Melancholie und künstlerisches Schaffen

 

Meinem Schöpfer dankte ich dafür, ein Ohr für diese Kunst zu haben und einen natürlichen Zugang. Wenn alle Stricke rissen, wenn nichts mehr möglich sei, keine Aktion und keine Reaktion, überlegte ich damals, dann wollte ich nur noch in der Welt verharren, um Musik zu hören. Allein schon der Gedanke, irgendwann sterben zu müssen, ohne auch nur einen Bruchteil der vorhandenen Kompositionen gehört zu haben, stimmte mich schon traurig.

War ich ein Melancholiker? Im Zeichen des Saturn geboren? Wie Ficino, das Haupt der Florentinischen Akademie, der auch unter der „Schwarzgalligkeit“ der Alten litt und für den die Musiktherapie kein Fremdwort war? Wie Pico della Mirandola, sein schöner Zögling, ein Meister der Kabbala, der in finsterer Zeit einen Traktatus über die „Würde des Menschen“ geschrieben hatte und auch mit der Melancholie kokettierte? Offensichtlich war das so.

Auch ich war ein „Fisch“, doch einer, dem das Wasser fehlte, das Element, das seiner Wesenheit am meisten entsprach. Vielleicht hörte ich deshalb lethargisch Mozart und nicht den erhebenden Beethoven, dessen Musik Kampfmusik war und aufbäumte zum Schlachtengetümmel?

Mein Kopf war damals voller Poesie und voll symphonischer Klänge, die mir dann am liebsten waren, wenn sie in Verschmelzung auftraten und wenn die sonst auch diffuse und schlecht greifbare Musik eine höhere, poetisch wie philosophisch schon vorformulierte Idee exponierte. Manchmal durchlebte ich diese Welt der Imagination in einzelnen, seltenen Augenblicken so tief, dass es anfing, in mir zu dichten und einige Verse unmittelbar auf das Papier flossen, geistesabwesend wie schwarze Tusche aus dem Pinsel des Kalligrafen. Der Schaffensprozess veranschaulichte mir aber auch, wie schwer es ist, ein handwerklich und geistig vollendetes Gedicht zu verfassen, das über eine von Vorbildern dominierte Nachahmung hinausgeht und das auch im Ästhetischen neue Wege zu beschreiten versucht. Der Schmerz des Epigonen, den Schubert und Schumann, Heine und Lenau durchlitten hatten, musste ich genauso durchleben wie Tausende Künstler vor mir.

War ich ein Stümper?

Vor den Preis hatten die Götter den Schweiß gesetzt – Kunst war immer schon Leiden.

Die Perle entsteht aus dem Schmerz!

Und oft geht das Leiden an der Kunst und um die Kunst dem großen Kunstwerk voraus. Das ist das Kreuz des Künstlers, das auch der größte unter den Schaffenden, zu tragen hat. Doch auch dieses Kreuz erhöht. Leichtigkeit ist Trug. Wahr ist der Schmerz dahinter – und das Selbstopfer.

Ästhetische Anschauungen bewegten mich, aus denen das Martyrium sprach und das Märtyrertum des Schaffenden. In der Regel wurden die Gedichte, die in der Euphorie der Nacht entstanden waren, am nächsten nüchternen Morgen wieder verworfen, ja vernichtet, da sie, beim erneuten Lesen, der kritischen Überprüfung nicht standhielten. Immer wieder warf ich die flüchtigen Kreationen in die Glut, die sie noch einmal auflodern ließ, um sie dann für immer in Asche zu verwandeln. Sie gingen ein in den ewigen Kreislauf der Elemente im steten Wandel wie alles Seiende, das ist und zerfällt, um wieder zu erstehen.

Neben den eigenen poetischen Grundlagen, deren Unzulänglichkeit mir durchaus bewusst war, fing ich damit an, mir eine solidere geistig literarische Basis zu schaffen und begann damit, einzelne Dichter genauer zu lesen, zu studieren, vor allem jene, die mir gefühlsmäßig und weltanschaulich nahe standen. Dabei merkte ich, dass es auf den richtigen Zugang ankommt und dass sich ein Poet oder ein Tondichter nur dann voll und ganz erschließt, wenn eine Wesensverwandtschaft gegeben ist – eine „Wahlverwandtschaft“.

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