Ceauşescu in Sackelhausen

 

Irgendwann an einem der schwülen Hundstage im Juli, als der Sirius hoch am Himmel seine stärkste Kraft entfaltete, klopfte der Gendarm wieder an unsere Pforte. Diesmal kam er mit dem Auftrag, mich solange in Schutzhaft zu nehmen, bis die Wagenkolonne unseres großen Führers, des „Conducătors“, die noch am gleichen Tag Sackelhausen passieren sollte, außer Reichweite war.

Konnte ich die Durchfahrt gefährden? „Anarchisten“ und Staatsfeinden aller Art war nicht zu trauen. Das waren „Assassine der Neuzeit“, Fanatiker, die im Auftrag mordeten, die – wie jener serbische Terrorist mit seinem Mordanschlag auf den k. u. k. Thronfolger Franz Ferdinand – einen Weltkrieg vom Zaun brechen konnten. „Also wehret den Anfängen“, sagte man sich in den höheren Etagen des Sicherheitsdienstes – „und verhaften wir alle, die der staatlichen Ordnung gefährlich werden können“, auch „ohne Haftbefehl“ und nur „auf Zeit“! In den Augen der „Securitate“ war ich ein „Anarchist“, einer, der Staat und Staatsmacht ablehnte. Also sollte ich an die Leine, wie ein bissiger Hund, wenigstes so lange, bis der Partei- und Staatschef unser Dorf passiert hatte.

Der Führer war wieder einmal unterwegs – und zur großen Verwunderung einiger Beobachter besuchte er diesmal auch den Westen des Landes. Ein seltenes Phänomen. Doch der Besuch galt nicht etwa unserer ehrwürdigen Gemeinde, einem Heidedorf, das bisher, wenn das Gerücht stimmte, nur durch den landesweit höchsten Prokopfverbrauch an elektrischer Energie aufgefallen war, sondern dem rumänischen Ortsteil nebenan, der Teil der Gemeinde Sackelhausen war und auch heute noch ist.

Ceauşescu wollte zu den Schweinen, die sich gerade im Nachbarort sehr wohl fühlten und prächtiger gediehen als sonst wo im Land. „Titan der Titanen“ Nicolae Ceauşescu, im Dörflein „Scorniceşti“ im Herzen der Walachei als eines von vielen Kindern armer Eltern geboren, dort unter Bauern, Hornochsen und Eseln, Enten und Gänsen, Raben und Geiern, Nattern und Basilisken aufgewachsen war, liebte deshalb die Kreatur der heimatlichen Landschaft, vor allem die Schweine. Wie Chruschtschow, dem die texanischen Rinder näher standen als die vornehmen Politikersprösslinge aus Massachusetts, war auch Ceauşescu ein agrarischer Mensch, einer, der auch „etwas von Schweinen zu verstehen glaubte“, obwohl er nur das Schusterhandwerk erlernt hatte, aber nicht allzu lange bei „seinem Leisten geblieben“ war.

Im Schweinestall bei den Schweinen und umgeben von Schweinen aller Art fühlte er sich offensichtlich „in seinem Element“, während er das Wort „Esel“ mit Vorliebe zur Charakterisierung von Regimekritikern und Dissidenten gebrauchte.

„Ceauşescu und die Schweine“ – dieses archaische Bild hatte sich bereits seit längerer Zeit in meinem Kopf festgesetzt – als sozialistischer Archetypus, der darauf hindeutete, dass die Landwirtschaft auch in der „vielfach entwickelten Gesellschaft“ ihren Stellenwert hatte – und dass die künftige „Epoche des Goldes“ unmittelbar auf jene der Steinzeit folgend, ohne Esel und Schweine nicht zu erreichen war. Jeder Schafherde im Land trottete ein Esel voran – und ganze Herden huldigten einem Leithammel und applaudierten, wenn dieser sie in der sogenannten Großen Nationalversammlung, dem dortigen Parlament, mit alten Sprüchen und immer aberwitzigeren Visionen beglückte.

Selbst die „aufgeklärtesten und fortschrittlichsten unter den deutschen Schriftstellern des Banats“ waren sich nicht zu schade, die „Führungskraft der einzigen Partei“ im Land anzuerkennen, eine totalitäre Partei, die „immer im Recht“ war, – und mit ihr ihren Leitstern, den „Titan der Titanen“, bei dessen Anblick sogar die gütige Sonne erblasste.

