Nach Süden, ans Schwarze Meer

 

Nicht allzu lange nach der „Maskerade ohne Masken“ und dem in der „Symphonie der Freiheit“ bereits beschriebenen „Schauprozess“ im Betrieb „1. Juni“ durch Partei und „Securitate“, der mein Arbeiterdasein abrupt beendete, der aber auch die Unzufriedenheit anderer Fabrikarbeiter öffentlich machte, war ich wieder ein freier Mann, genauer formuliert: Ein „Vogelfreier“, ein „Paria“ und „Outcast“, einer den man jederzeit von der Straße weg „ohne Haftbefehl“ verhaften, ihm wegen „Parasitismus“ einen „kurzen Prozess“ machen und ihn anschließend – zur Fronarbeit auserkoren – in ein Gefängnis werfen konnte. Bevor es soweit kam, wollte ich schnell noch den mehr notwendigen als verdienten Urlaub antreten. Erwin, einer aus dem harten Kern der Jugendfreunde, war mit von der Partie.

Eine Reise war angedacht, eine möglichst weite Reise, raus aus dem kleinen Dorf, raus aus der auch schon langweiligen Stadt – und weg. Ausbrechen aus dem tristen Alltag und eintauchen in eine abwechslungsreiche Welt der Freiheit ohne Sorgen, wo gab es das? Am Meer! Die Entscheidung fiel, es ging an die Küste, ans Schwarze Meer, fast tausend Kilometer weit vom westlichsten Punkt Rumäniens zum östlichsten hin.

Als Folge des verheerenden Erdbebens im März, das auch in den Medien des Westens viel Anteil nehmende Resonanz, aber auch Verunsicherung erzeugt hatte, waren zahlreiche ausländische Urlauber von ihren Schwarzmeerreisen zurückgetreten. Aus den stornierten Buchungen wurden somit Kapazitäten für die nicht minder erholungsbedürftige inländische Bevölkerung. Wir erfuhren irgendwie rechtzeitig von den Leerständen, griffen beherzt zu und buchten spontan einen Zwei-Wochen-Aufenthalt in einem Strandhotel der Satelliten-Stadt „Venus“, gleich mit Vollpension. Im Hinterkopf hielt sich der leise Dauergedanke einer Flucht in den Westen. Vielleicht bot sich die Chance, weiter nach Süden an die bulgarische Sonnenküste zu reisen. Von dort aus konnten wir im Rahmen eines Tagesausflugs möglicherweise gar in die Türkei überzusetzen und so dem Ostblock für immer den Rücken zu kehren. Die Flucht in die Freiheit – eine fixe Idee?

Ausbruch-Fantasien solcher Art gingen uns ständig durch den Kopf, inspiriert von manch abenteuerlicher Eskapade, die Menschen aus unserem Umfeld glücklich zu einem Leben in Freiheit verholfen hatte. Wir waren achtzehn Jahre alt – und zu allem bereit. Also machten wir uns auf den Weg, ohne das genaue Endziel zu kennen.

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