Unter Rosen

 

Manchmal machte ich im Rosarium Station, in jenem beschaulichen Rosengarten mitten in der Stadt, wo alte Menschen die letzten Sonnenstrahlen genossen und wo junge Verliebte eng umschlungen ihren Gefühlen freien Lauf ließen. Der Rosengarten war der rechte Ort, um Einkehr zu halten, um die Stille zu genießen, um durchzuatmen und dem Gang der Gedanken folgen; auch um zu lesen oder um nur allein zu sein und um selbstvergessen vor sich hin sinnend manche kontemplative Stunde zu verbringen. Das Rosarium, ein gartenähnlicher Park mit unzähligen Rosen, das man auch aus anderen Rosenstädten kennt, aus Eltville am Rhein, aus Weltbädern wie Baden-Baden, Bad Kissingen oder Bad Mergentheim, war bereits in der Vorkriegszeit angelegt worden – mit mehr als tausend Rosenarten. Etwas von der früheren Pracht war immer noch da und erinnerte an rosigere Zeiten.

Eigentlich war ich unter Rosen aufgewachsen, wenn auch nicht auf Rosen gebettet. Wir hatten viele daheim im Vorgarten, wilde Feldrosen ebenso wie edelste Hybride aus England. Sie waren immer schon da und wurden gehegt und gepflegt – purpurne und samtrote, mehrfarbige und weiße Rosen, auch Strauchrosen und Heckenrosen, die im Konkurrenzkampf mit den ebenfalls sich hinauf schlingenden Reben, bis zum Dach emporkletterten und einen Teil des Hauses in ihrem grün-roten Teppich verhüllten. Die Rosen waren ein natürlicher Teil unseres Lebens und wurden, wie jeder zur Selbstverständlichkeit gewordene Wert, gerade von uns jungen Menschen nicht angemessen gewürdigt. Nie hatte ich daheim über Rosen nachgedacht und übersah sie, wie ich vieles andere von Wert auch übersehen hatte. Rosen sollten nicht nur wahrgenommen werden. Es gilt vielmehr, sie zu entdecken. Sie in ihrer Wesenheit im Bewusstsein aufzunehmen, in ihrer ästhetischen Vollkommenheit mit ihrem Duft, der ihr Wesen mit bestimmt. Erst im Rosengarten fand ich die Zeit und Muße, diese besonderen Pflanzen zu betrachten, ihr Bild zu erfassen und ihr Sinnbild. Die Rosen vor meinen Augen waren schön; sie verströmten ein mildes Parfüm – und sie waren zart und zerbrechlich wie alle Rosen.

Rosen blühten auf und welkten schnell dahin. Am gleichen Strauch sprossen sie und starben. Sie verglühten im Strahl der Sonne. Wie wir. Wie wir am Leben zerbrachen, ohne es voll ausgekostet zu haben. Rosen sind das Sinnbild unseres Lebens! Welcher Dichter hatte sie nicht besungen? Welcher Denker hatte nicht über sie nachgedacht? Welche Kultur hatte sich der Rose verschlossen? Könige hatten sich ihrer erfreut und Kaiser! Zu allen Zeiten wurden üppige Rosengärten angelegt. Rosen prägten das Bild der Städte und den Hof auf dem Land. Wie die Reben standen sie für Kultur. Auch im Banat. Ob es auch Orte gab, wo keine Rosen blühten? Orte, wo ihr Duft noch unbekannt war und der Reiz ihrer milden Feinheit? Lieder kündeten von ihr auch als Symbol, selbst als Symbol der Heimat. Gelegentlich hatte ich Vater dabei beobachtet, wie er, der Gärtner aus Leidenschaft, mit den zarten Pflanzen umging, mit den Schönheiten, die auch Dornen hatten. Dann merkte ich, mit wie viel Liebe er diese Blumen umhegte, die ihm mehr zu bedeuten schienen als manche Menschen. Er kultivierte seinen Rosengarten wie Candide, nachdem er seine existenziellen Erfahrungen gemacht hatte, in stiller Kontemplation wie ein Mönch seinen Kräutergarten.

