Mozart und Schubert – Therapeutikum Musik

 

Mich hingegen beschäftigten Gedankengänge und Visionen, die von dieser statischen, konservativ archaischen Welt wegführten und neue Perspektiven ermöglichten. Eine Möglichkeit, aus der Untätigkeit auszubrechen, bot die Literatur. Viele Nächte hindurch schrieb ich Gedichte, Erzählungen, Essays und kleine Abhandlungen, die alle in der Versenkung verschwanden. Es waren bessere Schulaufsätze, ausgeweitete Tagebucheintragungen, Momentaufnahmen, Stimmungsbilder und lyrische Intermezzi mit starken epigonalen Anklängen, die an die Vorbilder aus der Sturm und Drangzeit, an den jungen Goethe und an die Dichter der Romantik und Spätromantik erinnerten. Es waren vielfache Ausdrucksformen junger Leiden, die ein heranwachsender Jüngling erlebt, der in ein Ideal verliebt ist und der für das andere Geschlecht keine Zeit findet.

Nebenbei hörte ich noch viel Musik, Schuberts Lyrikvertonungen, seine großen Sonaten und vor allem den Winterreisezyklus nach Liedern von Wilhelm Müller, der meiner verbauten Perspektive am ehesten entsprach. Schubert hatte jene Hymnen auf die Melancholie in einer Lebensphase komponiert, als sich seine Lebensperspektive krankheitsbedingt verdüsterte, als der schon gefühlte Tod bedrohlich näher zu kommen schien. Das erfüllte mich mit Sympathie, mit seelisch nachempfundenem Mitleiden, denn meine Aussichten waren nicht viel besser, obwohl ich kerngesund war. Das Dunkel der verbauten Zukunft, die es bald überhaupt nicht mehr geben konnte, erfasste auch mich: „

Warum meide ich denn die Wege, / die die andern Wandrer gehen … /Habe ja doch nichts begangen,/ dass ich Menschen sollte scheuen,/ Ach, welch törichtes Verlangen,/ treibt mich in die Wüsteneien …“

Die Identifikation war so ausgeprägt, dass ich selbst riskierte zum weltflüchtigen Anachoreten zu werden. Die Welt versagte sich mir – und auch ich wollte nichts mehr von ihr wissen. Resignation kam auf.

Auf der Suche nach seelischem Gleichklang, nach verwandtem Pathos, floh ich in die symphonische Welt eines Jean Sibelius, dessen traurige Gestimmtheit ich mit Ergriffenheit aufsog. Ich hörte das tief klagende „Requiem“ Mozarts, das mir, das tragische Schicksal dieses einmalig genialen Menschen vor Augen, die Vergänglichkeit alles Seienden bewusst machte, sein C-Moll-Konzert und immer wieder die „Zauberflöte“, die mich in eine andere Welt versetzte. Mozart war das Heilmittel überhaupt. Manchmal, wenn ich richtig traurig war und die ganze Welt nur noch aus Rückschlägen zu bestehen schien, wenn ich Tag für Tag tiefer hineintauchte in den Schmerz, der nahe an die Verzweiflung herankam, streckte ich mich auf dem Sofa aus und ergab mich Mozarts Tonwelt. Dann hörte ich bis zum Exzess nur einen Satz aus einem seiner wunderbaren Klarinettenkonzerte, jenes wehmütige Adagio, eine Musik der Sehnsucht und der Auflösung. Wenn das zarte Motiv erklang, lang gedehnt wie ein Seufzer eines Schmachtenden, glaubte ich mich in andere Sphären versetzt: himmlische Musik, von Göttern inspiriert und für Menschen umgesetzt, transzendente Musik – Musik des Übergangs. Mit jenen Klängen wäre ich gerne geschieden, für immer. Sie befreite von der Last des Lebens und öffnete den Weg zur letzten „Freiheit“.

Das Pathos Mozartscher Musik war ein Therapeutikum, ein Wundermittel zum Verscheuchen trister Gedanken. Mit seiner Trauermusik konnte auch andere Trauer überwunden werden. Sie bot für vieles eine Lösung. Schließlich versöhnte sie mich wieder mit der Welt. Ohne Musik sei alles nichts, hatte Mozart postuliert. Und Nietzsche hatte ihm nicht widersprochen. Für beide war das Leben ohne Musik ein Irrtum, eben eine sinnlose Angelegenheit. Auch für mich.

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