Felix, der Musiker

 

Felix, ein gut aussehender Mann um die Fünfzig, mit ewig freundlichem Antlitz, einem zarten, oft schwarz, gekleideten Körper, großem Kopf und langer Löwenmähne, lebte mit seiner gehörbehinderten Frau, einer leidenschaftlichen, schönen Ungarin und seiner Adoptivtochter, die er in einer pädagogisch fragwürdigen Weise mit Cicero-Zitaten traktierte, in einer nicht unbedingt gesunden Parterrewohnung, umgeben von alten, massiven Stilmöbeln aus Familienbesitz und einer beachtlichen Anzahl bibliophiler, teilweise sehr wertvoller Bücher aus früheren Jahrhunderten. Hinter dem Schreibtisch an der Wandecke hing ein dezentes Kruzifix. Ecce Homo!

Es fiel immer in mein Blickfeld, wenn ich Felix gegenübersaß. Wer sich in der Wohnung umsah, konnte noch weitere kleine Kreuze entdecken, die irgendwo an der Wand angebracht waren. Der göttliche Beistand schien ihm ebenso wichtig zu sein wie sein ungetrübtes Verhältnis zum dreieinigen Gott. Wer so lange einsam in der dunklen Zelle kauerte wie er, der wusste, was es heißt, in tiefster Not zu Gott flehen zu dürfen. Davon ahnte ich damals noch nichts. Ihm zur Rechten an der Wand waren mehrere historische Karten angebracht, die er teils Büchern entnommen, teils selbst erstellt hatte. Sie zeigten das Imperium der Römer rund um das Mittelmeer zur Zeit Hadrians, das Frankenreich Karls des Großen, als Franzosen und Deutsche noch eine Nation waren, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zur Zeit der Staufer in seiner Ausdehnung von der Nordsee bis nach Sizilien und in die Provence und schließlich Deutschland nach der Reichsgründung im Jahr 1871 zusammen mit der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Über den drei letzten Karten hatte er jeweils ein kleines Holzkruzifix angebracht. Der göttliche Segen für Volk und Vaterland war ihm wichtig. Gelegentlich, wenn es Sekt gab, prosteten wir dem „fernen Vaterland“ zu, während die Linken auf Stalin und Mao anstießen. In solchen Augenblicken ehrfürchtigen Gedenkens und geistiger Besinnung fragte ich mich manchmal still, ob Felix’ Patriotismus seine Religiosität überflügelte oder ob sein Glaube an den persönlichen Gott Jesus Christus die Vaterlandsliebe überragte. Wir sprachen jedoch kaum über religiöse Dinge. Was war stärker, der Glaube, der angeblich Berge versetzen kann, Verstand und Vernunft … oder gar die Liebe?

Auf einem der Tische stand oft eine Vase mit Rosen, die weitgehend aus unserem Garten stammten. Seit Jahren hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, stets Rosen mitzubringen, wenn ich kam, in der Regel fünf noch nicht aufgeblühte Rosenknospen in unterschiedlichen Farben, darunter auch Neuveredelungen, womit Vater experimentierte.

Wenn wir, von den Mühen der Außenwelt geplagt, in vereinter Klage zusammensaßen, uns selbst bedauerten und Pläne schmiedeten, dem ungenügenden Los zu entrinnen, blickte Felix zum Heiland hoch und seufzte:

„Jeder muss sein Kreuz tragen“.

Beethoven hatte es so gefühlt und ausgesprochen. Wir sahen die Dinge ähnlich fatalistisch, doch nicht ohne das Quäntchen „Freiheit“ zu vergessen, das noch in uns schlummerte. Das Kreuz gab uns eine gewisse kosmische Geborgenheit. Es stand für Leiden und Leidenschaft, für Tod und Wiedergeburt, während die Rose die Schönheit unserer Natur verkörperte, das Leben und die Liebe. Beide Sinnbilder verwiesen auf Hoffnung und höheres Leben. Manchmal vereinten sich diese Gedanken in großer Dichtung und kongenialer Musik:

Dem holden Lenzgeschmeide /Der Rose, meiner Freude, /Die schon gebeugt und blasser/ Vom heißen Strahl der Sonnen, /Reich’ ich den Becher Wasser /Aus tiefem Bronnen. /Du Rose meines Herzens! /Vom stillen Strahl des Schmerzens /Bist du gebeugt und blasser; /Ich möchte dir zu Füßen, /Wie dieser Blume Wasser, /Still meine Seele gießen! /Könnt ich dann auch nicht sehen/Dich auferstehen.“

Lenau, unser Landsmann, zu dessen Geburtsort man von Sackelhausen aus in einigen Stunden hätte übers Feld pilgern können, der es allerdings nur ein Jahr im Banat ausgehalten hatte, um dann – auf der Suche nach politischer und künstlerisch-kreativer Freiheit bis nach Amerika auszuschweifen, hatte diese Verse gezimmert. Der ihm wesensverwandte Robert Schumann, der meinte Lenaus Versen könne nichts mehr hinzugefügt werden, am wenigsten Musik, hatte gerade diese Zeilen in Musik gesetzt. Wir verbanden beides in unserer Interpretation: Felix hämmerte freudig in die Tasten. Und ich sang. Also sang ich mir die vier Elemente aus dem Leib und die Ideen, das Feuer und das Wasser, die Liebe und die Vergänglichkeit.

Obwohl Felix, der gutbürgerlichen Verhältnissen entstammte, seit den Enteignungen der Nachkriegszeit karg, ja ärmlich lebte, war er stets von großer Gastfreundschaft erfüllt und bereit, das Wenige, das er hatte, mit dem Gast zu teilen. Wenn sein berühmter Pulverkaffee ausgegangen war, griff er gleich nach der Begrüßung nach einem Glas Dunstobst aus der Vorratskammer und goss den Saft von Sauerkirchen oder Aprikosen ab, um ihn mir dann im Glas zelebrierend zu kredenzen- wie einen Kir Royal. Er hatte die Gastfreundschaft der Griechen verinnerlicht – auch den Geist des Symposions, den wir, wenn alle aus dem Zirkel zum Mahl erschienen waren, voll auskosteten. Die „Tavola grande“, der Gyulai Kolbasz und der blutrote Wein aus guten Lagen der Schwarzmeerregion erinnerten an bessere Tage. Gelegentlich saßen auch einige Systemprofiteure mit am Tisch, weitläufige Bekannte, die nichts mit dem musischen Kreis OTB gemeinsam hatten, ohne dass dabei die allgemeine Herzlichkeit und Lebensfreude gelitten hätten.

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