Mozart – Musik als Manifestation von Freiheit und Menschenrechten

 

Große Geister der Musikgeschichte, die in Temeschburg ihre Spuren hinterlassen hatten, beschäftigten uns. Geniale Persönlichkeiten wie Bruno Walter, der von Temeschburg aus über Budapest, Wien und Berlin zu Weltruhm gelangen sollte und der sich noch im fernen Kalifornien an seine angenehme Zeit in der Stadt an der Bega erinnerte. Bruno Walter, der Dirigent von Weltruf, war im Jahr 1898 zum ersten Kapellmeister am Theater der Stadt berufen worden und hatte in seiner Zeit des Wirkens viel von dem aufgeführt, was in der Welt der damaligen Oper einen Namen hatte.

Nicht selten spielte mir Felix seine eigene Lieblingsmusik vor, Kompositionen, die dem leichteren Genre der Operette und der Wiener Volksoper zuzurechnen waren. Straußwalzer, Humoreskes aus dem „Zigeunerbaron“, dann steirische Ländler von Lanner, Arien aus den populären Werken von Millöcker und Lortzing und ähnliches. Das Operettenhafte, das sich nach meinem Empfinden nur schlecht mit Beethoven, Schubert, Schumann und Brahms vertrug, war nicht so ganz meine Welt. „Entweder – Oder“, fühlte ich schon damals – auch in der Musik.

Wesensgemäß tendierte ich mehr zur ernsthaften Richtung hin, die mit Haydn einsetzte und mit Wagner, Richard Strauß, Bruckner und Mahler verklang. Beethoven genoss eine Ausnahmestellung im Olymp der göttlichen Musiker. Ohne zu wissen, dass auch andere Geister Beethoven so sehr verehrten, wie ich es tat, sah ich in ihm das „Absolute in der Musik“. Ihm folgte in meiner eigenen Präferenz- und Rangordnung dicht Franz Schubert, dessen melancholische Musik ich stundenlang hören konnte und dessen Verknüpfung von Poesie und Musik mich faszinierte. Das symphonische Element mit seiner tief aufwühlenden Irrationalität, wie ich es in seiner Urgewalt zunächst bei Beethoven und dann bei seinen direkten Nachfahren Schubert und Brahms vorfand und erlebte, erfüllte mich damals mehr als ein liebliches Menuett, als der geschmeidig galante Walzertakt oder die oberflächliche Verspieltheit der Operette, einfach deshalb, weil die symphonische Musik eine tiefexistenzielle Komponente hatte, ein Charakteristikum, das ich allerdings nur unreflektiert wahrnahm.

Felix aber verehrte Johann Strauß, der im Jahr 1847, kurz vor dem Ausbruch der Revolution, mit seinem Orchester in Temeschburg konzertiert hatte. Manche Arie aus dem „Zigeunerbaron“, dessen Handlungsgeschehen vor den Toren Temeschburgs angesiedelt ist – vielleicht sogar in Sackelhausen oder dem zur Gemeinde gehörenden „Beregsau“, wo seinerzeit viele Millionen Schweine gezüchtet wurden, große und kleine und wohl auch heute noch gezüchtet werden, nur weniger an der Zahl – amüsierte auch mich. Schließlich war ich schon von Kindesbeinen an mehr mit der „Welt der Schweinezüchter“ vertraut als mit jener der „Schriftgelehrten“, Dichter und Pharisäer, ohne dass jedoch „Borstenvieh und Schweinespeck“ zum „idealen Lebenszweck“ erhoben worden wären.

Trotzdem war mein musikalisches Weltbild seinerzeit noch sehr einseitig. Mir fehlte damals vor allem der tiefere Sinn sowohl für die Musik Johann Sebastian Bachs als auch für die Tiefe und Weite Mozarts, für seinen avantgardistischen Einsatz, welcher der deutschen Oper über das Singspiel zum Durchbruch verholfen hatte. Während mir der „eigentliche Mozart“ noch ziemlich verschlossen war, erschien mir das Menschheitsgenie, das in seiner Vielfalt und Tiefe noch über Beethoven hinausgeht, nur als eine barock entrückte, verspielte und oberflächliche Frohnatur, die dem Possenreißer näher stand als dem schöpferischen Genius. Von seinem symphonischen Werk wusste ich ebenso wenig wie von seinen ergreifenden Klavier- und Flötenkonzerten. Erst Felix lenkte meinen Blick auf den wohl extravagantesten Komponisten seiner Zeit und machte mich auf die innere Wahrhaftigkeit und Tiefgründigkeit Mozarts aufmerksam. Er empfahl mir die Lektüre der Briefe Mozarts, die, neben den lustigen „Zoten“, auch den Kampf des „Aufklärers“ und „Freimaurers“ Mozart um Freiheit in vielen Manifestationsformen dokumentieren.

Während Haydn und Beethoven sich geschickt ihre künstlerische wie persönliche Freiheit zu sichern wussten, ging Mozart, beflügelt von dem ebenfalls freigeistigen Lorenzo da Ponte, noch darüber hinaus und forderte für sich wie für andere freie „existenzielle Selbstbestimmung“, freies Künstlertum, freie Artikulationsmöglichkeiten, auch in „deutscher Sprache“, bis hin zur gedanklichen wie „sexuellen Emanzipation“, ganz nach dem Motto Don Giovannis: „viva, viva la liberta!“

Dank der Impulse des Freundes vertiefte ich mich erstmals ernsthaft in die „Zauberflöte“, in ihre musikalische Struktur und in ihre Ideale und bald darauf in die genialste aller Opern. Don Giovanni brachte die Wende und, dank Felix, die immer noch rechtzeitige Hinwendung zum Genie Mozarts. Nachdem ich „Don Giovanni“ zum ersten Mal auf Band gehört hatte, ließ mich diese Oper nie wieder los. Symphonie und Drama schienen in diesem Werk, in dem ein Höhepunkt den nächsten ablöst, in kongenialer Ergänzung zu einer Einheit zusammenzufließen; zu einem Gesamtkunstwerk, das ich am liebsten selbst gerne im Reich der Worte in einem „frei“ konzipierten wie komponierten, „symphilosophierenden“ Roman im Geiste Schlegels realisiert hätte.

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