Schweine waren dankbare Tiere. Das wusste schon der Zigeunerbaron! Ihre fetten Bäuche und Hinterschinken, nach Italien verfrachtet und dort zu „Salami“, „Parma“ und Tiroler „Alpenspeck“ veredelt, wogen das inzwischen knapp gewordene Erdöl auf. Und lange bevor höchst offiziell „mit Menschenfleisch gehandelt“ wurde, wie auf einem afrikanischen Sklavenmarkt, brachten „Borstenvieh“ und „Schweinespeck“ die begehrten Devisen ein, die Ceauşescu zur Finanzierung seiner Flugzeuge, Jachten und Monster- Paläste brauchte.

Das Volk der untertänigen Rumänen lernte die Schweinsknochen ehren und schätzen – fein gemahlen als „Sojawurst“ und naturbelassen in der „Tschorba“. Wenn es ausreichend „Strom“ gab, um sie zu auszukochen, wurde Suppe daraus. Der Weg zu den Sternen war hart – und bevor die „Gesellschaft des Lichts“ erreicht werden konnte und mit ihr das „Glück der Vielen“, mussten noch viele durch das Tal der Tränen hindurchgehen, damit wenigstens die wegweisenden Genies vorerst glücklich sein konnten. Das Martyrium wurde erbracht – und kaum ein Untertan revoltierte gegen das unnatürliche Opfer.

Ceauşescu liebte die Wild-Schweine im Wald, wenn zum Halali geblasen wurde und er auf munterer Treibjagd auf alles losballern durfte, was man ihm vor die Flinte trieb; aber er vergötterte das Mastschwein, dessen Wohl und Gedeihen ihm mehr am Herzen lag als das seiner Mitmenschen.

Bereits in den Jahren der Kindheit war mir ein Frontbericht in der Zeitung aufgefallen, der mich in Staunen versetzte: der große Führer im Ferkelstall, mitten unter Schweinen! Der Führer selbst, leibhaftig mit Lotsenmütze und im weißen Kittel. Es war ein „Arbeitsbesuch“ wie der gerade in der Gemeinde Sackelhausen anstehende, bestimmt die wichtigste Meldung des Tages damals. Unsere deutsche Tageszeitung „Neuer Weg“ berichte breit und ausführlich über das Ereignis, ohne die vielen „wertvollen Anregungen“ unerwähnt zu lassen, die der „Doktor Allwissend der Nation“ und „Doktor honoris causa“ vieler Universitäten aus Afrika überall gab, wo er hinkam. Fasziniert von dem Titelbild „Ceauşescu unter Schweinen“ konnte ich nicht umhin, auch den unwiderstehlichen Bericht zu lesen, der wiederum mit einer genialen Empfehlung kulminierte: Der vielfach ausgewiesene Experte für Schweinezucht riet den Farmleitern, künftig noch stärkere Wärmelampen in der Ferkelaufzucht einzusetzen. „Mehr Licht“, auf dem Weg in die „Gesellschaft des Lichts!“ – mehr Wärme für die Schweine? Als der Präsident und Herrgott aller Rumänen solches verkündete, fiel ihm wohl nicht auf, dass es bereits kälter wurde im Land, im Herzen der Menschen und in den Stuben, wo der Strom knapper wurde wie das Holz zum Heizen.

Im Vorfeld des Besuches erinnerte ich mich an einiges und machte mir so meine Gedanken, erstaunt über soviel frappierende Logik und Weitsicht, gleichzeitig beeindruckt von der heuchlerischen Fürsorge, die ein wahrer Führer dem Blühen und Gedeihen seines Landes widmet. „Vivat, crescat, floreat“ – hatten schon die Vorfahren in Rom ausgerufen. Nur hatten die Rumänen, denen man das Latein in den „Jahren des Lichts“ und während des Goldenen Zeitalters des Titans der Titanen fast vollständig ausgetrieben und aberzogen hatte, kaum noch die Möglichkeit, den Sentenzen der Ahnen zu folgen. Die Wahlsprüche stammten nunmehr ausschließlich von der einzigen Führungskraft im Land, von der Partei.

