In Sturm und Drang – Ideale und „Idole der Freiheit“:Beethoven, Mozart und Goethe

 

In jener spätpubertären Entwicklungsphase verehrte ich Beethoven über alles. Immer, wenn es mir möglich war, hörte ich die Symphonien, speziell die Pastorale, die Schicksalssymphonie, die Eroica, und, in besonderer Andacht, die Neunte mit dem fulminanten Ende, in welchem alle meine Aspirationen kulminierten; ebenso Auszüge aus Fidelio und die späten Quartette mit der Danksagung des Genesenden an die Gottheit.

Weshalb zog ich damals Beethoven Bach, Haydn, ja selbst Mozart vor?

Vielleicht deshalb, weil Beethoven das in der eigenen Brust tobende Gefühl von aufbäumendem, rebellierendem Protest am eindeutigsten und unmittelbarsten in Musik umsetzte! Auch spürte ich lebhaft die „befreiende Wirkung“ seiner rauschhaft ekstatischen Musik, eine Musik, die unmittelbar erlebt werden konnte, die enthemmte, die sofort erlöste, während Mozarts zarte Kompositionen oft tiefmelancholisch nachklagen und das junge Leiden an der Welt noch vertieften. Einige Takte aus der Partitur des Rheinländers – und schon fühlte ich mich im Innersten erfasst, verstanden und gestärkt. Beethovens Musik baute schnell wieder auf, was andere abgebaut hatten – sie erhob das wieder, was andere verächtlich gemacht und niedergetreten hatten. Trotzdem war in seinen Kompositionen viel verinnerlichter Schmerz umgesetzt, seelisches, existenzielles Leid, das meinem Empfinden zutiefst verwandt war. Lief ich doch selbst als „Seelenkranker“ herum, in der Hoffnung auf Rettung und Genesung. Das oft schmerzhafte Ringen dieses extrem Einsamen um höchsten künstlerischen Ausdruck bei der Umsetzung politisch-freiheitlicher Ideen und Menschrechte in Musik faszinierte mich über alle Maßen. Die Idee der Freiheit war überall in seinem Werk präsent und wirkte unmittelbar auf den Hörenden, selbst wenn sie manchmal wehmütig in der Ferne verklang.

Beethovens Symphonik berauschte mich immer wieder aufs Neue. Besonders die dionysischen, tanzhaften, erhöhenden Passagen in der Sechsten, Siebenten sowie in der letzten seiner Symphonien hörte ich, umhüllt von Pathos und gefühltem Heroismus, bis zum Exzess. Beethovens Musik wirkte unmittelbar auf Seele und Geist. Sie erreichte das „Wesen des Menschen“ und sprengte dabei, wie ich später erfahren sollte, alle nationalen und kulturellen Begrenzungen. Sie hob die Barrieren alles Trennenden und Spaltenden auf, der Versöhnung die Bahn bereitend. Eine spätere Studienkollegin, in ihrer Heimat lange von Beethoven und europäische Klassik abgeschnitten, kompensierte den Verlust, indem sie Beethovens Neunte fast rund um die Uhr hörte, wie einen Ohrwurm.

Beethoven ging über alles. Immer wieder vertiefte ich mich in die Irrationalität seines „symphonischen Zusammenklangs“, in die Welt der Töne, die mit ihrer wild aufbrausenden, protestschwangeren Grundcharakteristik meiner damaligen Gefühlswelt am besten entsprach. Beethoven, der gleich Hegel, auf das „Walten des Weltgeistes“ in Napoleon gehofft hatte, im Vertrauen, der einstige Revolutionär werde der gesamten Menschheit die Freiheit bringen, musste während der restaurativen Metternich-Zeit ähnlich gefühlt und gelitten haben wie wir „in den Fängen eines modernen totalitären Systems“. Seine Helden, Egmont und Florestan, kündeten davon. Ewald, einer meiner anspruchsvolleren Jugendfreunde, hatte mir eine ausführliche Lebensbeschreibung des genialen Tonsetzers ausgeliehen, eine Biografie, die mich sehr beschäftigte und mir den schon absolut Gewichteten noch näher brachte. In dem Werk, das ich in trister Zeit immer wieder in die Hand nahm, weil mich neben der künstlerischen und politischen Ebene auch Beethovens existenzielle Haltung sehr faszinierte, fand ich dann den richtungweisenden Ausspruch

