Zukunft aus dem Kaffeesatz – von der Freiheit des Okkulten

In der alten Festung angekommen, ging ich gleich ins Café, das eigentlich eine gediegene Bar war, und sah mich nach einem freien Tisch um. Zufällig war mein Lieblingstisch in der halbdunklen Ecke gerade frei. Erleichtert ließ ich mich in einen tiefen Sessel fallen. Von da aus waren weite Teile des Raumes gut zu überblicken. Wer hier saß, konnte genau sehen, wer kam und wer ging. Hinter mir war nur Wand, die ungetünchte, originelle Festungsmauer aus rotem Backstein, schlecht geeignet, um Wanzen anzubringen. Nach einer Weile bestellte ich Kaffee, tiefschwarzen Kaffee – diesmal ohne Milch und Zucker … Die Tasse dampfte. Vorsichtig nippte ich daran; und trotzdem verbrannte ich mir fast die Lippen. Ich spürte, wie die bittere Brühe meine Eingeweide zusammenzog. Etwas Kaffeesatz war am Boden der Tasse zurückgeblieben. War das kein Hinweis darauf, selbst einmal die dunkle Zukunft ausloten zu wollen? Bedächtig schwenkte ich den Bodensatz mit den restlichen Tröpfchen Kaffee in der Rasse herum, im Kreis von links rechts nach links, wie ich es bei Zigeunern gesehen hatte. Als das Innerste braun geworden war, stülpte ich die Tasse mit einem Ruck auf den Teller. Dann wartete ich einige Augenblicke ab, bis die Flüssigkeit verronnen war. Auf dem Tassenboden blieb ein labyrinthisches Muster zurück : offene Strukturen, Linien, Furchen, auszumachende Formen und Figuren – in meinen Augen ein Buch mit sieben Siegeln.

Wer konnte darin lesen? Die Kabbalisten vielleicht? Was sagten die Windungen und Formen – was formte sich hier schwarz auf Weiß? Eine enigmatische Welt der Kontraste, die kaum einer zu deuten wusste. Auch wenn der Zufall hier etwas aussagte, ging dies an mir vorbei. Denn den Sinn der Zeichen verstand ich nicht, wenn es darin überhaupt einen Sinn gab? Blieb mir die Zukunft deshalb verschlossen? Eine Weile kauerte ich im Sessel, betrübt in den nichtssagenden Kaffeesatz starrend. Überall nur Leere. In mir das gleiche Gefühl. Ein Hauch von Nichts umwehte mich, so als ob sich ein Mittagsdämon über meinem Haupt festsetzte, um mein Denken zu lähmen. Müde und ausgelaugt neigte ich für Momente zur Resignation. Wozu noch ankämpfen? Allein gegen die Windmühlen – wie Don Quichotte, wie Sisyphus?

Die guten Gedanken ruhten, die destruktiven aber kreisten wie Geier um ein Aas. Was kann ich tun? Was muss ich tun, fragte ich mich mit Kant, dem Weisen aus Königsberg, ohne eine Antwort zu finden. Zu den Nachbartischen hinüberschielend fragte ich mich schon aus Routine, ob einer der Gestalten ein Spitzel sei, ein Zuträger, ein Denunziant –

Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der …

Auf alles fand sich ein Reim, auch auf „Denunziant“.

Ein grundlegendes Misstrauen war da, eine Skepsis, die den Alltag vergifte. Was war der Nächste? Ein „Mensch“ oder ein Schuft? Ein Zuträger, ein Helfer und Helfershelfer, der das totalitäre System am Leben hielt.

Die „Securitate“ hatte Hunderttausende davon, darunter viele „freie Mitarbeiter“, IMs im Nebenberuf, die, oft aus eigenem Antrieb heraus, ihre „Arbeit“ gerne verrichteten, manchmal sogar aus Vaterlandsliebe und „für einen kleinen Obolus“ als Anerkennung. Für ein „paar Dollar mehr“ wurden sogar Storys erfunden … und Unschuldige ans Messer geliefert. Ein Mindestmaß an Terror musste ja sein, damit die Bevölkerung merkte, dass die „Securitate“ da war und agierte.

Nach einem halben Stündchen Einsamkeit brach ich wieder auf, um meine vertraute Runde zu drehen – quer durch die Innenstadt, zum Rosenpark, ohne bestimmtes Ziel, einfach so und Zickzack, um mögliche Verfolger abzuschütteln. Nein, paranoid war ich noch nicht. Selbst die grauen, unscheinbaren Verfolger gehörten zum Alltag wie die Wanzen und andere Blutsauger, die den Menschen das Leben schwer machten.

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