„Déjà-Vu“ mit zwei Königen

 

Und selbst die Art des Ereignisses, dem ich beiwohnen musste, war nicht ganz neu. Es hatte bereits ähnlich spektakuläre Aufläufe gegeben mit Monarchen und Despoten – wie damals, anno 1940, als König Carol, mein Namensvetter, den die Rumänen riefen mich Carol, durch Sackelhausen raste.

Sackelhausen stand in jenem Auftaktjahr zum großen Weltenbrand auf dem Gipfelpunkt seiner Entwicklung in voller Blüte – reich und autark, ganze viertausend Einwohner zählend. Doch der fliehende König Karl II. sah nicht mehr viel von diesem Wohlstand, als sein Zug an den schmucken Häusern der Luxemburger Straße vorüberhuschte. Der Monarch floh unmittelbar nach seiner Abdankung gegen Westen, mehr unfreiwillig als frei, getrieben und gehetzt wie ein Reh auf der Treibjagd, hinter ihm herjagend die Meute finsterer Mordgesellen aus der Reihe der „Eisernen Garde“, aus jener Truppe von „faschistischen Legionären“, die den legitimen König, in dem sie einen Landesverräter sahen, noch vor der Landesgrenze zu erwischen hofften. Das Schicksal der Romanows wäre ihm sicher gewesen.

Ein König auf der Flucht!

Noch ist dieses Abenteuer nicht verfilmt worden, glaube ich. Doch da war noch mehr Stoff für Hollywood. Die Geschichte wiederholt sich, heißt es. Und tatsächlich. Auf Karls Thron folgte ihm Michael I., zugunsten dessen er abgedankt hatte, ein Prinz aus dem Hause Hohenzollern, ein Preuße und ein ferner Verwandter Friedrichs des Großen, der in der Umbruchszeit des Jahres 1945, als die Rumänen aus der Allianz mit dem Deutschen Reich ausschieden, freiwillig unfreiwillig dabei mithalf, sein Land einer braunen Diktatur zu entziehen, um es bald darauf einer roten Diktatur zu unterwerfen. Bis zu jenem viel gefeierten 23. August 1944, als sich das Fähnlein wieder drehte und Preußens Glanz und Gloria auch auf rumänischen Boden sein jähes Ende fand, war das Königreich Rumänien von einem mit absolutistischen Vollmachten ausgestatteten Kriegsminister regiert worden, von General Ion Antonescu, einem Diktator mit strenger Hand, unterstützt von der Eiserne Garde der Nationallegionäre.

Ein Häufchen Landsleute, Zurückgebliebene und solche, die der Rückzugsaufforderung „heim ins Reich“ nicht hatten folgen wollen, staunten nicht schlecht, als vor ihren Augen wieder Geschichte abrollte. Freundlich winkend hatten sie doch gerade erst König Karl II. die Ehre erwiesen. Und jetzt, kurz nach der Machtübernahme der Stalinisten in Bukarest rauschte wieder ein Expresszug daher, ein Eilzug in die rettende Freiheit des Abendlandes, der nicht mehr halten wollte. Der Expresszug in den Westen musste durch Sackelhausen durch, genau wie vor fünf, sechs Jahren als König Karl hier durchgesaust war – In der Tat, für einige Landsleute war das ein Déjà-Vu- Erlebnis der eigenen Art, eine makabre Wiederholung der gerade erst verklungenen Variation im Bolero, eine Wiederkunft des Gleichen wie im richtigen Leben dahinter. Nur saß diesmal eine andere „Durchlaucht“ im Sonderzug, Michael I , von Gottes Gnaden König aller Rumänen, diesmal von importierten „Berufsrevolutionären“ und „roten Genossen“ aus dem Land gejagt als späten Dank und Anerkennung für seine mehr oder weniger freiwillige Mitwirkung beim Sturz Marschall Antonescus.

Das einst schmucke Dorf von gestern stand mit seinen sauber geweißten Häusergiebeln und Akazienalleen inzwischen verwüstet da, die Bauten von Granaten zerfetzt und abgebrannt, kopflos mit einer Kirche ohne Turm, mit frischen Grabhügeln und vielen Kreuzen. Die Geschichtsbewussten unter den Voyeuren am Bahnsteig ahnten vielleicht, welch Unheil sich hier ankündete – es war der majestätische Auftakt zu einem Exodus. Der König rettete seine Haut zuerst, dann kam die Sintflut. Und das Fußvolk, das seinem Schicksal überlassen blieb, musste alles auslöffeln, was andere eingebrockt hatten: in Berlin und in Bukarest, ganz nach der Überzeugung des kranken Führers im deutschen Bunker: Schließlich hatten alle Deutschen kein besseres Los verdient als das, was nach 1945 auf sie zukam. Der König floh. Es sollte ein langes Exil werden.

Erst nach einem halben Jahrhundert war es König Michael wieder möglich, rumänischen Boden zu betreten und heimzukehren in seinen Bukarester Palast, doch nur als „Privatperson“, nicht als Monarch. Doch solche „Geschichten innerhalb der Geschichte“, eigentlich belustigende Randglossen der Historie, waren mir damals recht fern. Mich beschäftigte die sehr ernste Gegenwart mit ihren näher liegenden Problemen existenzieller Natur. Die individuelle Selbstbehauptung und das Überleben Tag für Tag bestimmten meine Gedanken.

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