Schiller und Lenau

 

Ferner las ich vieles von Schiller, der mir in meinem jugendlichen Enthusiasmus damals noch näher stand als der immer schon lebensweise Goethe. Das Ideale überlagerte das Existenzielle, bei ihm und bei mir. Und die Jugend verlangte nach „Idealen“, nach einem Entwurf des Menschen zu einem Höheren hin, nicht nach der „weisen Selbstbegrenzung“. Die mit Beethoven im letzten Satz der Neunten Symphonie eingegangene geistige Verbindung von Wort und Ton, von philosophischer Idee und Musik, hatte diese identitätsbegründende Nähe bereits hergestellt. Das war meine Familie! Die Former, Träger und Umsetzer geistig-musikalischer Werte im Gesamtkunstwerk – in der „Symphonie der Freiheit“!

Von ihrem Geist und ihrem poetisch-lyrischem Klang wurde ich getragen – wie ich, nach Schillers Wort, von meiner „deutschen Muttersprache getragen“ wurde, die für mich dichtete und dachte – und in der mir dank dieses Umstandes der „Sprachgetragenheit“ auch manchmal ein kleiner Vers gelang. Neben den ganz „Großen“ aus Musik und Literatur, deren immenses Oeuvre in einem kurzen Menschenleben weder zu erfassen, geschweige denn angemessen zu studieren ist, widmete ich mich mit ähnlicher Begeisterung dem Schaffen jener geistigen Nachfahren, die sich selbst bereits in der Rolle von „Epigonen“ sahen und deshalb wesentlich unsicherer, ja vielfach gehemmter ans Werk gegangen waren als ihre paradigmatischen Vorgänger. Das waren – vor allem in der Nachfolge Beethovens – Schubert, Schumann und Brahms in der Musik sowie Heine und Lenau in der Lyrik.

Zu „Lenau“, dessen „Leben, Werk und Wirkung“ mich später über Jahre intensiv beschäftigten, was mich dann auch veranlasste über Aufsätze hinaus eine umfassende Dichter-Monografie zu verfassen, hatte ich seinerzeit noch kein echtes Verhältnis entwickelt. Trotzdem begann ich damit, neben seiner Naturlyrik auch die zeitkritischen episch-dramatischen Dichtungen aufmerksamer zu studieren, aus denen viel politische Brisanz tagesaktuell herüberschwappte. Wie glich doch unser willkürlich totalitäres System der absolutistischen Zeit des restaurativen Kanzlers Metternich? Vieles von Lenaus „vorrevolutionärem Protest“ war auch in mir. Und ich fühlte den Geist der Worte, den Lenau vor einem guten Jahrhundert in die Welt trug. Die essenzielle Aussage eines Vierzeilers, den man beim Betreten der Lenauschule lesen konnte, genügte da schon:

Ihr kriegt mich nicht nieder

Ohnmächtige Tröpfe,

Ich komme wieder und wieder

Und meine steigenden Lieder

Wachsen begrabend Euch über die Köpfe!

Von diesen wenigen Zeilen, die man in Lenaus Gesamtwerk unter der Überschrift „Trutz Euch“ vorfindet und die der aufbrausende Poet einigen ihm wenig geneigten Kritikern oder Rezensenten entgegenschmetterte, reichten mir die bereits die ersten Worte, um mich selbst als „bewusste Kämpfernatur“ zu definieren – in Rückbesinnung und in gezielter „Berufung“ auf das Vorbild Lenau, der inzwischen ein „Klassiker“ der deutschen Literatur war. Daraus sprach die Haltung eines Freigeistes, mit welcher ich mich voll identifizierte und die ich noch weiter ausbauen und kultivieren wollte. Lenau stand mir damals genau so nahe wie der in Düsseldorf am Rhein geborene, gut zugängliche Heinrich Heine, obwohl Lenau ein im Banat geborener k. u. k – Untertan und somit ein Landsmann war.

Temeschburg präsentierte sich selbst in den Jahren des Kommunismus immer noch als eine Kulturstadt, in welcher Dinge möglich wurden, die anderswo undenkbar schienen. Als ich im Alter von etwa zehn, elf Jahren nicht ganz freiwillig im Rahmen eines Schulausflugs in die Oper gekarrt wurde, stand ein Sujet auf dem Spielplan, das, genauer betrachtet, nicht ganz politisch opportun war, das Bühnenstück „Despot Voda“, in welchem in Anlehnung an andere klassische Freiheitsdramen wie „Egmont“, das bereits in den Fünfziger Jahren hier aufgeführt worden war, die „Despotismusdiskussion“ problematisiert wurde. Eine gewagte Sache! Schließlich wurde das Land damals schon von einem rückwärtsgewandten „Despoten“ gelenkt, durch dessen stets demonstrativ getragene Schaffellmütze die Züge eines walachischen Wolfsgesichts hervor traten. Ein Hinweis auf den künftigen Diktator?

Mehr gelangweilt als interessiert, rutschte ich im rot gepolsterten Opernsessel herum in der Erwartung des baldigen Endes, ohne die in rumänischer Sprache vorgetragene Handlung überhaupt zu verstehen oder auch nur etwas von der zeitkritischen Brisanz der Thematik, die mir erst später bewusst wurde, zu ahnen.

Während der Kindheit faszinierten mich vor allem die Vorstellungen des deutschsprachigen „Staatstheaters“. Es war im gleichen imposanten Operngebäude untergebracht, von dessen Balkon aus der „Führer zum Volk“ sprach, wenn er zu sehr seltenen Anlässen in der Stadt weilte. Unsere vornehme wie einfühlsame Deutschlehrerin aus Temeschburg, Frau Ingrid Weber, die wohl als erste bei einigen von uns Schülern den Sinn für die Reize der deutschen Literatur erweckt hatte, sorgte frühzeitig dafür, dass wir schon im Knabenalter die Klassiker-Inszenierungen an dieser Bühne mit verfolgen konnten. Noch heute erinnere ich mich an eine Bühnenaufführung von Schillers „Tell“, in welcher die politische Freiheit und der notwendige „Tyrannenmord“ im Mittelpunkt stehen. Die Inszenierung faszinierte mich damals sehr, weniger die Tötung des Despoten Geßler, als die Solidarität der schweizerischen Stämme und ihr Zusammenstehen in Einheit angesichts von Unmenschlichkeit und Unterdrückung. Ganz besonders beeindruckte mich der ergreifende Rütli-Schwur, eine Szene, die mir selbst heute nach fast vierzig Jahren pathetisch im Ohr nachklingt:

Wir wollen sein, ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr!“

Freie Bürger, Demokraten, die vereint aufstehen, um einen Tyrannen zu bekämpfen – das war eine Botschaft, die ich, in einer immer deutlicher sich manifestierenden Tyrannis lebend, damals noch als gültige Aussage an sich empfand, ohne sie als eine tröstende wie ermutigende Botschaft auf die Alltagswelt zu beziehen. Das politische Bewusstsein reifte langsamer heran und es brauchte seine Zeit, bis gewisse Implikationen des Umfeldes durchschaut wurden. Einer der Schauspieler, den ich auf jener Bühne erlebte, sollte mir kurz darauf Schauspielunterricht erteilen, um mich in die Lage zu versetzen, größere Rollen vor heimischem Publikum zu bewältigen. Zwischen Literatur, Geist und gesellschaftlichen Verhältnissen hatte immer schon ein direkter Zusammenhang bestanden. Je reifer ich wurde, desto klarer erschienen mir die Strukturen.

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