Das Refugium auf dem Land – schöpferische Freiheit in freiwilliger Abgeschiedenheit

 

Wenn ich halb auf der Flucht vor Beobachtern, halb freiwillig auf der Suche nach Verborgenheit und abgetaucht in den Untergrund ganze Tage, aber noch mehr Nächte in ihrem Haus weilte und dann abends, wenn die Dämmerung über uns hereinbrach, darum bat, die düstere Kammer zum „Lesen“ erleuchten zu dürfen, pflegte sie in der Regel immer erst abzuwimmeln, indem sie recht barsch meinte:

 „Wozu brauchen wir denn jetzt schon „Licht“; es ist doch noch taghell!“

Als es eine Viertelstunde später in der Stube fast schon stockfinster war und ich meinen Ruf nach „mehr Licht“ intensivierte, blieb sie bei ihrer resoluten Ablehnung:

 „Wozu brauchen wir denn jetzt noch Licht? Wir vergeuden doch nur Strom. Wenn es dunkel ist, geht man zu Bett. Lesen kann man auch am Tag, wenn die Sonne scheint. Zum Arbeiten ist der Tag gemacht. Jetzt ist es Nacht! Zeit zum Beten und zum Schlafen!“

Humoresk das Ganze! Als ich später im Leben eines meiner Bücher über „Strom“ mit Goethes angeblich letztem Wort „mehr Licht“ überschrieb, musste ich unweigerlich an Großmutter zurückdenken und an ihr eigenwilliges Verhältnis zu „Licht und Strom“. Mein allabendliches Lesen und Schreiben war ihr ebenso fremd wie jede andere Beschäftigung, die jenseits des Tageslichts angesiedelt war.

Nachtarbeit, vor allen künstlerisch nutzlose, schien gegen ihren Biorhythmus zu verstoßen, gegen ihren wohlgeordneten Lebenstakt, den sie vielleicht ihren glücklichen Hühnern im Stall abgeguckt hatte, die immer wussten, wann die Nacht anbrach und wann der Morgen graute. Frühmorgens, wenn der Hahn krähend den Tag ankündigte, stand sie auf, und abends, wenn das letzte Huhn auf der Stange den Kopf ins Gefieder gesteckt hatte, ging sie, in ein langes, leinenes Nachthemd gehüllt, zu Bett. Wehwehchen, seelische Verstimmungen, Depressionen – das alles kannte sie nicht. Robust war sie und gesund.

Nach dem Tod des Großvaters schien ihr die Einsamkeit doch etwas auszumachen. Erstmals war die alte Frau wirklich ganz allein. In jenen Tagen tieferer Einsamkeit ging ihr resoluter Ton etwas zurück. Sie wurde zunehmend toleranter. Mir schien, es freute sie dann doch, wenn ich am Abend kam und blieb – wenn sie in der Nacht nicht ganz allein war. Schließlich akzeptierte sie auch das verfrühte Lichtanzünden, die unnütze Stromverschwendung und mein abendliches Schreiben ohne Groll und Tadel.

Während sie mumiengleich dalag, totenbleich in einem massiven Holzgestell, in dem die Würmer nagten, unterm Kreuz, umgeben von vielen Schutzheiligen, und ruhig vor sich hin schlummerte, versöhnt mit dem Schicksal wie mit ihrem Leben, dass sie nicht mehr verändern wollte, saß ich unweit von ihr mitten im Raum am Esstisch, über ein liniertes Heft gebeugt, und schrieb wie ein Kopist im Mittelalter das nieder, was mir gerade durch den Kopf ging: Gedanken, Konzeptionen, Strukturen, über die ich den Tag hindurch nachgedacht und die ich mir mental zu recht gelegt hatte, um sie in der Stille der Nacht in eine ästhetische Form zu bringen.

Nun saß ich da und versuchte, Verse zu schmieden oder Phrasen zu konstruieren, die etwas von meinen Fertigkeiten und auch einiges von der Leistungsfähigkeit der deutschen Sprache andeutenden – Sätze, die über „Subjekt und Prädikat hinausgingen“. Den ländlichen Umständen entsprechend schrieb ich noch recht altertümlich mit einem Stift oder einem Füllhalter, dessen blaue Tinte mir oft an den Fingern klebte. Als Kind hatte ich selbst noch mit dem „Federkiel“ experimentiert, mit einer Gänsefeder, die unten schief abgeschnitten worden war. So war Jahrtausende lang geschrieben worden. Eine Schreibmaschine hatte ich nicht – denn Schreibmaschinen in Privatbesitz, auf denen man auch Petitionen, Manifeste und Protestflugblätter hätte anfertigen können, durfte es überhaupt nicht geben. Hatten die mutigen Geschwister Scholl und die Mitglieder der „Weißen Rose“ an der Universität und in den Straßen von München nicht bewiesen, was „selbst getippte Flugblätter in der Hand von Widerstandskämpfern so alles anrichten können“? Allein schon der „Besitz einer Schreibmaschine“ machte den Inhaber verdächtig, ein Staatsfeind und Aufwiegler zu sein, wenn diese nicht ordnungsgemäß mit abgegebener „Schriftprobe“ bei der „Securitate“ gemeldet war. Eine Schreibmaschine, ein Mittel zum Festhalten ausformulierter freier Gedanken und des freien Wortes, war nicht weniger gefährlich als eine Pistole; sie war eine Waffe, mit der ein „unmündiger Bürger“ nicht umgehen sollte. Also schrieb ich weiter mit blauer oder selbst gemischter grüner Tinte wie tief im mönchischen Mittelalter. Was mich beschäftigte und wohin meine Gedanken ausschweiften, interessierte meine Großmutter nicht mehr.

