Literatur- und Geistesrezeption – von Heine und Lenau zu Nietzsche

 

 

Fast las ich alles in einem Zug, was Lenau geschrieben hatte, die ergreifenden Schilflieder, die Waldlieder, dann seine engagierte politische Lyrik, welche eine Dichtung der „Freiheit“ ist, in der er sich für verfolgte „Minderheiten“ starkmacht, für die Identität der Zigeuner, der Juden und der Indianer eintritt, in welchen er für die Ideale der aufziehenden Achtundvierziger Revolution optiert. Schließlich vertiefte ich mich in ehrlichem Bemühen und mit aufrichtigem Streben in das Faustmotiv, las die „Historia“ des anonymen Erzählers aus der Reformationszeit, dann eine Reihe literarischer Darstellungen dieses Motivs bis hin zu Thomas Manns Tonsetzer, wobei Goethes und Lenaus Faustdichtungen einen Schwerpunkt bildeten; dann die mir immer zugänglicher und verständlicher werdenden „freien“ Albigenser-Dichtungen, in welchen das Ideal der Freiheit im religiösen Bereich seine vielfache Darstellung findet.

Während ich mich mit Lenaus Werk auseinandersetzte und nach seinen lyrischen Wurzeln suchte, stieß ich auf seine dichterischen Vorbilder im ausgehenden 18. Jahrhundert, auf Gottfried August Bürger und Matthias Claudius, deren Poesie mich ebenso faszinierte wie die Dichtungen der Erzromantiker und einzelner Zeitgenossen Lenaus, die in der vorrevolutionären Zeit, doch bereits nach der Französischen Revolution, der Idee der Freiheit auf ihre Weise zum Durchbruch verhelfen wollten. Das Wirken der Geister in der weiten europäischen Literatur zeigte mir ebenso wie die Philosophie, die ich mehr und mehr konsultierte, dass die Idee der Freiheit als höchster Wert des Menschen angesehen werden muss und dass der „Kampf um die Freiheit“, nach Ibsens Wort, überhaupt das wichtigste ist, was ein Mensch zu leisten hat – in der Gesellschaft, im tatsächlichen Leben und in der Kunst. So wie Pflanzen nach dem Licht streben, im permanenten „Kampf um das Licht“, so braucht der Mensch die Freiheit, um ein menschenwürdiges Leben zu führen – sie ist die „Conditio sine qua non“, die Bedingung, ohne die nichts geht, ohne die alles nichts ist.

Lenaus Werk war noch überschaubar. Es fand in einem kleinen schwarzen Bändchen Platz, das ich einst in dem Antiquariat in der alten Festung erworben hatte und stets mit mir führte. Immer wenn ich irgendwo warten musste – und im real existierenden Sozialismus musste man oft warten – nahm ich es hervor, blätterte darin, las und reflektierte.

Ferner las ich fast alles, was Heine geschrieben hatte; seine Lieder, seine zeitkritischen Essays, seine Reisebilder und immer wieder sein „Wintermärchen“. Heine schrieb ungeniert direkt und manchmal auch frech unkultiviert, jenseits von ethischen Zwängen, ganz so, wie wir es in unserer täglichen kritischen Auseinandersetzung mit dem politischen Alltag in der pseudosozialistischen Gesellschaft nötig hatten. Mit seiner breiten Klaviatur, die von höchster Geistigkeit und tiefstem Gefühl bis ins derb Profane und Seichte reichte, gab er uns ein Instrumentarium an die Hand, das auch wir virtuos einsetzen konnten.

Heine schrieb aus der Verbannung, aus dem französischen Exil – und er blickte von außen auf ein konservatives, retrogrades wie zersplittertes Deutschland, das weitgehend ein „Preußen“ war, in dem der „Zensor“ noch mitredete und in dem die „Freiheit“ noch ein Schneeglöckchen war, das sich dem Erwachen aus einem langen Winterschlaf entgegen sehnte.

Diese Perspektive kam mir irgendwie bekannt und vertraut vor. Was anderes sah ich, wenn ich aus dem Fenster blickte? Außerdem schrieb er wie Lenau und andere Freiheitslyriker der Romantik und Klassik viel über „politische Freiheit“, über die Ideale der Französischen Revolution; wie Lenau war auch er ein Kämpfer, der vom zur Freiheit hin strebenden Geist der Zeit getragen wurde. Sein Stil, sein Witz, selbst sein Hohn und sein Sarkasmus, gingen mir noch leichter ins Blut über als die mir ebenfalls vertraute Melancholie Lenaus, die Heine erst im Siechtum der späten Matratzengruft erfassen und verstehen lernte. Da beide Lyriker, Heine und Lenau, im gesamten Ostblock als höchst etablierte „Arbeiter- und Bauerndichter“ angesehen wurden, die zum aufkommenden Marxismus-Leninismus die notwendige Vorarbeit geleistet hatten, waren ihre Werke gut erhältlich. Mihai Eminescu, das Dichtergenie der Rumänen, hatte Lenau bewundert, viel von ihm übernommen und in besonderer Affinität zum melancholischen Lebensgefühl zwei Lieder Lenaus kongenial nachgedichtet, „Welkes Blatt“ und jene vollendete Ode auf die Melancholie „Bitte“.

