Musik als kulturelle Opposition und Widerstand

 

Felix war mir zum ersten Mal im Kirchhof der Mehala begegnet, wo er als Chorleiter wirkte. Die Arbeit unter dem Kreuz erhöhte und gab ihm Kraft, weil er sich dem Metaphysischen, der Welt hinter unserer Welt, verbunden fühlte. Der Katholizismus schlummerte in seinen Adern wie in der Musik Mozarts oder Schuberts. Es war ein verinnerlichter Katholizismus, in den er unreflektiert hineingewachsen war. Im Kirchengarten, im Schatten eines großen Kreuzes aus Stein, arbeitete er seinerzeit mit einem Frater zusammen – mit Frater Hugo, der ein eher unscheinbarer Mensch war, dessen Name jedoch in die Ferne der Geistesgeschichte ausstrahlte, zumindest in meinen Ohren, und ganz nach dem Diktum „nomen est omen“ geistige Assoziationen wachrief. Wie Bruno, der Vorname eines anderen Freundes, auf den italienischen Freigeist uns verwies, der den Tod auf dem Scheiterhaufen sterben musste, erinnerte mich dieser Frater, den ich während der neuen Kirchturmweihe auch schon in Sackelhausen im Dienst erlebt hatte, an einen fernen Mystiker des Mittelalters, an „Hugo von Sankt Viktor“, an das Haupt der Eliteschule bei Paris im 13. Jahrhundert, in dessen Schrifttum ich gekramt und nach einer seltenen Melancholie-Definition gesucht hatte.

Wir lebten schließlich nicht auf einer Insel, sondern vernetzt mit dem Weltwissen, das uns über Geist und Musik mit allen Epochen der Menschheitsgeschichte verband. Wir brauchten sie nur abzurufen – und schon waren sie da: die Zeiten und der Herren Geist, in welchem die Zeiten sich spiegelten. Felix und Hugo stützten einander und vermittelten mir so, was zwischenmenschliche Solidarität in schwerer Zeit bedeutet. Als ich eines Abends den Kirchhof betrat, hantierte Felix gerade mit dem Taktstock. Geprobt wurde ein Choral aus der Feder Franz Schuberts, dessen ergreifenden Worte mich genauso substanziell berührten wie die schlichte, doch seelentiefe Melodie:

Wohin soll ich mich wenden, /Wenn Gram und Schmerz mich drücken?/Wem künd’ ich mein Entzücken, /Wenn freudig pocht mein Herz? //Zu Dir, zu Dir, oh Vater, /komm ich in Freud und Leiden, /Du sendest je die Freuden, /Du heilest jeden Schmerz“.

Das war die „Trost spendende Musik“, die ein junger Mensch auf seinem Kreuzesweg ins Ungewisse gut gebrauchen konnte, Musik verbindender Solidarität mit dem metaphysischen Hintergrund, der uns in unserer exponierten Situation eine entfernte Heimat bot, aus der uns niemand vertreiben konnte. Zum Leidwesen des Großen Bruders, der alle Lebensbereiche kontrollieren wollte, selbst die Sphäre der Intimität, war die Freiheit der Gedanken immer noch nicht zu beschneiden wie die Freiheit des Gewissens.

Monate später studierte Felix Beethovens nicht weniger ergreifende Chorkomposition „Die Himmel rühmen“ ein. Mit dem Choral vermittelte er vielen jungen Menschen im Hof, unter ihnen viele Zugereiste aus den entlegeneren, langsam aussterbenden Ortschaften des an sich doch kunstarmen Banats, etwas von dem tieferen „Liedgut der deutschen Kultur“ und von erhebender Musik. Manchmal scharten wir uns um ein Klavier – Edgar schlug in die Tasten und viele Stimmen sangen „Sierra, Sierra Madre del Sur, Sierra, Sierra Madre“ – lange, lange bevor daraus ein populärer Hit wurde. Dank solcher Musikinszenierungen entwickelte sich das kirchliche Umfeld im Vorort Mehala, der Kirchenbereich, wo sich junge Menschen aus allen Ecken des Banats „unter Kreuz und Linden“ zusammenfanden, zu einem geistigen Kristallisationspunkt antiatheistischer Aktivitäten, zu einem oppositionellen Schmelztiegel, der auch für unsere aufkommenden Widerstandsaktivitäten in Temeschburg von Bedeutung sein sollte.