Auch sie hatte einiges erlebt. Die Auswirkungen von zwei vernichtenden Weltkriegen, von Deportation und Vergeltung. Sie hatte fünf Kinder geboren und gut durchgebracht, bis der älteste der Söhne, auch er hieß, Hans wie Vater und Großvater, in der Fremde Württembergs tödlich verunglückte. Einmal hatte Großmutter Barbara sogar eine größere Reise unternommen bis ins ungarische Baja, ganze hundert Kilometer entfernt von ihrem immerwährenden Wohnort. Sie hatte sich im großen Temeschburg behauptet, auf allen Gemüsemärkten der Stadt; und dort – mit ihren wenigen Brocken Rumänisch – ihre Gartenerzeugnisse verkauft. Nun hatte sie endlich ihre Ruhe gefunden und lebte unabhängig von anderen in ihrem eigenen Reich. Das war ihre Freiheit.

„Deutschland“, das ewige Thema ihrer Nachbarn und Landsleute, kümmerte sie kaum. Ihr Erstgeborener, Hans, lag bei Schwäbisch-Hall begraben, nachdem er nach dem Zusammenbruch des Reiches mehrfach erfolglos versucht hatte, über die grüne Grenze zurück ins Banat zu kommen. Ihr jüngster Sohn, Karl, mein weniger heiß geliebter Taufpate, lebte mit seiner Familie bei Stuttgart und die Ausreise des dritten Sohnes Jakob, meines Vaters, war auch schon absehbar.

Die „Securitate“ hatte inzwischen verfügt, dass unsere gesamte Familie in absehbarer Zeit ausreisen sollte, nachdem ich mehrfach eine „Alleinausreise“ verweigert hatte. Allein ausreisen bedeutete, die Restfamilie zurückzulassen, Mutter, Vater und Bruder, allesamt potenzielle „Geiseln“, die jederzeit von der „Securitate“ in Sippenhaft genommen werden konnten, um mich im Westen zu erpressen sowie mundtot zu machen. Die Ausreiseformalitäten hatten mit dem Einreichen der sogenannten „Großen Formulare“ längst ihren Lauf genommen. Fünf, sechs Wochen später wären wir bereits ausgereist gewesen, wenn es denn alles normal verlaufen wäre. Nach dem Willen der Behörde sollte Großmutter gleich mit nach Deutschland – der rumänische Staat wollte die eigenwillige Alte loswerden, nicht weil sie jemanden gestört hätte, sondern weil dem Staat ein Haus zugefallen wäre, eine Immobilie mit großem Garten zu einem Spottpreis von zehn Prozent des Verkehrswertes. Haus und Hof wären dann an einem rumänischen Bürger weiterverkauft worden, natürlich zum regulären, zehnfachen Preis. Doch die alte Frau machte da nicht mit. Eine Ausreise in die Bundesrepublik – das war für sie keine Verlockung mehr. Nichts konnte sie verleiten, sich dem neuzeitlichen Treck der Lüfte mit wenig Gepäck anschließen.

„Was soll ich in Deutschland?“

fragte sie fast beleidigt, als Vater bei ihr anklopfte, sie sanft drängend, mit auf die Reise zu gehen. Den „Alten“ gehe es gut in Deutschland, hieß es damals noch, bevor Arbeitsminister Norbert Blüm zur Schlussfolgerung kam, die Alten seien das Problem im bald darauf schon angeschlagenen Sozialstaat Deutschland.

Großmutter ging es gut daheim, wo immerhin noch zwei Töchter lebten, eine in der nahen Stadt und die andere kaum zwei Straßen weiter. Den einsetzenden Exodus hielt sie für einen Fehler. Also wollte sie dort bleiben, wo sie hingehörte, in Sackelhausen in der Banater Tiefebene, wo der Boden schwarz war und fruchtbar und wo das Haus ihrer Vorfahren stand – dort, „wo sie daheim war“, auf der „eigenen Scholle“, auf dem Hof, wo sie verwurzelt war und wo sie sich wohlfühlte. In ihrer „Heimat“ wollte sie auch sterben und in der Grabstätte der Ahnen ihren ewigen Frieden finden.

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