Großmutters Garten Eden

 

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.

Jean-Jacques Rousseau 

Das Jahr 1977 war ein sehr aktives, ja turbulentes Jahr gewesen. Es entsprach dem kräftigen Einatmen, der Systole. Das Folgejahr hingegen verwies auf die Diastole, auf das erholende Ausatmen, das genauso zum Lebensrhythmus gehört. Aus konventioneller Sicht betrachtet, war es sogar ein verlorenes Jahr; denn es gab keine Höhepunkte und auch keine äußerlich nachvollziehbaren Erfolge zu vermelden. Trotzdem war auch dieses Jahr eine reiche Zeit, geprägt von vielfältigen Aktivitäten im Kleinen und zahlreichen menschlichen Begegnungen. Nichts verlief stereotyp – jeder Tag gestaltete sich anders und brachte neue Erkenntnisse. Innerhalb von Monaten hatte ich beide Großväter verloren. Sie hatten sich im fast schon greisen Alter von achtzig Jahren von einer Welt verabschiedet, die sie nicht mehr ganz verstanden und die ihnen in den letzten Jahrzehnten nicht viel Glück gebracht hatte. Aber vielfachen Verlust ideeller wie materieller Art – Flucht, Deportation und Enteignung.

Wenn ich nach den alltäglichen Streifzügen durch Temeschburg abends nach Sackelhausen zurückreiste, steuerte ich nicht immer das Elternhaus an. Manchmal ging ich zwei Straßen weiter bis in die letzte und jüngste Straße des Dorfes, in die Neugasse, wo meine Großmutter seit dem Tod ihres Gatten verwaist zurückgeblieben war. Großmutter, die eine eigenwillige und schlichte Frau war, bewohnte ihr Haus allein, „weil sie es so wollte“ und weil sie davon überzeugt war, keiner helfenden Hand zu bedürfen. Ihr Anwesen mit dem großen, einst dicht kultivierten Garten und den vielen Obstbäumen bewirtschaftete die Achtzigjährige auch noch selbstständig und noch so gut sie es konnte. Wie oft war ich als Kind durch diesen großzügig weiten Garten gerannt, der vor Überfülle strotzte? Die Natur hielt darin fast alles bereit, was ein heimischer Garten Eden bieten konnte – eine Welt des segensreichen Überflusses wie im „Herbstlied“ des Freiherrn Gaudenz von Salis-Seewis, die Welt als Gegenwelt von Sodom. Alles war da, was ein Kinderherz wünschen konnte. Man brauchte nur zuzugreifen, wie im Schlaraffenland und die reifen Früchte in den Mund stecken, ohne irgendwelche Verbote beachten zu müssen. Auch das war Freiheit. Duftende Aprikosen waren da für die köstliche Marmelade, die ich gleich gläserweise aufzuschlecken pflegte. Mirabellen gab es, grüne und rote, die fast unbeachtet zur Erde fielen und dort verfaulten, wenn sie nicht rechzeitig zum Schnapsbrennen aufgelesen wurden. Frühreife Glasäpfel übersäten die Baumkronen, alte Sorten, die sich vorzüglich zu süßsäuerlichen Kompotten verarbeiten ließen und duftende Jonathan. Auch frühreife Süßkirschen, spanische Sauerkirchen und Weichseln für den selbst von Damen geschätzten Kirschlikör gab es zuhauf; ferner kleine, süße Birnen an alten Birnbäumen, die vielleicht schon kurz nach der Geburt der Großmutter gepflanzt worden waren, Ringlotten und Pflaumen für mein Leibgericht „Pflaumenknödel“, kleine, behaarte Pfirsiche und prall fleischige neue Sorten, aus denen beim Hereinbeißen der übersüße Saft herausspritzte. Nektar und Ambrosia überall.

An den Spalierreben am Wegrand im Hof hingen die Trauben, weiße, nach Gutedel, Muskateller und dicke blaue „Ochsenaugen“. Am Boden schmorten goldgelbe Bratkürbisse in der Sonne in der Erwartung von Halloween oder den Strudel, der nicht nur mit gemahlenem Mohnsamen und geriebenen Äpfeln gefüllt wurde und heranreifende Wassermelonen mit dunkelgrüner Schale und blutrotem Kern, Früchte der Erde, die bald abgeerntet und von sorglos lachenden Kindern verspeist wurden. Neben den gerösteten und gesalzenen Sonnenblumen oder Kürbiskernen, die wir genauso gerne im Kino knabberten wie die Zigeunerkinder von nebenan, interessierten oft nur die süßen Sachen. Doch viele andere nützliche Schöpfungen der Natur, die zur „autarken Lebensgestaltung“ gebraucht wurden, waren auch noch da. Teils waren sie im Boden versteckt wie Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch, Rüben, Petersilie, Pastinaken, Möhren, Radieschen und mehr; teils schossen sie üppig zum Himmel hoch wie der Mais, der die Schweine und die Hühner ernährte, die so nebenbei auf dem Gehöft mitgefüttert wurden. Aus der Sicht eines Kindes war Großmutters bescheidenes Gut ein kleines Paradies, ein Elysium, in dem man noch von allem naschen konnte, ohne der Sünde zu verfallen, eine Insel der Seligen, wo es auch keine Schlangen gab, noch sonstiges Giftgetier, bestenfalls Eidechsen und ein paar Mäuse. Der Garten mündete in ein offenes, weit ausgedehntes Kornfeld, das uns Kindern zeitweise als das Ende der Welt erschien. Dort erst begann unsere wirkliche, schier grenzenlose Freiheit. Wie viele Stunden unbeschwerter Kindheit hatte ich in jenem Eden verlebt? Im Garten und an seiner Grenze? Umgeben von Scharen lebensfroher Kinder, die fast noch nichts von den Sorgen des Lebens wussten, inmitten einer sich selbst überlassenen, unverfälschten Natur; auf grünen Wiesen am Feldrand und in der vielfach abenteuerlichen Kulisse eines mit Schilf bewachsenen Teiches, in welchem Wasser- und Sumpfvögel unterschiedlichster Art ihren angemessenen Lebensraum gefunden hatten.

 

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