Wohl tun, wo man kann; Freiheit über alles lieben; Wahrheit nie, auch sogar am Throne nicht verschweigen.“

Beethoven hatte diese Worte am Vorabend der Französischen Revolution ausgesprochen, zu einem Zeitpunkt, als die emanzipatorische Gedankenwelt eines Rousseau dabei war, „politischer Wille“ zu werden. Für mich waren diese Worte „Programm“.

Dabei fand ich es erstaunlich, dass Beethoven, einer der absoluten Künstler überhaupt, die Trias des „Wahren, Schönen und Guten“ sprengte, indem er der Ethik Priorität vor jeder Ästhetik einräumte und die Kategorie des Schönen der Idee der Freiheit opferte. Das politisch wie individuell gelebte und existenziell eingelöste Ethos stand für ihn an erster Stelle, weit über dem großen Kunstwerk. Das wirkte auf mich wie ein Fanal, denn mein innerster Kern war berührt und mein damals noch schlicht erfühltes Ethos eingefangen, auf den Punkt gebracht. Die Existenz dem Guten, dem Wahren und der Freiheit weihen, noch vor dem „Schönen“ – damit konnte ich leben!

Nachdem unser kleiner, durch die Bank mittelmäßiger „Conducător“ auf dem Gebiet der „politischen Liberalisierung“ sein Volk genauso massiv enttäuscht hatte wie seinerzeit der selbst gekrönte, große „Imperator“ in Paris, verblieben auch uns nur noch die traurigen Moll-Klänge eines „Marcia funebre“, mit denen die Freiheit permanent „zu Grabe getragen“ wurde. Beethoven hatte dies alles schon höchst luzid antizipiert und zu sublimster Musik veredelt. War das kein Trost? Parallel zu Musiker-Biografien las ich in jener Entwicklungsphase, teils von Idealismus, teils von Resignation erfüllt, manches aus dem von „Sturm und Drang“ bestimmten Frühwerk Goethes, unter anderem sein Freiheitsepos aus dem Bauernkrieg in Hohenlohe, „Götz von Berlichingen“. Bauernkriege konnten inzwischen keine mehr geführt werden, da der Bauernstand längst ausgerottet war. Doch der wohlbekannte „Kraftausdruck“ aus dem Epos, den der berüchtigte Raubritter mit der eisernen Hand aus dem Jagsttal seinerzeit dem Deutschen Kaiser bestellen ließ, hätten ich und andere jeden Tag mehrfach ausrufen können, wenn wir mit „sozialistischer Wirklichkeit“ und Parteiwirtschaft konfrontiert wurden.

Verborgen war mir seinerzeit die Tatsache, dass auch Mozart dem gleichen flotten, die Zeiten überdauernden Ausspruch – so frei von der Leber weg – gar einen lustigen Choral gewidmet hatte, „Köchelverzeichnis 231“, in welchem er wie Götz „frank und frei – als souveränes künstlerisches Individuum und als Mensch“ – seine Meinung artikulierte, auf „barocke Art“ … und als „Tema con variazioni“!

Ebenso wenig war mir seinerzeit bewusst, dass Mozarts gesamte Existenz ein permanentes Ringen um künstlerische wie menschliche Selbstbefreiung war; nicht anders als bei Beethoven: ein Kampf um „Freiheit“ in vielen Formen und auf unterschiedlichen Ebenen, den er mit oft verkannten Gleichgesinnten wie „Lorenzo da Ponte“, Librettist und Freigeist oder „Jacopo Casanova“, Schürzenjäger, Mathematiker und Lotterieerfinder, gegen rückständigen Geist jener Zeit austrug. Noch überlagerten oberflächliche Phänomene diesen Kampf, auch meinen Blick dafür verstellend.

 

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