Gebeugte Häupter bleiben vom Schwert verschont, also duckt euch!

 

Ceauşescu hatte nach seinem Machtantritt im Jahr 1965 zwar kurzfristig für geistiges Tauwetter gesorgt und auch außenpolitisch einige kluge Schachzüge durchgeführt, die etwa Richard Nixon veranlassten, das Land zu besuchen; er hatte, ähnlich Tito, eine gewisse Distanz zur Sowjetunion und den anderen Warschauer Pakt Staaten gewahrt und eine Anlehnung an die Positionen der Blockfreien angestrebt; im Grunde jedoch führte er in sehr vielen Punkten die Politik seines Vorgängers Gheorghiu-Dej, der ein überzeugter Stalinist alter Prägung war, weiter. Die breite rumänische Bevölkerung, seit Jahrhunderten zur Duldsamkeit erzogen, tolerierte Ceauşescu selbst noch als er – zum Präsidenten erhoben und mit absolutistischer Machtfülle ausgestattet – einem maoistischen Personenkult verfiel, wie die Welt ihn nach Stalin und Mao nur noch von Kim kannte – und als er als weiser Conducător – das heißt Führer – in dem Wahn, die Auslandsschulden des Landes forciert zu tilgen, das gesamte Volk der Armut und Isolation preisgeben sollte.

Dieses spezielle Verhältnis von Staatsvolk und Führerschaft, das man auch aus anderen Staaten kennt, nicht zuletzt aus dem Tausendjährigen Reich, machte es uns schwer, bei „Rumänen Gehör zu finden“ oder diese zu „regimekritischen Aktivitäten zu verleiten.“ „Brutus“ war kein begehrter Name unter den Nachfahren der Römer. Die meisten Rumänen hatten sich in ihr Los gefügt und waren damit beschäftigt, ihren Alltag zu meistern. Das galt für die Fabrikarbeiter und die Landbevölkerung ebenso wie für weite Kreise der Intellektuellen. Die Folge davon war, dass oppositionelle Bestrebungen im Westen des Landes nur von den beiden gut repräsentierten Minderheiten getragen wurden, von den wenigen Deutschen im Land, deren Exodus allerdings schon kalkulierbar war, und den Ungarn, deren Minderheitenrechte durch das Schließen ungarischer Medien- und Kulturanstalten immer deutlicher beschnitten wurden.

Als ich mich mit den unterschiedlichsten Menschen aus Temeschburg und dem Banater Umland unterhielt, kam es mir immer darauf an herauszufinden, mit welcher Vehemenz und Nachhaltigkeit regimekritische Positionen vertreten wurden. Geleitet von der Vision, selbst eine größere Menschenrechtsbewegung zu entfachen, wollte ich dann auf einen harten Kern zurückgreifen können, der eine solche Bewegung trägt und ungeachtet der anstehenden Repressalien eine längere Zeit am Leben hält. Ein Dutzend entschlossener Charaktere stand schon bereit. Doch es mussten mehr werden. Sie zu finden, wurde aufgrund der besonderen Bedingungen im Land zu einer schweren, fast unlösbaren Aufgabe.

1978, das dreizehnte Jahr aus der Serie der „Jahre des Lichts“, die seit dem Machtantritt Ceauşescus, angebrochen waren, kündigte sich als turbulente Zeit an – als eine „Zeit des Flusses“, der Umbrüche und der Veränderungen – alles war im Wandel begriffen. Geleitet von einer präzisen Zielsetzung und klaren Absetzung lebten wir in den Tag hinein, zuversichtlich fatalistisch wie auf einer Fahrt hinaus ins Blaue, auf der Suche nach neuen Meeren wie einst Kolumbus. Wir fanden neue Freunde, die zu guten Kameraden wurden – und wir verloren diese wieder und einige alte noch dazu.

Einigen gelang die Flucht über Jugoslawien in die Bundesrepublik; Aktionen, die wir mit vorbereitet hatten, andere scheiterten im Kugelhagel der Grenzsoldaten und versanken in den Fluten der Donau. Weitere Freunde geleiteten wir zur westlichen Landesgrenze, wo sie in einen Zug nach Westen stiegen und, ausgestattet mit offiziellen Ausreisedokumenten, dem Land für immer den Rücken kehrten. So verloren wir „Felix“, den Musiker, in dessen Haus wir uns oft im Verborgenen getroffen hatten; und bald nach seiner Abreise, zeitweise auch unseren „Alten“, den „Doktor“, der sich in die Einsamkeit seiner vier Wände zurückzog und kaum noch das Haus verlies.

Die angenehmeren Stunden, auf die wir nicht ganz verzichten mussten, verbrachten wir, wenn auch von ernsten Gedanken nie ganz verlassen, im Schwimmbecken des Continental-Hotels, in der dortigen Sauna, in den Restaurants oder in den Kaffeehäusern der Stadt Temeschburg, die, in Anspielung auf die ausgeprägte Kaffeehauskultur, gelegentlich auch als „Wien des Balkan“ bezeichnet wurde. Das Umfeld des Continentalhotels bot internationales Flair. Erwin freundete sich dort mit Schweden an; er kommunizierte mit Serben aus Jugoslawien und machte einige kleinere „Geschäfte“ mit Mangelwaren. Mir lag das Handeln mit Waren, das auch mit viel Herumfeilschen verbunden war, überhaupt nicht. Viel lieber saß ich nur da und beobachtete das abwechslungsreiche Ambiente. Während ich ein Schokoladeneisparfait genoss oder an einer „Pepsi“ nippte, was schon einem Akt von zelebriertem Luxus gleichkam, unterhielt ich mich gelegentlich mit einigen der ziellos herumstreifenden Gaststudenten aus dem Nahen Osten. Wir sprachen über weltpolitische Fragen und über die Zerstrittenheit der Araber untereinander. Dabei hörte ich mit Erstaunen manche Selbstbezichtigungen, Feigheitsvorwürfe und auch sonst viel Selbstkritisches und Schizophrenes zur „gesamtarabischen Identität“, ohne aber antisemitische Parolen zu vernehmen. Der Antisemitismus war in Temeschburg, wo sich die Juden als Minderheit sehr wohl fühlten, sowieso nie ein Thema. Die mächtige Synagoge steht heute noch – unversehrt. Gelegentlich traf ich reisefreudige Italiener, in der Regel Junggesellen, die noch etwas erleben wollten. Sie schlugen sich mit ihrem Italienisch gut durch; und sie kamen ebenso gerne wie die täglich anreisenden Jugoslawen, die den kleinen Grenzverkehr, der allerdings nur einseitig funktionierte, nutzten, um kleine Geschäfte zu tätigen. Unter den Italienern waren auch ultralinke Maoisten, die mich mit dem Gang des Geistes in Italien in der Zeit Aldo Moros und der instabilen Parteienkonstellation in ihrem Land vertraut machten. Mich interessierte damals alles, was aus dem Ausland kam und was der politischen Monokultur im Land entgegen gesetzt war, vor allem andere Denkrichtungen und andere politische Modelle und Strukturen. Erwin war praktisch immer in meiner Nähe. Die meiste Freizeit gestalteten wir zusammen.

Advertisements

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s