Tristia – mit Ovid in Tomis

 

Von Ferne hörte man das sanfte Rauschen der Brandung. Am nächsten Morgen, nachdem endlich alle organisatorischen Abläufe geregelt waren, fand ich erstmals Zeit, an die Küste zu gehen. Zum ersten Mal erlebte ich es wirklich – das Meer!

Elementar und mächtig – beeindruckend wie eine Urgewalt, wie symphonische Musik und wie das Hochgebirge. Jetzt hatte ich alle beisammen. Und der Ärger war verraucht.

Die anderen Badegäste zurücklassend, schritt ich auf einer steinernen Pier hinaus bis zu einem solitären Punkt, wo die Wogen auf schwere Felsen schlugen und schäumend zerschellten. Als ich so auf dem Felsen stand, nur von den tosenden Fluten umgeben, allein wie einst Walter auf dem Stein, und fast so einsam wie jener in Acedia versunkene Mönch am Meer, den Caspar David Friedrich in sein Bild baute; als ich zum ersten Mal in die blauen Weiten hinaus blickte wie Kolumbus, versunken in die Grenzenlosigkeit der Ferne, fühlte ich mich erstmals in die eigene erbärmliche Endlichkeit zurückgeworfen – wie beim Anblick des Firmaments und der Sterne. Dieser „Locus amoenus“, der gleichzeitig ein „Locus terribilis“ wilder Einsamkeit war, ergriff mich so heftig wie kein anderes Naturerlebnis vorher. Die bestimmenden Elemente waren um mich: der Fels, die Flut, der Wind und die glühende Abendsonne, die fast schon versunken war.

Hatte nicht auch Ovid einst hier gestanden?

Gerade hier, an dieser Stelle vielleicht – und auf das Meer hinaus geblickt, in Schmerz und Trauer versunken, in Gedanken an den Tiberstrand, an Rom und in Erwartung des rettenden Schiffes aus der Heimat?

Hatte er nicht in Verbannung ausgeharrt – wie andere große Geister seiner Zeit, wie Aristoteles, wie Seneca und vereinsamt abgewartet, zehn volle Jahre lang, in der Hoffnung, doch noch begnadet und erlöst zu werden von einem Herrscher, der gottgleich regierte wie ein Diktator?

Hatte er nicht bis zuletzt gehofft, mit den hier verfassten Zeugnissen des Leidens das Ohr des Augustus doch noch zu erreichen und mit den „Tristia“ gar sein Herz? Das Herz eines Tyrannen, um es zu erweichen und Gnade, Rettung und Heimkehr zu finden?

Hier starb Ovid, ein Dichter der Weltliteratur, in Melancholie und Resignation versunken, weil ein selbstherrlicher Herrscher es so wollte. War nicht auch er damals schon der Willkür eines Diktators unterworfen – wie wir, zweitausend Jahre später, heute?

Ovid, der der Heimat Beraubte, der Zwangsexilierte! Hier fand er wohl die Zeit, lange über seine „Metamorphosen“ zu meditieren und über das ungerechte Los der Welt, das auch vor großen Geistern nicht haltmacht, über den Wandel der Werte und die Vergänglichkeit aller Dinge?

Seine „Epistulae ex Ponto“ künden davon, von seinen Leiden, seiner Melancholie und seiner Verzweiflung. Krank an Leib und Seele stand er hier und weinte, hinaus aufs Meer starrend.

Und er endete auch hier am rauen Meer nach zehnjähriger Verbannung in letzter Einsamkeit, dem Blick der fremden Geten ausgesetzt, die ihn ehrten, ihn aber nicht verstanden? Vanitas vanitatum vanitas!

Weiter durfte ich mich nicht in diese elegischen Reflexionen hineinsteigern, ohne auch noch der Melancholie zu verfallen, zu der ich als astrologischer Fisch ja disponiert war. Hier, am Wasser, in meinem Element, war ich meinem Wesen nahe – das fühlte ich.

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