Auch die deutschen Klassiker waren gut greifbar. Der Aufklärer Lessing ebenso wie das Werk des Räuberdichters Schiller, wie Heine ihn im Schwabenspiegel nennt, dessen Freiheitsdramen ich schon in früher Jugend las wie Kriminalromane, und, erhaben über allen, Goethe. Mich interessierte damals weniger das Spätwerk des Lebensweisen, dessen Lektüre eigene Lebensweisheit voraussetzt, die ich damals noch nicht haben konnte, auch nicht die Bildungsromane des über den Dingen patronierenden Dichterphilosophen oder dessen Balladen, mit denen man uns in der Schule traktiert hatte, sondern das unmittelbare Frühwerk, das Werk des jungen Goethe, aus dem der Geist eines Renaissancemenschen sprach. Mich fesselte und faszinierte das „Gefühl“ des „Sturm und Drang“, das sich aufbäumende, Schranken sprengende Individuum, das sich gegen das Bestehende auflehnt und neue Wege zu gehen sucht – mich fesselte die Stimmung, die aus „Prometheus“ spricht, der Geist der Auflehnung und Rebellion. Denn auch in mir sah es im Alter von neunzehn Jahren nicht anders aus. Auch ich war ein Stürmer und Dränger, dem Grenzen verhasst waren, in allen Formen und der die Grenzenlosigkeit suchte – und das Ideal der erstrebten Freiheit war immer noch das gleiche. 

Wesentlich schwieriger wurde es, als ich nach einer anderen Geistesgröße griff, die mich ebenso in den Bann zog – Nietzsche! Er galt weniger als Dichter, sondern fast allgemein als reaktionärer Denker, als Vorläufer des Faschismus und des Nationalsozialismus. Folglich waren Nietzsches Werke nirgendwo anzutreffen; weder „Zarathustra“, noch die aufklärerischen Essays seiner früheren Schaffensperiode, die in ihren Wesen idealismus- und romantikkritisch und somit antimetaphysisch sind.

Selbst mit dem „antiklerikalen Nietzsche“, dem Autor des „Antichrist“, gegen den unser Dorfpfarrer so lebhaft von der Kanzel gewettert hatte, wussten die „Kommunisten“ nichts anzufangen. „Mit dem Hammer philosophieren“ war ihnen wohl suspekt, selbst gegen das Kreuz.

Nur was wussten die Marxisten überhaupt von Nietzsche? In ihrer apriorischen Ablehnung verwarfen sie alle großen Ideen Nietzsches: das Phänomen der ewigen Wiederkehr des Gleichen, die Vision des Übermenschen und die Konzeption des Willens zur Macht, somit fast den gesamten Denker. Die vielfach paradoxen Ausformulierungen und Relativierungen passten ebenso wenig ins sozialistische Konzept wie sein „perspektivistischer Denkansatz“, der die Individualität des Subjekts, die Sicht des Einzelnen, als die einzig gültige der objektivierenden Gleichmacherei der offiziellen Staatsdoktrin entgegenstellt. Und einen neuen Menschen, einen zum Glück verdammten Untermenschen, hatten sie selbst. Es gelang mir trotzdem, einiges von und über Nietzsche zu lesen.

Er war derjenige der deutschen Denker, der mir am nachhaltigsten die Leistungsfähigkeit der deutschen Sprache und der Philosophie überhaupt vermittelte. Die Freigeistigkeit der anderen Idole, die Schärfe des Geistes und die Prägnanz des Ausdrucks fanden bei ihm nicht nur eine würdige Steigerung – sie schienen sogar einen einsamen Gipfel zu erreichen.

Ferner war Nietzsche ein Apologet der Einsamkeit, eines Lebensgefühls, das mich gerade einnahm, ein Schaffender, der elitär die breite Masse verachtend, aus der Einsamkeit heraus ein künstlerisches Werk schuf, das seinesgleichen sucht. Er war für mich die „Inkarnation des schaffenden Subjekts“, des großen Willens, der sich selbst entwirft, der neue Welten schafft, künstlerisch-denkerische Welten des freien Geistes für freie Geister. Freiheit und Kunst bildeten die zentralen Begriffe seines Schaffens – während der reglementierende Staat – in unseren Augen die allmächtige, einzige Partei – nichts weiter war als ein kaltes Ungeheuer, dass jede Freiheit und jedes Künstlertum abwürgt.

Nietzsche zeigte mir, dass allem, jeder Theorie und jeder These, scharfsinnig widersprochen werden kann und widersprochen werden muss. Er war der große intellektuelle Lehrmeister in der ideologischen Auseinandersetzung mit einem System, das auch im geistigen Bereich höchst einseitig und unflexibel war.

Das Melancholiker-Dreigestirn Lenau, Heine und Nietzsche, der sich selbst geistig wie lyrisch von den beiden her leitet, verdichteten sich in meinem Bewusstsein zu einem Begriff: „Kampf“! Das war der Kulminationspunkt des alten herakliteischen Prinzips – es war der Kampf um die Freiheit, in allen Formen der menschlich kreativen Entfaltung.

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