Im Fadenkreuz des Geheimdienstes „Securitate“

 

Die Perspektivlosigkeit hatte mich in diese Situation gebracht. Nun bestand die Gefahr, dass ich aus der Sackgasse, die eigentlich eine Mausefalle war, nicht mehr unbeschadet herauskam. Zwar gab es immer noch eine goldene Brücke in der Form einer „Kollaboration mit dem System“; doch dies war für mich keine Alternative. Mein damaliges Bewusstsein, das die Struktur der Welt noch als objektives Wertgefüge empfand und die Freiheit des Menschen sowie seine elementaren Grundrechte als Mensch und Bürger ganz oben auf der Werteskala ansiedelte, hätte eine die gesamte Existenz bestimmende Verbiegung nie ermöglicht, schon gar nicht nach den Erfahrungen der letzten Jahre. Also musste ich die eingeschlagene Bahn weiter beschreiten, selbst wenn sie als Abwärtsspirale in Kollaboration mit dem System“zu Verzweiflung und Untergang führen sollte. Ungeachtet der Tragik der Situation war ich immer noch mehr bereit zu handeln, als mich einem lähmenden Fatalismus hinzugeben. Diese exzessiv gelebte Haltung führte schließlich soweit, dass ich das Schicksal noch einmal massiv herausforderte und in einem, wie es sich nachher herausstellen sollte, faktisch sehr schlecht vorbereiteten Fluchtversuch mein Leben aufs Spiel setzte. Im Vorfeld entfaltete ich allerdings noch eine ganze Reihe weiterer oppositioneller Tätigkeiten, die Teil des Alltags wurden.

Inzwischen hatte sich im Unterschied zum früheren Alleingang eine grundlegende Veränderung ergeben: Ich war kein Einzelkämpfer mehr. Seitdem Erwin seinen Militärdienst in Jassy im äußersten Nordosten des Landes an der Grenze zur Sowjetunion beendet und nach Temeschburg zurückgekehrt war, stand ich nicht mehr ganz allein da. Endlich hatte ich einen Kombattanten an meiner Seite, einen guten Kameraden, der mich intuitiv verstand, der mir vertraute und der auch loyal in jeder Lage zu mir hielt. Mit ihm konnte ich sicher planen und agieren. Seit er da war, waren wir fast immer zusammen, in schönen und in kritischen Tagen.

Es dauerte nicht allzu lange, bis der omnipotente Sicherheitsdienst „Securitate“ herausbekommen hatte, dass wir das elterliche Anwesen am Rande des bürgerlichen Stadtviertels Mehala zu regelmäßigen Treffen nutzten. Jedenfalls fiel uns auf, dass wir beobachtet wurden. In dem Wohnblock gegenüber, bereits Teil einer aus dem Boden gestampften Plattenbau-Siedlung „Circumvalatiunii“, in der etwa dreißig Tausend Menschen lebten, etwa zehn Prozent der Temeschburger Bevölkerung, bezog die „Securitate“ ein Appartement im dritten Stock und installierte dort einen Beobachtungsposten. Edgar hatte ihn zuerst entdeckt. Schon mit bloßem Auge war gut erkennbar, wie einzelne männliche Gestalten in dem Raum hin und her huschten und uns ins Visier nahmen. Wenn wir mit einem Feldstecher hinübersahen, erkannten wir zwei, manchmal drei Gestalten, die bereits ihr Fernrohr auf uns gerichtet hatten. Es war wie einst an der deutsch-deutschen Grenze, an der Mauer im Herzen Berlins – oder im fernen Korea, wo sich auch heute noch die gleichen Menschen, ideologisch voneinander getrennt, feindselig gegenüberstehen und sich von Aussichtstürmen aus belauern. Die eine Seite beobachtete argwöhnisch, was die andere tat. Wie im politischen Leben zwischen Ost und West. Und wie an der Front der gegnerischen Geheimdienste.

Nur waren es in unserem Fall ungleiche Verhältnisse. Sie hatten Macht über uns, während wir faktisch ohnmächtig und mittellos da standen. Freunde, Bekannte, die uns an jenem Standort besuchen wollten, wurden, wie später immer wieder zu beobachten war, bereits an der Straßenecke abgefangen, mit Drohungen eingeschüchtert, manchmal auch geohrfeigt, getreten und dann weggeschickt. Man wollte uns gesellschaftlich isolieren, um so unseren kritischen Einfluss auf andere Gleichgesinnte verhindern. Darüber hinaus besaß Erwin eine weitere Wohnung im gleichen Vorort, nur ein paar Hundert Meter vom „Bulevardul Cetatii“ entfernt in der Mehedinti-Straße, die wir allerdings seltener nutzten. Dort hatten wir unser sogenanntes „Dissidentenzimmer“ eingerichtet, einen kleinen Raum mit mehreren Tausend Büchern, Zeitschriften und historischen Karten. Georg Weber alias „Felix“ hatte uns sein geistiges Vermächtnis übergeben, nachdem er überraschend eine Ausreisegenehmigung erhalten hatte. Bis zu seiner Ausreise hatte seine Wohnung in der Horia- Straße Nr. 4 als konspiratives Begegnungszentrum gedient, als Sitz der OTB, eine musisch-politische Vereinigung, die durch die Verdrängung Webers indirekt zerschlagen werden sollte, was nicht ganz gelang. Gelegentlich unterstützt von Professor Fenelon Sacerdoteanu, früher Leibarzt im Palais von König Karl II., machten wir an den beiden Standorten weiter, seltener auch im katholischen Kirchenhof des Vorortes Mehala.

Advertisements

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s