„Heim ins Reich“ – Bundeskanzler Schmidt als Katalysator des Exodus

  „Heim ins Reich“ – Bundeskanzler Schmidt als Katalysator des Exodus

Ein gutes halbes Jahr vor der Ceauşescu-Visite in Sackelhausen hatten die Gendarmen schon einmal nach mir gefahndet. Im Vorfeld des Rumänienbesuchs von Bundeskanzler Helmut Schmidt, der kurz nach der Jahreswende 1977/78 anstand, sollte ich bereits in vorbeugende Haft genommen werden. Das fühlte ich damals irgendwie, denn es gab einige Anzeichen, dass nach mir gesucht wurde. Vermutlich rechnete die „Securitate“ mit der Möglichkeit, dass militante und entschlossene Angehörige der deutschen Minderheit den persönlichen Kontakt zum deutschen Kanzler forcieren würden, vor allem in Kronstadt, wo eine Station eingeplant war, was die Sicherheitsbeauftragten vor Ort und die Staatsführung in eine peinliche Situation versetzt hätte. Mich zählten sie offensichtlich zu jener Gruppe. Die „Securitate“ war vorgewarnt. Schließlich waren die auch in Teilen Rumäniens vernommenen „Willy-Willy-Rufe“ der begeisterten Menge in Erfurt noch nicht vergessen.

Helmut Schmidt, von dessen Vergangenheit als loyaler Wehrmachtsoffizier und Patriot man in unseren Reihen wusste und dessen seriöse, kühl nordische Art des Machers generell geschätzt wurde, stand bei uns Deutschen hoch im Kurs, obwohl er ein Sozialdemokrat war. Denn Kanzler Schmidt hatte zu keinem Zeitpunkt die Mitverantwortung der Bundesrepublik am Schicksal der deutschen Minderheiten im Osten infrage gestellt. Weniger bekannt war der Aspekt, dass der Kanzler zu Ceauşescu überhaupt kein Verhältnis finden konnte und dass er den letztendlich nur auf Bukarest beschränkten Staatsbesuch mehr mit pragmatischem Widerwillen als mit Lust absolvierte.

Als Helmut Schmidt, von Persien kommend, im Januar 1978 auf dem Flughafen Otopeni eintraf, waren die Beziehungen beider Staaten genauso frostig wie das Außenwetter auf den winterlichen Straßen. Es herrschte Eiszeit. Deshalb galt es, mit der bekannten, später kontroversierten Scheckbuchdiplomatie, die Außenminister Hans Dietrich Genscher seit Jahren erfolgreich anwandte, für ein Mindestmaß an Tauwetter und klimatischer Entspannung zu sorgen. Für die „Securitate“ vor Ort war die Gesamtlage im Vorfeld des Besuches eskaliert. Jederzeit bestand die Chance unerwarteter Protestaktionen. Da mein versuchtes Mitwirken an der von Goma gestarteten Menschenrechtsbewegung offen gelegt hatte, dass ich vor öffentlichen Protestaktionen nicht zurückschreckte, sollten solche Eventualitäten bereits im Vorfeld verhindert werden. Als sich dann einige Anzeichen verstärkten, dass nach mir gefahndet wurde, entschloss ich mich spontan zum Untertauchen. Es war die richtige Entscheidung. Gerade noch rechtzeitig, bevor der Gendarm wieder an die Tür klopfte, konnte ich mich intuitiv dem Zugriff und der drohenden Präventivhaft entziehen, die Gefahr vorausahnend wie ein instinktbestimmtes Tier im Wald, das flieht, bevor es den Jäger wittert. Kurz entschlossen eilte ich zum Bahnhof und bestieg dort einen Zug, der mich wegbringen sollte – in Sicherheit vor der Sicherheit.

Also machte ich mich auf und davon und floh in die Abgeschiedenheit der Banater Berge; genauer in das kleine, verschlafene Dörflein Wolfsberg, das in idyllischer Landschaft von Siedlern aus der Zips angelegt worden war. In jener archaischen Einöde, wo bereits in früheren Jahren unsere Eltern gelegentlich ihren Urlaub verbracht hatten, harrte ich aus; vom für Anmeldungen zuständigen Ortspolizisten unbemerkt, bei kernigem Brot, bei Wurst und Speck und eingehüllt in dicke Federdecken wie daheim. Dort wartete ich in selbst gewählter Isolation ab, bis der Staatsbesuch, von dem ich nicht wissen konnte, wie er verlaufen werde, abgeschlossen war.

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s