War dies die Quintessenz seiner Existenz, nach den Erfahrungen der fünfjährigen Deportation als deutscher Volkszugehöriger? Auch der meinen? Oder der Existenz überhaupt? Was bleibt übrig, wenn alle Erfahrungen gemacht, alle Leiden durchlitten und alle materiellen Werte verloren sind? Der liebevolle Umgang mit dem Schönen – die reine Anschauung? Doch war das Leben in der Pflanze wirklich besser aufgehoben als auf der höheren Entwicklungsstufe, im Menschen? Hatte es sich in die falsche Richtung entwickelt? Von Reflexionen verleitet, schlenderte ich durch den Rosenpark, durch ein Meer von duftenden Rosen; schneeweiße, rosenrote, gelbe und gestreifte Rosen, ganze Rosensträucher wie bei Dornröschen boten sich dar, verschwenderisch wie ein Luxus der Natur – erst hier, wo ich die Muße fand, mich betrachtend in die Natur zu vertiefen, ohne von den Wirren der wilden Außenwelt abgelenkt zu sein, entdeckte ich die wahre Rose: die Idee der Rose, von der schon Platon sprach – und hinter ihr die Emanation aus der Idee: die Symbolkraft der Rose.

War es ein Zufall, dass sich die mich immer schon faszinierenden vier Elemente, die ich nie aus dem Bewusstsein verlieren wollte, gerade in der Rose harmonisch vereinten, im alchemistisch mystischen Prozess, wie ihn die Begründer des Rosenkreuzertums empfanden? Neben dem Kreuz wurde die Rose zu einem vielschichtigen Sinnbild, das mich durch die Jahre der Opposition und durch das Leben begleitete, ohne dass ich damals etwas von den naturphilosophischen Schauungen jener Mystiker geahnt hätte. Als Repräsentant der aufgeklärten Zeit und der Naturwissenschaft scheute ich damals jede dunkle Mystik, jede Form der Geheimnistuerei und Geheimbündlerei, selbst das Freimaurertum, weil es noch geheimer war als frei. Im Rosarium erkannte ich vielmehr den schönen Ort, der angenehm und zugleich verschwiegen war. „Sub rosa dictum“ – das galt hier an diesem stillen Ort, wo der eigene Genius regierte und wo manches Gespräch geführt wurde, nur bis zu einem gewissen Grad. Wir waren zwar immer noch belauscht – mit „Ohr und Blick“. Doch unsere Gespräche, die vielleicht konspirativ anmuteten, waren im Grunde weltoffen und konkret sozialkritisch ausgerichtet. Die Pracht des Angenehmen und Nützlichen signalisierte auch Weltoffenheit. Die Rose stand, über die Verschwiegenheit, Keuschheit und Reinheit hinaus, für Licht und Leben, für Optimismus und Aufbruch. Sie war deshalb auch das Symbol einer neuen Zeit; des „wahren Sozialismus“, der eigentlichen Humanität, von welcher auch die Freimaurer träumten.

Die Assoziationen, die Rosen in meinem Gedächtnis wachriefen, je tiefer ich ihrer Symbolik auf den Grund gehen wollte, waren vielfältig und chaotisch wie der Wandel der Sinnbildlichkeit in der Zeit und reichten zurück bis in die Welt frühkindlicher Wahrnehmung, bis in die Bereiche des Unbewussten. Düfte waren ebenso tief verwurzelt wie Farben, viel tiefer als Begriffe.

Als Kind hatte ich einst ein blutrünstiges Spektakel am Bildschirm verfolgt, ein Szenario von erhabener Schönheit und nackter Brutalität in der Serie: „Der Krieg der Rosen.“ Dargestellt wurde dort in bester Theatralik ein authentischer Machtkampf im alten England, ein langwieriger und vernichtender Krieg zwischen den Häusern York und Lancaster im Namen und unter dem Emblem der „Roten Rose“ und der „Weißen Rose“ – mit einer Handlung, von der mir bald nur noch das Bild rollender Köpfe im Gedächtnis haften blieb und ein unendlicher Strom von Blut, dessen rote Farbe ich so deutlich sah wie die Leuchtkraft der Rosen, obwohl das damalige Medium noch keine Farben wiedergeben konnte.

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