Gegeneinander statt miteinander – Nationalkommunisten und Chauvinisten

 

Temeschburg war in der Tat immer noch eine tolerante Stadt, in der die Volksgruppen ohne größere Konflikte miteinander lebten. In anderen Landesteilen, speziell in einigen Gegenden Siebenbürgens, wo die Staatsnation der Rumänen auf die stark nationalistisch geprägten Volksgruppen der Ungarn, der Szekler und der selbstbewussten Siebenbürger Sachsen traf, deren Identität weit ausgeprägter war als unsere im weitaus jüngeren Banat, gestaltete sich das Verhältnis der Völker untereinander weniger harmonisch. Dort dominierte die Irrendentismusdiskussion, die auch heute noch wütet und, ungeachtet der gemeinsamen europäischen Perspektiven, noch lange nicht ausgestanden ist.

Die bisweilen arg chauvinistische Auseinandersetzung zwischen Ungarn und Rumänen ist auf komplexe historische Gründe zurückzuführen. In den Jahrhunderten, als Siebenbürgen noch weitgehend autonom und zeitweise nur der Hohen Pforte oder dem Hause Habsburg verpflichtet war, galten die rumänischstämmigen orthodoxen Bewohner der Region, in der Regel arme Leibeigene, nicht einmal als Volk. Gemäß der Drei-Nationen-Regelung gab es im protestantischen Siebenbürgen nur die Nationen der Deutschen, der Ungarn und der Szekler, die teils der lutherischen, teils der calvinistischen Kirche angehörten. In dem vom Deutschen Orden gegründeten urbanen Zentrum der Siebenbürger Sachsen Kronstadt, heute Braşov, durften Rumänen nur außerhalb der Stadtmauern wohnen. Die Diskriminierung der Rumänen – nach ihrer Empfindung im eigenen Land – endete faktisch erst mit dem Vertrag von Trianon, als das erst 1877 gegründete Rumänien auf Kosten Ungarns die riesigen Gebiete Transsylvanien und Banat annektieren durfte. Ab diesem Zeitpunkt wendete sich das Blatt und schuf eine politische Lage, in der die ehemals Unterdrückten, nunmehr Staatsnation, ihre Peiniger von einst beherrschten, während diese sich nicht mit dem aus ihrer Sicht ungerechten Verlauf der Geschichte abfinden konnten. Durch die Regelungen des Vertrags von Trianon, der Teil des „Versailler Vertrages“ ist, wurden mit den abgetretenen Territorien Siebenbürgen und Banat mehr als 3 Millionen Ungarn ihres seit dem 11. Jahrhundert bestehenden Mutterlandes beraubt; sie wurden von ihrer Kultur getrennt und zur Minderheit degradiert.

Während auf der einen Seite die Zerschlagung der Doppelmonarchie zur Gründung neuer Nationen führte, bewirkte sie auf der anderen Seite das Aufkommen von millionenfacher Unzufriedenheit, von Nationalismus, Chauvinismus und Revisionismus und bereitete somit den Nährboden für das Aufkommen faschistischer Ideologien, die in einen noch größeren Vernichtungskrieg und in die weiträumige Zerstörung Europas und der Welt führen sollte. Staatschef Ceauşescu, der zum Typus des ungebildeten, kurzsichtigen, doch intuitiv fanatisierten Politikers zu zählen ist, erkannte als primitiver Machtmensch trotzdem die Chance, den Konflikt zwischen den Nationalitäten für den eigenen Machterhalt zu nutzen. Während er bei aufkommenden innenpolitischen Konflikten, etwa beim Ausbruch des großen Minenarbeiterstreiks der Kumpel aus dem Schiltal, damit drohte, der Große Bruder von nebenan, könne – nach dem Muster von Prag – einmarschieren, alles mit Panzern niederwalzen, das Land besetzen und das Volk versklaven, schürte er auf der anderen Seite die Angst, die ungarische Minderheit strebe den Wiederanschluss an Ungarn an, was zu einer erneuten Auslieferung seiner Rumänen aus Siebenbürgen führen würde. Mit Argumenten dieser Machart fand er zwar kurzfristig Anklang bei der Mehrheit der Staatsbürger; gleichzeitig verbreiterte er aber auch die schon existente Kluft vor allem zwischen Ungarn und Rumänen.

Heute, in den Zeiten politischer Liberalisierung, kommen die alten Konflikte wieder hoch und vertiefen die Gräben zwischen den Nationen. Angesichts solcher Entwicklungen war es nicht überraschend, dass viele Angehörige der nationalen Minderheiten der offiziellen Politik mit großer Skepsis und Ablehnung begegneten. Für die meisten Rumänen jedoch war der ehemalige Schuster aus einem bescheidenen, kinderreichen Haus in Oltenien durchaus ein Staatschef, mit dem man leben konnte. Noch!

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