In den Vorhallen des Orakels

 

Meine Familie hatte bereits längst alle erforderlichen Ausreiserituale durchlaufen. Nach dem „Einreichen“ der sogenannten „kleinen Formulare“ waren nach einiger Zeit auch die „großen Formulare“ den Ausreisebehörden übergeben worden, was einer „genehmigten Ausreise“ entsprach. Wer diese Stufe erreicht hatte, war praktisch schon staatenlos und gen Westen unterwegs. Nach konventionellem Muster erfolgte die tatsächliche Ausreise in neunundneunzig von hundert Fällen dann bereits nach wenigen Wochen.

In unserem Fall aber kam irgendetwas Ominöses dazwischen – der Ausreiseprozess zog sich in die Länge, um bald ganz zu stagnieren. Weshalb blieb meiner Familie die Ausreise vorerst versagt. Was war geschehen? Wir wussten es nicht – und konnten es auch nicht erfahren. Die berühmte Ausnahme des Regelfalls war eingetreten – und damit ein Zustand, der mich irritierte und verwirrte. Als Ausreisekandidat hatte ich mich bereits innerlich auf ein Leben in Freiheit eingestellt und dementsprechend auch mental mit den unbefriedigenden Verhältnissen meines Umfelds abgeschlossen. Im Kopf war ich eigentlich schon weg und weilte bereits gedanklich in der Welt der weiten Möglichkeiten, träumte mit offenen Augen von den grünen Hügeln der Toskana, von den lavendelblauen Feldern der Provence und von anderen kulturellen Zentren der Menschheit, die ich unbedingt bald erleben wollte. Schon sah ich mich durch Wien schlendern, lustwandeln im Belvedere und in Schönbrunn die hängenden Gärten vergangener Zeiten bewundernd. Schon sah ich mich im großen Konzertsaal der Musikfreunde, einer mächtigen Symphonie lauschend, der Unvollendeten vielleicht oder einer von Bruckner oder Mahler – oder ich saß in der Staatsoper und hörte endlich Wagner – den Ring der Nibelungen, den ganzen Ring und noch mehr von dem sensiblen Meister, der auch ein Revolutionär war und dessen Werk ich bisher nur vom Hörensagen kannte, weil er, im gesamten Ostblock als bürgerlicher Dekadent und als notorischer Antisemit verschrien, nirgendwo aufgeführt wurde. Schon fuhr ich im offenen Kabriolett den Sunset Boulevard entlang, in die illusionäre Welt von Hollywood, durch die Straßen von San Francisco und über die Golden Gate Brücke, in die Weite der azurnen Bay blickend bis nach Hawaii.

Schon fühlte ich deutlich, wie es ist, wenn das Haar frei im Wind weht; wie es ist, wenn man, jenseits aller Verfolgung, dorthin gehen kann, wohin man will; ich ahnte, wie es sein kann, wenn man, endlich dem großen Gefängnis entronnen, erlöst und frei durchatmen kann; wie es ist, endlich ganz frei zu sein. Wer sich lange nach einem besonderen Wert gesehnt hat und plötzlich vor der Erfüllung seiner Träume steht, erlebt ein ekstatische Gefühl des Glücks jenseits jeder Beschreibung. Aus dieser erhebenden Stimmung der vorweggenommenen Glückseligkeit wurde ich dann unsanft zurückgestoßen: ins Nichts.

Alles kam schlagartig zum Stillstand. Gelähmt und erschüttert wartete ich ab; Wochen, Monate vergingen. Meine Nervosität steigerte sich täglich, ja stündlich, je mehr ich über die „undurchschaubaren Gründe der Stagnation“ nachdachte. Immer noch nichts, nur Starrheit und Verweigerung. In dieser verfahrenen Lage, die sich mit zunehmender Deutlichkeit der stillen Verzweiflung näherte, musste ich etwas tun. Wieder sah ich mich zum Handeln gezwungen.

Da ich ohne Arbeitsplatz und Ausbildungsstelle jedoch zur sozialen „Kategorie der Vogelfreien“ zählte und jederzeit auf der Grundlage bestimmter Verordnungen, speziell des „Dekretes Nr. 153“ verhaftet, abgeurteilt und ins Gefängnis geworfen werden konnte, auch „ohne objektiven Grund“, galt es, vorsichtig zu agieren. Meine vertrauten Freunde Ewald, Erich, Hans, Erwin und Viktor, waren bereits zum Militärdienst eingezogen worden. Das drohte jetzt auch mir noch, wenn an meinem nicht genau definierbaren „Status eines Ausreisekandidaten“ gerüttelt werden sollte. Schlimmste Befürchtungen kamen auf.

Deshalb begab ich mich zunächst noch zaghaft in das Gebäude des Geheimdienstes, in welchem auch die Passabteilung untergebracht war und fügte mich diszipliniert in jene lange, träge Schlange ein, die sich vor dem Büro des für Ausreiseangelegenheiten zuständigen Funktionärs gebildet hatte. Dass ein Stockwerk über im Terrarium noch ganz andere Schlangen ihr Unwesen trieben, bis hin zu den königlichen Schlangen, den ganz giftigen und dem Basilisken, dass verdrängte ich.

