In einer kleinen Konditorei … in der Bastei – Signale der Freiheit: Es gärt im Land!

 

Mein aktives Betätigungsfeld lag, wenn ich nicht gerade zurückgezogen auf dem Dorf lebte und literarischen Tätigkeiten nachging, im Bereich der alten Bastei, die, nach der Vertreibung der Türken im Jahr 1716 durch Prinz Eugen, auf österreichischen Befehl hin erbaut worden war. Dieses Bollwerk war das Herzstück einer gewaltigen Befestigungsanlage, die nach Plänen von Vauban errichtet worden war und weite Teile der Stadt Temeschburg erfasste. Die Stadt war nach dem Ausbau durch die Österreicher eine strategisch besonders wertvolle Festung, deren Bedeutung für die Verteidigung des Abendlandes gegen die Bedrohungen durch das Osmanische Reich selbst über die Stellung Budapests hinausging. Wer Ofen erobere, besitze eine Stadt, hieß es. Wer dagegen Temeschburg erobere, besitze ein Land.

Der Basteikomplex, dem noch eine Reihe weiterer militärischer Gebäude zugeordnet waren, fußte, was nur wenige wussten, auf den geschleiften Überresten der einstigen Türkenfestung, von der nicht mehr viel übrig war. Die meisten Bürger, unter ihnen lange Zeit auch ich, hielten das Bauwerk nach wie vor für ein Relikt der Türken. In den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden weite Teile der Anlage, wie es vergleichbare nur noch in Westfrankreich gibt, etwa in Neubreisach oder in Besançon, abgetragen, saniert und zu einem funktionalen Komplex umgebaut. Hinter den alten, roten und dicken Backsteinmauern verbargen sich mehrere nützliche Einrichtungen, die ich gern und häufig frequentierte. Eine „kleine Konditorei“, wo man durchaus einige vorzeigbare, endemische Süß-Spezialitäten genießen konnte; ein Restaurant mit Bier vom Fass aus der heimischen Brauerei, was keine Selbstverständlichkeit war und eine verrauchte Bar, in der nach dem Vorbild der Spielerstadt Las Vegas zeitweise ein einarmiger Bandit aufgestellt war, um den sich bald, in eigenartiger Faszination, die zweiarmigen aus der Szene scharten, um die Zeit nach ihrer Entlassung aus dem nahen Gefängnis sinnvoll zu überbrücken – bevor sie, nach dem bald anstehenden Coup, unfähig im Umgang mit der Freiheit, in ihre vertraute Residenz zurückkehrten.

Ferner gab es in den Räumen der alten Bastei eine gut ausgestattete Bücherei, die als öffentliche Leihbücherei schon mehr als hundert Jahre existierte. Regelmäßig stöberte ich in ihren Regalen herum, immer auf der Suche nach Literatur, die mir noch unbekannt war. Gleich daneben gab es ein Antiquariat, in welchem ich nach alten Zeitschriften und vergriffenen Publikationen suchte, aber auch eigene Bücher zum Verkauf anbot, wenn mein Taschengeld knapp wurde. Auch Souvenirläden mit Gegenständen, die niemand brauchte, waren vorhanden; und Ausstellungsräume, in welchen einmal eine größere Buchausstellung aus der DDR stattfand, im Rahmen derer eine beachtliche Anzahl literarischer Neuerscheinungen präsentiert wurde. Ein Linker, der damals noch Trotzki verehrte und mit Stalin sympathisierte, versuchte mir anlässlich jener Buchausstellung klar zu machen, das „Bücherklauen“ gehöre zu den Gepflogenheiten des wahren Intellektuellen wie der gute Ton zum Biedermann. Staunend forstete ich nach Belegstellen bei Marx, Engels und Lenin, ohne welche zu finden.

