Das symphonische Prinzip – Musik-Rezeption als Stimulans

 

Musik bedeutete mir viel – und jene Menschen, die mit ihr umzugehen wussten. Eines Tages spielte mir Felix die gesamte „Eroica“ vor – Musik der Freiheit und des Protests, eben in jener Klaviertranskription von Franz Liszt. Wie konnte ich anders reagieren als mit heller Begeisterung, ja mit Tränen in den Augen, denn die Sehnsucht nach „Freiheit“ und das Erleben des unmittelbaren Protestes waren die Wesenheiten, die mein Sein bestimmten. Beethovens Symphonik bewirkte etwas, was weder Bach noch Mozart in mir wachgerufen hatten: Sie erhöhte, sie richtete den von der sozialistischen Gesellschaft geknickten Menschen wieder auf und gab ihm seine Würde zurück. Das war ein Grundgefühl, das mich nie wieder verlassen sollte – und welches selbst heute noch mit der gleichen Intensität fortwirkt.

Improvisierte Felix aus „Don Giovanni“, so stimmte ich, Fritz Wunderlichs klare Stimme im Ohr, mit Vorliebe in die Tenor-Partien des „Don Octavio“ ein, die ich ohne größere Anstrengung einigermaßen korrekt singen konnte, auch ohne Stimmausbildung. Wenn wir gelegentlich auf „Fidelio“ kamen und dann beide den berühmten Gefangenenchor anstimmten, musste ich unweigerlich wieder an die Alte denken, draußen vor der Tür – und an Felix’ Sorge, sie könne, das Ohr fest gegen die Wand gedrückt, lauschen und horchen, was hier vor sich gehe. Die Worte, „sprecht leise, haltet euch zurück, wir sind belauscht mit Ohr und Blick, sprecht leise, leise, leise …“, die ich mit realistischer wie ironischer Ambivalenz aufnahm, wurden von Felix noch intensiver und inniger rezipiert, denn er hatte bereits einige Jahre kommunistischer Gefängnishaft hinter sich, die auch jede systematische Musikausbildung verhindert hatten. Einmal sah ich sogar Zähren der Empathie aus seinen Augen hervorquellen und mit dem Schweiß der Stirn vermengt die schlecht rasierte Wange hinab rollen. Felix wirkte beim Klavierspiel sentimental und glich dabei meinen Lieblingsmelancholikern in der Musik – Schubert und Schumann, die in meiner Vorstellung so waren wie er.

Freund Felix spielte mit großer Hingabe – und nicht selten fern von professioneller Perfektion, die unterschiedlichsten Stücke vor. Einfache, eingehende Weisen von den Repräsentanten der Wiener Klassik ebenso wie einzelne Passagen, Themen und Leitmotive aus größeren Sonaten, Symphonien und Konzerten. Oft standen auch Liedvertonungen von Schubert und Schumann auf dem Programm, Lieder von Liebe und Einsamkeit, von Trauer und Melancholie, Teile aus den bekannten Zyklen, Goethe- und Heinelieder und manches mehr. In der Regel stand ich dann neben ihm und sang aus Leibeskräften und mit Lust, so gut ich es konnte – ohne zu ahnen, dass es uns beiden schon wenige Jahre später vergönnt sein sollte, in „freierer“ Luft den Atem leicht zu heben“. Da ich ja ein Musiker und Sänger werden wollte und auch die frühe Jugend hindurch dem Gesang verbunden geblieben war, sang ich nun auch weiter – mit Inbrunst und Begeisterung.

Manchmal, nach einem guten Mahl und guten Dialogen, griff Felix spontan in die Tasten und wir intonierten aus einer Laune heraus gemeinsam selbst volkstümliche Kunstlieder, in welchen poetische Tiefe, hohe Geistigkeit und geniale Musikalität im harmonischen Einklang verschmelzen wie „Der Lindenbaum“, „Der Mond ist aufgegangen“, „Kein schöner Land“ bis hin zu „Die Gedanken sind frei“. Auf diese Weise definierten wir unsere „geistige Heimat“ im einst frei gewählten Exil im Rückzug auf die eigene Kultur, die wir, in Absetzung von der reizlosen Außenwelt als eine „freie“ empfanden.

Oft aber saßen wir einfach nur da und lauschten stundenlang der Musik von Magnetbändern, die vollendeter war als unsere. Wir hörten viel Mozart; speziell einige seiner Klavier- und Flötenkonzerte, die „Zauberflöte“ und von Zeit zu Zeit das „Requiem“. Dann Beethovens fünftes Klavierkonzert, sein bekanntes Violinkonzert und immer wieder die späten Quartette mit der Danksagung des Genesenden an die Gottheit in lydischer Tonart. Aus dem Hören von Musik, dem Interpretieren und dem Nachdenken über Musik filterte sich langsam ein „eigener Geschmack“ heraus, den ich in den späteren Jahren noch verfeinerte. „Die Musiker haben die Menschheit schon längst vereint – Musik ist international“, pflegte Felix in Anknüpfung an einen Gedanken Beethovens immer wieder zu betonen und empfand sich dabei selbst als „Botschafter universeller Humanität“.

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5 Responses to Das symphonische Prinzip – Musik-Rezeption als Stimulans

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