Ceauşescu, ein aufstrebender Parvenü, wollte stets hoch hinaus, hinauf zum Himmel wie Ikarus, nur etwas flügellahmer. In selbst geschaffener Autarkie wollte er bald alle überholen, vor allem – und das war seine fixe Idee – die westlichen Kapitalisten, die ihn, den Bettler an den Türen der Weltbank und des IWF, mit ihren harten Devisen demütigten und ihn in chronischer Anhängigkeit und Rückständigkeit hielten.

Was würde morgen in der Presse zu lesen sein? „Ceauşescu in der Gemeinde Sackelhausen?“ Was machte Nikolaus Berwanger, der Lokalmatador von der Banater Zeitung, aus einem so seltenen Event? Eine Story? Oder hatten ihm die eigene Kommunisten-Partei und die befreundete „Securitate“ bereits im Vorfeld einen Maulkorb verpasst, nur aus Selbstschutz, damit es ihm nicht etwa so erging wie einst jenem unglücklichen Schriftsteller aus Siebenbürgen, dem eine „falsche Metapher“ untergekommen war. Die Erzählung von der „Sau mit den sieben Ferkeln“ hatte ihren geistigen Schöpfer fast Kopf und Kragen gekostet, damals im Stalinismus! So etwas musste nicht unbedingt wieder provoziert werden – also nutzte man besser die verfassungsrechtlich garantierte Freiheit der Presse, um nichts zu schreiben, wobei dieses Nichts später einmal, wenn die meisten Details vergessen waren, sogar als konkrete politische „Widerstandsaktion“ gedeutet werden konnte!

Stand nun einer dieser wichtigen Arbeitsbesuche des Conducătors, der auch sonst ein kleiner Duce sein wollte, an, musste alles angemessen vorbereitet werden: oriental-byzantinisch – und nach potjomkinschem Muster! Im rumänischen Nachbarort Beregsau, wo nie Deutsche gesiedelt hatten, nur fünf Kilometer westlich von Sackelhausen entfernt, für uns jedoch unendlich weit gelegen und fast unbekannt, drehte sich wirklich alles um die „Sau“. Während anderswo – etwa auf der Schwäbischen Alb –  alles Superlative mit dem „edlen Präfix“ eingeleitet, von sau-gut, sauwohl … und auch alles Pejorative wie sau-blöd oder wie die Sau … auch abgewertet werden konnte, war Bereg-Sau eine konstante Größe. Dort, wo heute der Wind durch leere Gassen und Gebäude pfeift, war vor dem großen Plattmachen im Rahmen der EU-Integration Rumäniens eines der größten Kombinate des Landes ansässig, in dem ganze Herden von Fleischspendern nach neuesten sozialistischen Standards zu Schweineschinken und Würsten aller Art „veredelt“ wurden. In der großen Mästerei vor unserer Haustür wurden seinerzeit einige hunderttausend Tiere ihrer höheren Bestimmung zugeführt. Später, Jahre nach meiner Ausreise, sollen es gar Millionen gewesen sein. Die Megamanie hatte nach der forcierten Zwangsindustrialisierung des Agrarlandes inzwischen selbst die Tierzucht erfasst. Schweine, Schweinemist, Gestank und Tiergeschrei, wohin man sah und hörte.

In jene biologische Landschaft zog es den naturverbundenen Führer, der sonst auch Eber jagte und vorab betäubte Braunbären. Dorthin wollte Ceauşescu um jeden Preis, aus welchen Gründen auch immer. Der „geliebteste Sohn des Vaterlandes, wie er sich gerne von den Armeen seiner Schmeichler, vor allem aber von Adrian Păunescu und Vadim Tudor, bezeichnen ließ, pflegte seine Besuchsziele selbst auszuwählen. Und da „Beregsau“ ein rein rumänisch besiedelter Ort war, überwand er sich, auch einmal in das ihm fremde, ja suspekte Banat zu reisen. Der Kern der Gemeinde, unsere deutsche Siedlung Sackelhausen, sollte bestenfalls gestreift werden. Doch nicht aus Ehrbezeugung oder Hochachtung vor den braven Siedlern, die immer loyale Staatsbürger gewesen waren, sondern nur deshalb, weil der Ort sonst nicht zu umfahren war. Er musste mittendurch, an der katholischen Kirche vorbei, durch die „Walachische Gasse“, die nicht „hohl“ war, sondern großzügig breit in Richtung Staatsgrenze. Die strategische Verbindung von Temeschburg über Hatzfeld ins nahe Jugoslawien Titos führte gerade durch Sackelhausen.

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