Nahezu täglich, manchmal sogar mehrfach am Tag, saß ich in jener kleinen Konditorei, den abgeklapperten Ohrwurm im Ohr, und erfreute mich an den Törtchen, Pralinen und anderen süßen Delikatessen, die allesamt ihre doppelmonarchische Herkunft nicht verleugnen konnten. Mit Vorliebe schlemmte ich die wässrig sahnigen „Savarine“, ein Art aufgeklappter, gebackener Brotteig mit „Schlagobers“, ausgiebig in einem pappig süßen Sirup getränkt, ohne zu wissen, ob die Bezeichnung etwas mit dem französischen Staatsmann gleichen Namens zu tun hat. Oder ich bestellte eine „Dobos-Torte“ mit karamellisiertem Zuckerdeckel und einer „Rose“ aus gebranntem Zucker, die nach ihrem ungarischer Schöpfer benannt ist sowie „Kastanienpüree“. Ferner gehörte eine gekochte Blockschokolade „Baton“, die ich inzwischen selbst in besserer Qualität herstellen konnte, zu meiner Wahl. Getrunken wurden langweilige, kohlensäurehaltige Limonaden, die manchmal nach chlorversetztem Bega-Wasser schmeckten, gelegentlich auch Pepsi-Cola, nachdem Ceauşescu auf seiner Reise in die Vereinigten Staaten von den untereinander konkurrierenden Konzernchefs empfangen worden war. Zwei nette, noch rüstige rumänische Matronen standen hinter der Verkaufstheke und verwalteten von dort aus die saubere, mir stets angenehme Feinbäckerei.

„Behaupte nie, deine Mutter habe dich großgezogen!“

witzelte eines Tages eine dieser Damen, deren auffälligstes Merkmal ein dick aufgetragener roter Lippenstift war, um dann sie ebenso scherzhaft hinzuzufügen:

„Das war allein mein Werk, hier in diesem Raum ist es geschehen – bei Savarinen und Limonade!“

Durfte ich da widersprechen? Lenau hatte einst in Wien sein „Silbernes Kaffeehaus“, wo er mit Leuten wie Franz Schubert oder Grillparzer zusammentraf. Wir hatten diese alte Bastei ohne Silberbesteck, deren zwei, drei Räumlichkeiten zum Ort vielfacher, menschlicher Begegnung, zum Gesprächsort, umfunktioniert wurden. Statt einer Selbstisolation und damit innerer Vereinsamung zu verfallen, flüchteten wir in die Öffentlichkeit, in das Gespräch mit jedermann. Zu ihren treffenden Bemerkungen schmunzelte ich nur. Das Leben war zwar hart, vor allem für unkonventionelle, nonkonforme Individuen. Doch es gab immer noch viele Gründe zu schmunzeln. Schmunzeln war Lebensqualität, die dem tierischen Ernst und der Frustration entgegengesetzt wurde. Lachen breche alle Widerstände, meinte Mark Twain einmal. Manchmal, wenn Galgenhumor aufkam oder einer jener „interkulturellen Witze“ zum Besten gegeben wurde, konnten wir auch richtig innig lachen. Das war noch besser! Denn Lachen hat viel mit Freiheit zu tun und mit Selbstbefreiung. Später, als Erwin Ludwig dazu stieß, kultivierten wir den Ritus des Lachens als Mittel gegen die essigsaure Verstimmtheit mancher Zeitgenossen, die, von Misanthropie erfüllt, nur noch negative Phänomene erleben konnten. Und wir lachen heute noch.

Im Bastion-Areal, nur unweit vom Busbahnhof, dem Hotel-Swimmingpool und dem größten Kaufhaus entfernt, das einen Mikrokosmos bildete, traf ich auf die unterschiedlichsten Charaktere. Viele von ihnen, auch heranwachsende Mädchen, stammten aus den umliegenden deutschen Gemeinden, die wie mein Heimatort vor etwa zweihundert Jahren nahezu allesamt – im eigentlichen Sinn des Wortes – aus dem Boden „gestampft“ worden waren. Mit dem Eintreten in das Stadtleben wollten die jungen Menschen vom Land vor allem der geistigen und sozialen Enge ihres Dorfes entfliehen, wo jeder jeden kannte und auch kleinere Eskapaden nicht unbeobachtet blieben und ein Leben nach eigenen Vorstellungen beginnen. Nicht nur die wenigen progressiven Hochschüler emanzipierten sich und entflohen der Welt der Väter ihrer unbequemen Geschichte – auch andere junge Leute, die ihre liberale Gesinnung weniger demonstrativ hinaustrompeteten, taten das Gleiche und folgten damit einem natürlichen Prozess, der eine Generation von der anderen abhebt. Manch einer meiner weitläufigen Bekannten aus den nahen Dörfern des Banats, die ich selbst noch nicht alle gesehen hatte, da unsere Beweglichkeit sehr eingeschränkt war, fiel allerdings nur als junger „Don Juan“ auf, als Konquistador im weiten Kreis der schönen Frauen, das Denken und Handeln ganz auf die Verführung ausgerichtet, ohne jeden ausgeprägten Sinn für höhere Werte oder sozialpolitische Fragen. Ein Trieb steuerte … und dachte.

