„Schaffe, schaffe!“ – „Von nichts kommt nichts“ – Großmutters Lebensphilosophie

 

Großmutter, eine geborene Buchmann, war eine kantige, fast monolithische Gestalt, gefühlsmäßig konstant und kühl, leicht introvertiert und wortkarg, etwas eigensinnig mit einem Hauch Derbheit, ein Zug, der von feinen Beobachtern gar als Grobheit aufgefasst werden konnte. Besondere Freundlichkeit gewählte Höflichkeit waren ihre Stärken nicht. Dafür war sie geradeaus, direkt, ohne Sinn für Heuchelei. Wenn sie etwas sagte, so hatte dies manchmal einen tadelnden, zurechtweisenden Unterton. Sie wusste, was richtig war und was falsch, was man tun durfte und was man zu lassen hatte. Gut und Böse waren abgegrenzt. Zwischentöne gab es nicht, kein „Als-ob“, nur ein „Entweder – Oder“.

Mit ihren mehr als acht Jahrzehnten auf dem Buckel war sie immer noch rüstig. Krankheit war ihr ebenso fremd wie Schwäche, schien sie doch aus einem besonderen Urgestein geformt zu sein. Ohne fremde Hilfe bestieg sie im greisen Alter noch das Hausdach, um den Schornstein zu putzen oder um einige vor Sturm verschobene Dachziegel zurechtzurücken, vielleicht aber auch nur um der herumlungernden Dorfjugend auf der Straße zu zeigen, dass „Arbeit keine Schande“ ist und das Bewegung – auch in luftiger Höhe – den Körper gesund hält.

„Wer rastet rostet“, war ihre Devise – und

„Von nichts kommt nichts“.

Fleißig sein, arbeiten, das war ihr ein und alles. Arbeit war ihr Leben, eben „schaffe, schaffe“ … auch wenn das Häuslein schon da war. Genuss, das Feiern, Frohsinn … das waren ihr fremde Phänomene. Selbst produzierte Genussmittel wie Wein und Schnaps, die reichlich vorhanden waren, wurden nicht etwa selbst konsumiert, gar genossen oder den spärlichen „Gästen“ angeboten, die an allen Sonn- und Feiertagen zu Besuch kamen, sondern auf ewige Zeiten gelagert – als Vorräte für den nie eintretenden Fall, wo sie gebraucht werden konnten. Und wenn der barocke Großvater einmal zur Schnapsflasche griff, um sich einen „Stamperl vom Selbstgebrannten“ einzuschenken, bevor er die dampfende Rinderbrühe auslöffelte, dann hörte man sie gelegentlich murmeln … „Immer nur die Flasch’ …“

Ihre Lebensführung war auf äußerste Sparsamkeit ausgerichtet, auf eine unnütze Kargheit, die bisweilen an Geiz grenzte. Autarkiestreben und entbehrungsreiche Zeiten hatten sie geprägt. Wo andere üppig lebten, war sie asketisch und schlicht. Dementsprechend war ihr auch alles Sinnliche fremd – aber auch das Schöne in der Kunst. Großmutter lebte nahezu spartanisch ohne „äußere Kosten“ wie viele Menschen in jener Gegend, die noch die Zeiten bitterer Armut kennengelernt hatten, „ohne Krankenversicherung“, „ohne Rentenversicherung“ oder andere Absicherungen eines „Sozialsystems“, das damals weder im rumänischen Banat, noch sonst wo im Land existierte. Bis auf die wenigen Einkünfte, die sie gelegentlich mit dem Verkauf von Gemüse auf dem städtischen Markt erzielte, lebte Großmutter praktisch bargeldlos. Das knappe, selbst erwirtschaftete, Geld, hortete sie, wie andere ältere Menschen auch, für den Fall, es könnten noch schlechtere Zeiten anbrechen. Damit bewies sie intuitive Weitsicht. Die „befürchteten Zeiten“ standen schon vor der Tür und kamen mit dem Ausverkauf der Landesprodukte auf den Weltmärkten zur forcierten Schuldentilgung viel schneller, als jemand vermutet hätte.

Ihr eigentliches Aussehen, ihre Körperlichkeit, war ein gut gehütetes Geheimnis. Ihr Korpus war, nicht anders als wie bei den strenggläubigen moslemischen Frauen Arabiens, von einer schwarzen, altdeutschen Tracht mit Kopftuch so vollständig verdeckt, dass nur noch ein markantes Gesicht zum Vorschein kam. Seit ich sie in Erinnerung habe, sah sie so aus, immer gleich – zeitlos. Diese „schwäbische Tracht“ war lange Zeit typisch für verheiratete Frauen in der Region, vor allem für ältere, und zeugte von einer äußerst konservativen Lebenseinstellung, während die „herrische“ Art, sich zu kleiden, die praktisch von allen jüngeren Frauen des Banats übernommen worden war, auch mit einer „liberaleren Weltauffassung“ einher ging. Da sich das äußere Aussehen meiner Großmutter, bedingt durch diese Tracht, über die Jahrzehnte nie wesentlich veränderte, wusste niemand genau, wohl auch nicht mein Großvater, wie sie wirklich aussah. Obwohl sie keine Kirchgängerin war, hatte der Katholizismus vor Ort auch ihre Lebenseinstellung bestimmt. Sexuelle Sinnlichkeit war tabu. Vermutlich waren ihre fünf Kinder in gleicher Obskurität gezeugt worden, wie in Lampedusas rückständigem Sizilien, in der Dunkelheit der Nacht und begleitet von stammelnden Gebeten und Bekreuzigungen als Vergebung für die durchlebte Sünde. Vielleicht hatte sich auch die Schwangerschaft, verdeckt von dem intransparenten Kleiderberg, in großer Verborgenheit vollzogen, ohne dass die Außenwelt daran hätte Anteil nehmen können. Jedenfalls vermittelte ihre äußere Erscheinung eine „Rückwärtsgewandtheit“ bis in die Zeiten der Ansiedlung und verwies indirekt auch auf geistig-mentale Statik und Stillstand.

Da ich in diese konservative Welt hineingewachsen war, störte sie mich nicht. Nur einige Fremde, denen die „Schwarz-Weiß-Montur“ der alten Leute etwas antiquiert vorkam, verlachten die schlichte Tracht unserer Großeltern, wie amerikanische Touristen das Erscheinungsbild der „Amish-People“ in Pennsylvania verhöhnen, das nicht mehr in die Wolkenkratzerwelt Philadelphias hineinzupassen scheint. Dabei wurde eklatant verkannt, dass „Tracht auf Heimat verweist“ und dass ein „bewusstes Tragen der Tracht“ nichts anderes bedeutet als ein Bekenntnis zur eigenen Identität als Stamm oder Volk – und somit eine individuelle Manifestation von Freiheit darstellt. Die streng konservative Tracht war darüber hinaus „Teil der Persönlichkeit“ und wurde aus freier Überzeugung getragen, fern von jedem Zwang. Wem sie nicht behagte, der konnte sie ablegen und sich jederzeit „modern“ kleiden. Deshalb hätte ich mich nie zur Aussage durchringen können, meine Großmutter sei „ein vermummtes Weib“ – wie das Herta Müller von der eigenen Mutter behauptete.

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