„Du bist nichts – Dein Volk ist alles!“ „Parasitäre Elemente“ und Schmarotzer

Allein in der Revolte

Teil II: Flamme und Schwert

                             Ich bin das Schwert, ich bin die Flamme. Nietzsche

„Du bist nichts – Dein Volk ist alles!“ „Parasitäre Elemente“ und Schmarotzer

 

Zwei Wochen später war die sorgenfreie Zeit verrauscht. Wir kehrten wieder nach Temeschburg zurück. Dort angekommen fand ich eine schlechte Nachricht vor, die mich in eine neue, veränderte Lage versetzte. Während meiner Abwesenheit war ich „endgültig“ entlassen worden: Das bloße Ausfüllen eines Schriftstücks hatte genügt, um mich willkürlich und ohne Anhörung, ohne Kündigung und ohne jede Begründung vor die Tür zu setzen. Da ich jetzt faktisch arbeitslos war, kurioserweise in einem Staat, in welchem es offiziell gar keine Arbeitslosen geben durfte, konnte auch die schulische Weiterbildung am Abendgymnasium nicht mehr weiter geführt werden. Nun stand ich, des einen wie des anderen Umfelds beraubt, wirklich exponiert da – denn ohne Arbeitsplatz oder Ausbildungsstelle galt man im sozialistischen Rumänien als Freiwild. Nach offizieller Lesart war man ein sogenanntes „parasitäres Element“, ein Drückeberger und Schmarotzer, der auf Kosten der Volksgemeinschaft existierte, ganz egal, ob der Staat selbst diesen Zustand herbeigeführt hatte oder nicht.

Im Sozialismus ging es nicht um Haarspaltereien – dort ging es ums „Prinzip“. Die Gesetze des Landes, speziell die sogenannten Dekrete – deren Existenz als solche schon darauf hindeutete, dass man in einer Diktatur lebte – erlaubten es, „Elemente“ dieser Art im Schnellgerichtsverfahren  abzuurteilen und sie in die Gefängnisse zu werfen, wo sie dann zwangsweise zu Schwerstarbeiten herangezogen wurden. Menschen, deren Werte und Weltauffassung den Kommunisten suspekt waren, wurden abfällig verbal zu „Elementen“ reduziert, wobei über den ehrwürdigen Begriff der „Elemente“, der für mich so wichtig war, da das gesamte Sein in ihnen rotierte, nicht einmal nachgedacht worden war. Seit homerischer Zeit, beginnend mit Thales von Milet, für den der Ursprung allen Lebens aus dem Wasser kam, waren die vier Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde die Prinzipien der Naturphilosophie schlechthin, aus denen alles hervorging, was an Welt da war, bis hin zu Kepler, mit dem die moderne Naturwissenschaft einsetzt. Und jetzt kamen halb- oder völlig ungebildete Theoretiker des Kommunismus und formten diesen wichtigen Begriff zu einem Schimpfwort um. Sie pervertierten ihn zu einem generellen Stigma, mit dem eine Unperson gemeint war und begründeten mit der Handhabung dieses speziellen Wortes sogar ein Muster, das sprachlich auf andere abfärbte, selbst auf Intellektuelle, die es so nie gebrauchen wollten. Der Ausdruck war immerhin schon in vorkommunistischer Polemik gebraucht worden – nur nicht so ausgeprägt. Was nun verbal um sich griff, zielte ganz zynisch auf „indirekte Sprach- und Denkmanipulation“. Wer dachte darüber nach? Das Los, zu einem jener aussätzigen Elemente deklassifiziert und gebrandmarkt zu werden, drohte jetzt auch mir. Der Abstieg in die Paria-Kaste stand mir bevor. Ab einem bestimmten Punkt war ich dann wirklich kein vollwertiger Mensch mehr, kein souveräner Bürger mit Rechten und Pflichten, sondern nur noch ein „Element“.

Den Sozialisten und Kommunisten des Landes, die allesamt vorgaben, an einem „neuen Menschenbild“ zu arbeiten, fiel dabei nicht auf, dass sie mit dem in stalinistischer Zeit eingeführten pejorativen Begriff, der ein Instrument des Klassenkampfes war, den Menschen zu einer abstrakten Sache, zu einem Ding reduzierten, das dem Nichts näher stand als dem Etwas. Das stigmatisierte und diskriminierte „parasitäre Element“ – ein Vorwurf, der jeden anders Gearteten und Andersdenken treffen konnte – war der deklarierte Feind der sozialistischen Gesellschaft, die, ganz im Geiste dieses elitären – an sich faschistischen Denkniveaus – von Halbanalphabeten geleitet wurde.

In der antisemitischen Propaganda der Nationalsozialisten hatte die Herabwürdigung der jüdischen Reichsbürger einen hohen Stellenwert. Wer die gesunde Volksgemeinschaft unterwanderte, wer ohne Arbeit von ihr lebte, wer sie aussaugte wie blutsaugende Insekten, wie Wanzen und Läuse, wer die Früchte arischer Arbeit verschlang, das waren – wie im frühen Mittelalter zur Zeit der ersten Pogrome – die Juden und die Zigeuner. Nicht nur der Mob war für solche Propaganda anfällig. Im Sozialismus wurde eben dieses wirkungsvolle Modell der Massendiskreditierung erfolgreich nachgeahmt, nur gegen Individuen gerichtet – und von frühester Stunde an.

