend verhökerten? Waren wir irgendwo fernab in Schwarzafrika? Wie viele Kamele wurden für eine holde Jungfrau aus dem Banat geboten? Oder lebten wir doch im Europa der Nachkriegsepoche, in einer Zeit, wo nach den schrecklichen Tagen der Vernichtung „das Völkerrecht auf den ethischen Prinzipien der Menschenrechte“ begründet worden war, kurz vor dem Ausklang des historisch so verhängnisvollen Zwanzigsten Jahrhunderts?

Deutschland wollte diesen vertraglich geregelten und geordneten Freikauf schon aus demografischen und logistischen Gründen. Ein ungeordnetes und gehäuftes Einwandern hätte Schwierigkeiten verursacht. Die zahlreichen, gut ausgebildeten, deutschen Fachkräfte, Handwerker und Akademiker konnten mühelos von einem Tag zum anderen in die Gesellschaft der Bundesrepublik eingegliedert werden. Für Deutschland waren diese in jeder Hinsicht „fertigen“ Menschen ein vielfacher Gewinn, während sie für das noch rückständiger werdende Balkanland einen schwächenden Aderlass bedeuteten, der nicht mehr angemessen kompensiert werden konnte. Ceauşescu, der ein glühender Nationalist war, stets daran interessiert die Zahl seiner Rumänen rapide anwachsen zu lassen, sah jedoch nicht nur den Geldsegen. Mit der endgültigen Aussiedlung der deutschstämmigen Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben in die Bundesrepublik löste er auf einen Schlag ein Minoritätenproblem, das er mit seiner wahnwitzigen Zwangssystematisierung nicht in den Griff bekommen hatte. Zurück blieben nur noch die Ungarn, deren Bekämpfung darauf hin besser fokussiert und effizienter betrieben werden konnte. Dieser zwischenstaatliche Vertrag, an den sich beide Staaten tatsächlich hielten, war der Auftakt zu einem „unaufhaltbaren Exodus“, zur systematischen „Entsiedlung des Banats“ und des schon vor achthundert Jahren von Deutschen besiedelten „Siebenbürgen“.

Eine unumkehrbare Ausreisewelle kam in Gang, die eine Eigendynamik entwickelte und bald zur „Torschlusspanik“ führte, bei der keiner der Letzte sein wollte. Die meisten Ausreisewilligen wurden darüber hinaus unter Ausnutzung dieser Stimmung von gewissen geschäftstüchtigen Systemprofiteuren, die allesamt Mitarbeiter der „Securitate“ waren, motiviert, die schon offiziell bezahlte Prämie zu erhöhen; sie noch einmal freiwillig zu verdoppeln, um sich damit noch rechtzeitig einen der knappen Plätze im Ausreiseexpress nach Westen zu sichern. Diese Untugend, der sich später kaum noch jemand entziehen konnte, führte dazu, dass sich die Menschen über Verwandte im Westen die nötigen Devisen beschafften. Sie verschuldeten sich dadurch privat auf Jahre hinaus, um das Schmiergeld korrupten Geheimdienstmitarbeitern und Staatsbeamten aufzudrängen, „ohne Beleg oder Quittung“, ohne jede Möglichkeit, es in veränderten Zeiten zurückfordern zu können. Einige erreichten mit dem teuer erkauften „Geschwindigkeitszuschlag“ zwar etwas schneller die persönliche Freiheit; andere hingegen, die ihre geliehenen Summen blauäugig Trittbrettfahrern anvertrauten, blieben ohne Gegenleistung auf ihren hohen Schulden sitzen und konnten erst nach dem Zusammenbruch der Diktatur ausreisen.

Für viele Landsleute war der später abzutragende Schuldenberg eine Last, die eine erschwerte Eingliederung zur Folge hatte und nicht selten zu einer von Anfang an verbauten Existenzperspektive führen sollte. Gemessen an jenen, die dank ihres oppositionellen Engagements ausreisen durften, waren alle diese materiell belasteten Menschen im Grunde unfrei und nur noch bedingt in der Lage, den Weg der Selbstverwirklichung in Freiheit zu beschreiten.

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