„Maria Magdalena“

 

In meiner Entwicklung war das Jahr 1978, das äußerlich nur dem Müßiggang gewidmet schien, trotzdem eine dynamische Zeit, geprägt von vielen kleinen Ereignissen. Nach außen gab ich das Bild eines Nihilisten ab, der alles infrage und den Nonkonformismus zur Schau stellte, einen luziferischen Engel, der aus dem Paradies vertrieben worden war, noch bevor er die Früchte und Segnungen der Epoche des Lichts überhaupt gekostet hatte. Wer mich durch die Straßen ziehen sah, sah nicht mehr als eine Senkrechte in der Landschaft, einen dürren Hecht, kaum siebzig Kilogramm schwer, mit langen Haaren, in Jeans, schwarzem Existenzialistenpullover und kurzer Lederjacke. Von Adrenalin und Testosteron angetrieben, war ich ein kleiner Energiewirbel, ein Perpetuum mobile, das keine Nahrung brauchte, stets in hektischer Bewegung, ständig gehetzt und kontinuierlich auf der Flucht im eigenen Land – in der Hoffnung, so der Observation der „Securitate-“ Späher zu entrinnen. In Temeschburg unterhielt ich damals das ganze Jahr hindurch ein winziges Zimmer, in welchem es nicht mehr an Mobiliar gab als eine Pritsche, die an den Komfort erinnerte, den sich Kaiser Franz Joseph im Ersten Weltkrieg an der Front zugebilligt hatte. Es war ein früheres Liebesnest, das ich aus anderen Gründen von einem bekannten Mädchenhelden übernommen hatte; von einem jungen Libertin, der als „Don Juan des Sozialismus“, die Freiheit als uneingeschränkte Promiskuität definierte. Die Gleichberechtigung der Frau bedeutete ihm nur sexuelle Emanzipation – und die niederen Genüsse des Leibes lebte er aus, weil sie ihn vom tristen Grau ablenkten, ihm etwas von dem Glück vermittelnd, das ihm sein geistentleertes Umfeld nicht bieten konnte. Während ich noch als spleeniger Dandy die Frauen eher am Rande und aus der Ferne beobachtete, um mit ihnen bestenfalls über den „kosmogonischen Eros“ zu reden, statt die Anweisungen der „Ars amatoria“ zu befolgen, hatte mein höchst aufgeklärter Kumpel bereits alle antiquierten Moralvorstellungen hinter sich gelassen und in Liebesdingen die Tugendlehre des Casanova einstudiert. Der Unterschied dieses modernen Gigolos zu Herrn Neuhaus bestand nur darin, dass der historische Casanova als herausragende Wissenschaftserscheinung seiner Zeit unter anderem die Wahrscheinlichkeitsrechnung beherrschte und ein Freund von gelehrten Folianten war, während der Temeswarer Mädchenschwarm sich ausschließlich dem niederen Sensualismus verschrieben hatte. Trotzdem war er ein feiner Junge mit dem Blick nach Westen, sonst sensibel und nett – und mir viele Jahre verbunden. In jenes Dienstbotenzimmer, das ein verstecktes Asyl und eine Stätte der Freiheit war, zog ich mich gelegentlich zurück, wenn ich, vom städtischen Stress ermüdet, ausruhen und allein sein wollte oder wenn ich keine Lust hatte, am späten Abend aufs Land zu fahren. Kaum einer wusste von dem urbanen Refugium im Herzen der Stadt. Dort hatte ich meine Ruhe und konnte mich tagelang verkriechen.

Hielt ich mich hingegen am „offiziellen Wohnsitz“ auf, im Haus der Eltern, musste ich damit rechnen, jederzeit von der Miliz aufgestöbert zu werden wie ein Fuchs in seinem Bau. Nur hatte das Elternhaus keine weiteren Ausgänge. In der Regel erledigte dies einer unsere Dorfgendarmen, entweder der „Dicke“ oder der „Lange“. Wenn ein bestimmter Anruf aus der „Securitate-“ Zentrale kam, mussten die Dorfpolizisten los, um mich provisorisch in Haft zu nehmen. In der örtlichen Milizstation im Rathausgebäude galt es dann abzuwarten, bis ein unauffälliger Personenkraftwagen der „Securitate“ vorfuhr, der mich umgehend in die Geheimdienstzentrale am Leontin Sălăjan-Boulevard brachte. Der Ablauf hatte bald rituellen Charakter.

Als der Dorfgendarm, der sonst nur in die Gegend kam, wenn einige Zigeuner etwas ausgefressen hatten und gemaßregelt werden mussten, zum ersten Mal über die Schwelle unseres biederen Haus trat, war eine Szene zu befürchten, wie sie Hebbel in Maria Magdalena entwickelt hat, in jenem Musterstück kleinbürgerlicher Kritik, das wir aus dem Deutschunterricht kannten. Nicht weniger als einen Aufschrei mit anschließendem Ohnmachtsanfall erwartete ich; in jedem Fall aber eine besonders heftige, unkontrolliert hysterische Reaktion meiner doch recht autoritätsgläubigen Mutter, die in ihrer hochgradigen Nervosität von der überraschenden Situation schnell überfordert sein konnte. Auf Unvorhergesehenes reagierte sie manchmal mit lautem Lamento, das unzensiert durch die gesamte Nachbarschaft klang, unmittelbar und gefühlsecht wie in den weit entfernten Gassen am Golf von Neapel.

Doch, wie so oft im Leben, sollte es anders kommen als erwartet. Als das befürchtete Ereignis tatsächlich eintrat und er Dicke an die Tür pochte, ertrug Mutter ihre erste Konfrontation mit dem Repräsentanten der exekutiven Staatsmacht erstaunlich gelassen – zu meiner großen Verwunderung! Das hatte ich ihr so nicht zugetraut. Nachdem die erste Aufregung verrauscht war, setzte sich auch bei ihr die menschliche Anpassungsfähigkeit durch, die jede Situation zu meistern weiß. Der literarisch verbriefte Todesschock war diesmal ausgeblieben – Mutter starb nicht vor „Scham und Schande“, auch nicht, als ich Monate später ins Gefängnis geworfen wurde. Sie erreichte sogar ein beachtliches Alter – und verlebt auch heute noch vergnüglich ihre Tage. Der Besuch des sozialistischen Gendarmen hingegen wurde daraufhin auch für sie zur Routineangelegenheit.

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