Das Schlangestehen, eine typische Eigenheit des Engländers, der damit seinen hohen Zivilisationsstandard ausdrückt, war in den von Mangelwirtschaft bestimmten Ländern des Ostblocks ein gängiges Phänomen. Wer ein stoisches Bewusstsein, die Geduld eines Esels und die nötige physische Konstitution mitbrachte, um stundenlang auszuharren, konnte manches ergattern und vieles erfahren. Also reihte auch ich mich ein in die Menschenschlange und wartete, mein hitziges Temperament etwas zähmend, ungeduldig ab, bis ich in das Allerheiligste eingelassen wurde – in ein winziges Büro, wo eine Drohne des Systems thronte. Endlich durfte ich eintreten. Es war ein schlichter Raum im Erdgeschoss, mit kargem Mobiliar ausgestattet, nicht viel anders, als die als Folterkammern genutzten Büros in den höheren Stockwerken des Gebäudes. Hinter einem mattgelblichen Schreibtisch kauerte ein bereits im Dienst ergrauter Zwerg, der aussah als hätte die Gicht ihn zum kompakten Klumpen geformt. Es saß da wie ein „steinerner Gast“ aus der Unterwelt, wie eine modernde Sphinx, vor der die Ratsuchenden redeten und klagten wie an einer Klagemauer. Seine von Falten durchzogenen Gesichtszüge mit der versteinerten Miene erinnerten unwillkürlich an die hermetische Maske des Orakels von Delphi. Nur war in diesen Hallen keine Selbsterkenntnis gefragt. Jede Geste, die er machte, jedes Stirnrunzeln, jede mimische Veränderung hatte etwas Enigmatisches und verlieh ihm die Aura höherer Einsicht. Die vielen Hoffenden, die zu ihm kamen, um einen Hinweis auf die erlösende Botschaft zu bekommen, schauten bangend zu ihm auf wie zu einer weisen Kassandra, an deren Spruch ein Schicksal hängt und die über Sein und Nichtsein entscheidet. Er genoss diese Aura. Wenn er dann nach langem gründlichem Nachdenken endlich etwas sagte, kam er mit wenigen Worten aus; in dem Kargen, was er sprachlich artikulierte, war immer noch viel Nichtssagendes.

„Die Angelegenheit wird geprüft“, war eine seiner sibyllinischen Kernaussagen, die er oft wiederholte, weil sie immer passte. Wenn er sein Gegenüber, in der Regel waren es Hausfrauen mit viel Zeit, die ihn besuchten, gar sympathisch fand und etwas Zuversicht wecken wollte, pflegte er in einem Anflug von philanthropischer Großzügigkeit richtig verbal aufzublühen: „Alles braucht seine Zeit. Ihr müsst nur noch etwas Geduld haben … und brav abwarten!“ sprühte er dann vor stiller Begeisterung. Er war ein „Meister des Dilatorischen“, der Hinhaltetaktik. Seine eigentliche Aufgabe bestand darin, die Ausreisemodalitäten so sehr in die Länge zu ziehen und zu verschleppen, bis die Wartenden resignierten und sich in ihr Los fügten. Das war „systematisch angewandte Zermürbung“; ein taktischer Baustein von vielen aus einem breiten Arsenal von ausgefeilten Schikanen, die sehr effizient sein konnten. Außerdem sollte er den Menschen die permanente Abhängigkeit vom Staat und das gnädige „Ausgeliefertsein an den Staat“ verdeutlichen.

Als dann endlich auch ich vor ihm saß und mit leicht vorwurfsvoller Intonation nachfragte, weshalb der reguläre Ausreisevorgang meiner Familie, der längst erledigt sein sollte, ins Stocken geraten war und genaue Gründe hören wollte, runzelte das verkümmerte Orakel in Menschengestalt sorgenvoll die Stirn und verzog sein sonst recht apathisches Gesicht wie ein „Pontius Pilatus“, dem die Hände gebunden sind und der nicht recht weiß, wie er unbeschadet aus der misslichen Lage heraus kommt. Auf seinem Stuhl hin und her rutschend, ohne recht zu wissen, was er sagen soll, gab er mir indirekt zu verstehen, mein nicht ganz alltäglicher Fall entziehe sich seinem direkten Einfluss und werde von höherer Warte aus entschieden.„Dann werde ich eben die beiden Stockwerke hinaufgehen und bei General Taurescu anklopfen. Der Chef dieser Behörde wird schon wissen, was Sache ist“, reagierte ich entrüstet und irritiert, doch entschlossen, sofort nach oben zu gehen. „Nein, nein, auf keinen Fall“, wimmelte Vrăbeţ ab; so hieß der unscheinbare, mit besonderer Machtfülle und Entscheidungskompetenz ausgestattete Gnom, um zu ergänzen: „Die endgültige Entscheidung in diesem speziellen Fall liegt in Bukarest, nicht hier bei uns! Und Bukarest hat noch nicht entschieden“. Er war sichtbar verunsichert, da er indirekt die Endlichkeit seiner Machtbefugnisse nach außen hin hatte eingestehen müssen. Einige Augenblicke verharrte ich ohne Reaktion und dachte nach. Was der Graukopf gerade betont hatte, klang glaubhaft und erklärte sogar einiges … Eine „höhere Instanz“ war es also, die unsere Ausreise blockierte, irgendein grüner Frosch auf dem Brunnengrund, der das Wasser zum Versiegen brachte?  

Bedrückt stahl ich mich davon und ließ einen ohnmächtigen Beamten in einem Zustand zurück, der ihm selbst nicht behagte. So war es eben in einem Staat, in welchem „Willkür“ kein Zufall war, sondern einen charakteristischer „Baustein des Systems“. Als ich bald darauf die Treppen des Geheimdienstgebäudes hinunter stieg und den Gehsteig des Boulevards betrat, fühlte ich mich enttäuscht und deprimiert. „Wer verhindert meine Ausreise und weshalb?“ Das fragte ich mich mehrfach, ohne eine Antwort finden zu können.

Was nun? Fragte ich mich weiter – und mit Kant:

„Was kann ich tun?“

 

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