Felix war ein leidenschaftlicher Musiker. Oft saß er daheim am Klavier, gütig, mit einem leichten freudigen Schmunzeln auf den Lippen, den Blick auf die Noten gerichtet und spielte … manchmal improvisierte er auch nur, modulierte, Fantasierte wie Mozart und Haydn beim Komponieren oder wie Beethoven, der auch ein einsamer Meister spontaner Improvisation war, je nach Lust und Laune, öfters lebensfroh in Dur, manchmal auch elegisch in Moll. Seine Innenwelt, die im Grunde ewig heiter war wie die Musik Mozarts, verlangte zwar fast immer nach Dur – doch die Tristesse der Außenwelt, die bei ihm zudem noch stark historisch wie gesellschaftlich determiniert war, schrie immer öfter nach Moll. So artikulierten sich die Gefühle im Wechselspiel, je nach Stimmung und Gestimmtheit, je nach atmosphärischer und kosmischer Konstellation. Das Ausgeliefertsein an die Stimmung, ein Phänomen, das mir bereits als Kind den „Pictor“ beobachtend recht eindeutig aufgefallen war, entdeckte ich nunmehr auch bei diesem sensiblen Künstler, dessen gesamtes Nervenkostüm auf die Rezeption von Tönen ausgerichtet schien. Er war nur Ohr und Antenne. Ein „Hummelflug“ konnte ihn irritieren … oder auch inspirieren wie Rimski-Korsakow.

Häufig spielte mir Felix auf Wunsch seltene Themen und Motive vor, die ich sonst nie im Konzertsaal zu hören bekam; Beethovens Symphonien etwa in der Klavierfassung von Liszt, ähnliche Transkriptionen, umgestaltete Don Giovanni-Motive aus der Feder des ungarischen Virtuosen, freie Improvisationen klassischer Werke aller Gattungen, ohne Noten, aus dem Gedächtnis wie die Zigeuner, die keine Noten nötig haben; manchmal auch eigene Kompositionen, die ihm in langen Winternächten eingefallen waren.

Freund Felix, dem ich in der „Symphonie der Freiheit“ ein kleines Denkmal gesetzt habe, als Mensch und als aktiver „Regimegegner“, war künstlerisch sehr kreativ, doch fehlte ihm die systematische Ausbildung. Strenge „Harmonielehre und Kontrapunkt“ waren nicht seine Stärken. Er war ein „Romantiker“ im eigentlichen Sinn des Wortes, unvollendet, fragmentarisch. Ihn dominierte das „unmittelbare Gefühl“, das aus ihm herausströmte, frei und natürlich wie ein wilder Fluss, der sich im steinigen Hang seinen Weg bahnt. Mir imponierte diese „Freiheit der „Improvisation“, entsprach sie doch meinem Grundgefühl, das mich selbst beherrschte: dem Dionysischen, dem Ekstatisch-Rauschhaften, das mich einnahm wie einen entfesselten Prometheus, ohne dass ich davor am schweren Rotwein genippt hätte. Das Dionysische – das war die Freiheit der Selbstentfaltung, die offene Struktur, während das Apollinische, das System des schönen Scheins, mich, den angehenden Künstler und Dissidenten, in die Begrenztheit der Regeln und Gesetze zurückwarf.

Nietzsches Bonmot, „ohne Musik“ sei „das Leben ein Irrtum“, nahm uns beide ein. Während er wie andere, zum Teil höchst begabte Violinvirtuosen in unserem ferneren Umfeld, Musik darstellte und produzierte, zog ich mich in die reine Rezeption zurück, in die Welt des Genusses. So konnte ich „virtuos zuhören“. Musik – das war nicht nur übergreifende Universalität und Humanität: Musik, das war „Freiheit“ in ihrer höchsten Manifestation. In ihrem Bereich griff keine „Macht des Zensors“. Auch entzog sie sich der Primitivität, die uns im profanen Alltag umgab.

Mein früher Wunsch, Musiker zu werden, hatte sich leider nicht erfüllt, obwohl ich mir das Blasen der Trompete selbst beigebracht, längere Zeit Gitarrenunterricht genommen und mit Freunden über Jahre in einer Jugendband erfolgreich musiziert hatte. Der Bruder „trommelte“ seine Jugend hindurch, wie auch mein Großvater sein halbes Leben „getrommelt“ hatte, bevor er als sogenannter „Kleinrichter“, als Gemeindediener und Büttel, offizielle Mitteilungen verkündete. Vielleicht wollte ich deshalb nicht auch noch „trommeln“, wo es schon in mir trommelte – über den unendlichen Bolero hinaus.

Advertisements

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s