Instrumentalisierte Instrumente

 

In einer solchen Atmosphäre permanenter Gängelung und Überwachung durch den Großen Bruder Staat, den Nietzsche an einer Stelle als „das kälteste aller Ungeheuer“ bezeichnet, fiel es mir schwer musischen Dingen nachzugehen. Trotzdem zog ich mich spätabends, wenn alle schliefen, in eine Kammer zurück, schrieb ein paar wehmütige Gedichte, verfasste literarische Briefe, notierte mehr oder weniger gelungene Aphorismen, die mir tagsüber eingefallen waren oder ich arbeitete an meinem historischen Roman, ein Projekt, das ich, wenn immer möglich, Kapitel für Kapitel vorantrieb. Samstags oder sonntags schaute ich mich nach einem Konzert um oder ging ins Theater, wenn das Sujet interessierte. Wer sich in die „Philharmonie“ begab, unweit der Kathedrale im „Capitol“, was ich oft und gerne tat, um etwas Klassisches zu hören, eine Symphonie von Haydn, ein Klavierkonzert von Beethoven oder Tschaikowsky, musste in der Regel noch die mittelmäßigen Kompositionen vaterländischer Komponisten der Neuzeit über sich ergehen lassen, die, mit viel hymnischem Pathos und Musikantengetöse, die Rolle der Kommunistischen Partei bei der Gestaltung der Gesellschaft zu würdigen hatten. Das Mediokre – die Goldene Mitte im Sozialismus? Nicht nur Dichter, selbst die Tonsetzer wurden politisch instrumentalisiert und von eigenständigen Individuen zu willfährigen „Instrumenten“ reduziert. Wirklich moderne Tonkünstler wie Arnold Schönberg oder Alban Berg durften überhaupt nicht aufgeführt werden. Zu bourgeois? Der Unterschied zu den Gepflogenheiten in der Volksrepublik Maos, wo selbst Ludwig van Beethoven als „Repräsentant bürgerlicher Musik“ eingestuft und somit verboten war, fiel nicht mehr groß auf. Statt großer Musik wurde viel „epigonal Patriotisches“ geboten, was nicht nur für wahrhaftige Künstlerseelen schwer erträglich war. Das „Leiden für die Kunst“ vollzog sich dort auf andere Art. In der Regel ging ich ohne Begleitung ins Konzert und erlitt dort einiges alleine. Weder meine damaligen Kameraden noch sonst jemand aus dem Dorf schien sich für solche Genüsse zu begeistern, vielleicht, weil das Leiden überwog?

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s