Im Rumänischunterricht konfrontierte man uns Zehnjährige mit der Fabel von der „Grille und der Ameise“. Während die Ameise, der Prototyp des arbeitsamen sozialistischen Menschen – Nietzsche würde sagen: des Herdentieres – den Sommer hindurch arbeitete und für den Winter Vorräte erwirtschafte, spielte die Grille auf und ergötzte die Freunde des Wohlklangs mit ihrer Musik. Doch was nutzte ihr die „Welt des Schönen“ im kalten Winter, wenn sie nichts zu beißen hatte? Musik war nutzlos – wie der gesamte Bereich der Künste und der Kultur nutzlos war in einem Staat, der andere Werte anstrebte.

Im Deutschunterricht übten wir dann ein Gedichtlein ein, dessen altkluge Verse mir heute noch im Ohr nachklingen: „Der Hamster und die Biene“, in welchem der Konflikt zwischen schierem Egoismus und aufopferndem Volksaltruismus auf die gleiche Weise inszeniert wird. In dem Gedicht, von dem ich glaubte, es entstamme der Feder Ludwig Uhlands, ohne es aber später in dessen Werk auffinden zu können, wundert sich der Hamster, frei aus dem Gedächtnis zitiert:

Was schaffst du emsig Tag für Tag, was mühst du dich unverdrossen für andere, liebes Bienchen, sag?//Das Bienchen sprach von einer Blume: Ich schaffe für mein Volk und mich, Mein Volk lebt durch mein Bemühen, Und durch mein Volk lebe ich.“

Wie ehrfürchtig hatte ich damals die bieder vorgetragene Lehre aufgenommen, die Haltung der Fügung und der Unterwerfung des Einzelnen unter ein fiktives Endziel, ohne zu ahnen, dass dahinter ein gefährliches Diktum lauerte:

Du bist nichts – Dein Volk ist alles!“

Unter diesem Motto fanatisierter Nazis waren Millionen Deutsche instrumentalisiert und in den Tod getrieben worden. Dessen ungeachtet machten „rote Ideologen“ und Former der „neuen sozialistischen Menschen“ gerade dort weiter, wo Nationalsozialisten und Faschisten gescheitert waren. Sieben Jahre darauf lief ich als „schwarz gekleideter Rebell“ über die Straße, der auf dem besten Weg war, ein vollendeter Egoist zu werden. Das Los des glücklichen Sklaven interessierte mich nicht. Dafür blätterte ich nunmehr in Stirners Werk „Der Einzelne und sein Eigentum“, bereit, selbst zu definieren, was nützlich und Sinn setzend ist – aus meiner Sicht und für mich. Ging es vielen Individuen gut, dann ging es auch der Gesellschaft gut.

Bisher hatte ich auf meine Weise in der Öffentlichkeit agiert mit der Absicht, zu provozieren und aufzufallen. Nun aber, wo ich bereits mit einem Bein im Gefängnis stand, war ein strategischer Rückzug angesagt. Eine Existenzform musste gefunden werden, die überhaupt ein Überleben ermöglichte. Der Fisch musste das klare Oberwasser verlassen, abtauchen und sich auf den Grund zurück ziehen, in die Obskurität der Tiefe, um nicht in die Netze und Fänge der neuzeitlichen Menschenfischer zu geraten. Das Gebot der Stunde lautete: „In den Untergrund gehen“; soweit dies überhaupt möglich war in einer Gesellschaft, in der nahezu alles überwacht werden konnte – im Widerstand zunächst defensiv weiter machen; und vor allem Mistreiter suchen, um politisch aktiv zu agieren! Denn im „politischen Bereich“ war ich immer noch ein einsamer Wolf, ein „Einzelkämpfer“allein in der Revolte.

Von den vielen Menschen, die ich im letzten Jahr kennengelernt hatte, schieden die meisten als kritisch-kämpferische Weggefährten aus, obwohl manche von ihnen ähnliche Überzeugungen hatten, wie ich und vergleichbare Ziele verfolgten. Also tastete ich mich voran, sondierte das intellektuelle Umfeld der Stadt und suchte die Nähe einzelner Schriftsteller und Dichter, von denen ich glaubte, dass sie sich gegen die gesellschaftliche Heuchelei zur Wehr setzen würden.

In Rückbesinnung auf das Kreuz und auf das militante Christentum eines Carolus Magnus, dem ich meinen Vornamen verdankte und über das Kreuz hinaus verband ich mich selbst mit dem Klerus, obwohl mir die Segnungen der Inquisition sehr bewusst waren. Machiavelli gab die Stoßrichtung vor und die Methode. Regimekritische Verbündete waren mir immer willkommen. Dabei machte ich die Erfahrungen, dass, neben dem Verbindenden, auch bei Oppositionellen und Nonkonformisten viel Trennendes vorhanden sein konnte und manche Diskrepanz auf weltanschauliche Gründe zurückzuführen war.

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