Andere Basteibesucher aus den Vororten Temeschburgs waren der Kategorie der „städtischen Gauner“ und „Ganoven“ zuzurechnen. Sie sollten mir später im Gefängnis „Popa Şapca“ wieder begegnen – als notorische Kleinkriminelle. Die meisten Jugendlichen meines Umfelds waren jedoch unpolitisch und lebten ohne größere Erwartungen an sich und ihre Umgebung einfach in den Tag hinein. Soziale Herkunft und Nationalität hatten in der täglichen Kommunikation kaum eine Bedeutung. Bei tiefer gehenden Gesprächen war hingegen herauszuhören, dass die meisten Menschen den politischen Status quo akzeptierten und zunächst mit keiner substanziellen Veränderung der politischen Gesamtsituation im Land wie auch in anderen Staaten des Ostblocks rechneten.

Die politisch unbefriedigende Lage schien noch 1977, zwei Jahre nach der KSZE-Konferenz in Helsinki, für alle Ewigkeiten fest zementiert; ein Grundgefühl, das ich am eindeutigsten bei meinen neuen Urlaubsbekanntschaften aus dem „zweiten deutschen Staat“, mit denen ich nun korrespondierte, konstatiert hatte. Das Leben im „besseren Deutschland“, wohin es den amerikakritischen Bert Brecht gezogen hatte, schien genauso langweilig zu verlaufen wie unsere spleenige Existenz in der alten Freistadt. Die Rumänen selbst verhielten sich ähnlich passiv; denn für sie gab es keine Existenzalternative zum Leben in ihrem eigenen Staat. Während sich die Blicke der meisten Deutschstämmigen mehr und mehr auf den Westen richteten, ihr Heil in der Ausreise suchend, galt es für Rumänen, auch für die noch nationalistisch bestimmten Ungarn und Serben, die bis zu einem gewissen Grad von der etwas liberaleren Politik ihrer Mutterländer profitierten, im Land zu bleiben und, bei eigenem, nicht unerheblichen Risiko, die innenpolitische Situation zu verändern. Doch Risiken einzugehen, war keine sinnvolle Option für Personen, die keine Hasardeure waren.

Die meisten Menschen dachten existenziell, waren ängstlich und scheuten jede Gefahr – sie waren nicht unbedingt zur inneren und äußeren Rebellion geboren und zur Freiheit verurteilt oder verdammt. Vielmehr, so schien es mir damals, zu einer Art Fügsamkeit, die ein extremer Denker wie Nietzsche als provokativ polemisch als „Sklavenmoral“ bezeichnet hat.

Im Land der Buchen und der Linden wird niemals sich ein Brutus finden“ –

Heine hatte seinerzeit die noch nicht in einer Nation vereinten Deutschen im Visier, als ihn die politische Untätigkeit seiner Landsleute in die Resignation trieb.

Doch Mutlosigkeit und Feigheit waren nicht nur deutsche Phänomene. Den meisten Menschen war ihr braves Dasein nicht ganz bewusst. Dafür war der „Fatalismus“, den einige für einen Wesenszug der Rumänen erachten, in der Tat bei manchen Zeitgenossen so stark verinnerlicht worden, dass größere gesellschaftliche Veränderungen nicht mehr angestrebt wurden. „Maisbrei explodiert nicht“,

spotteten Zyniker gelegentlich. Daraus wurde ein geflügeltes Wort, das die Jahrhunderte alte Apathie auf den Punkt brachte.

Während die meisten Menschen im Westen damit beschäftigt waren, Güter anzuhäufen und die Freiheit über Wohlstand zu definieren, wurde der Mensch im Sozialismus angehalten, über staatlich vorgegebene Normen den „Fünfjahresplan in nur viereinhalb Jahren“ zu erfüllen. Zu diesem Thema gab es sogar Lieder, die im Radio zu hören waren und auf Schallplatten verewigt wurden:

Ein neuer Ruf geht durch das Land – ein Fünfjahresplan in viereinhalb Jahren“ –

Kim winkte aus Nordkorea wie Mao und Stalin aus der Gruft. Das Schicksal des Einzelnen, dem nur die Funktion zukam, den Weisungen des Führers zu gehorchen, war der lichtvollen Zukunft des sozialistischen Staates untergeordnet. Viele fügten sich dem staatlichen Druck und gehorchten. Aber es gab auch einige Ausnahmen, Andersdenkende, Querulanten, nonkonforme Künstler oder alles in einem, Leute wie Felix.

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