Holzkreuze im Wind – Bărăgan

 

Bevor wir gegen Abend das Gebiet der Dobrudscha erreichten, wo sich, in kleinen Siedlungen verstreut, vor längerer Zeit ebenfalls deutsche Siedler niedergelassen hatten, durchquerten wir jenen unseligen Landstrich der Deportation, das Bărăgan, ein Gebiet, das heute wieder teilweise in sein Wüsten- und Steppendasein zurückgefallen ist. Hierhin waren allein aus unserem Dorf „mehr als zweihundert Menschen“ zwangsdeportiert worden, ganze Familien, Frauen, Kinder selbst die Alten und Greise. Zehn Jahre ihres Lebens hatten sie in dieser Wüste verbringen müssen, abgeschottet vom natürlichen Umfeld und als „Strafe“ für ihre „Zugehörigkeit zum deutschen Volk“. Mein Nachbar Gerhard, der Dichter, hatte hier sogar das Licht der Welt erblickt. Und ein weiterer Poet, Horst Samson, aus dem Nachbarort Kleintermin ebenso. Nachtragend waren beide nicht. Sie traten sogar in die Kommunistische Partei ein und blieben eine gute Weile dabei, solange, bis die Partei sie nicht mehr haben wollte.

Noch keine dreißig Jahre waren vergangen, seitdem man unsere Landsleute aus ihren Häusern getrieben hatte, um sie dann, in Viehwaggons verfrachtet, bis hierher durchs Land zu karren; sie auszusetzen wie Freiwild auf freiem Feld, mitten im Ödland, dem Regen, Sturm und Schnee schutzlos ausgeliefert. Fast fünfzigtausend Menschen, ja 50 000 an der Zahl, wurden im Bărăgan ihrem Schicksal überlassen, einfach so, aus einem Revanchismus und ideologischer Verblendung heraus! Doch nicht nur „Deutsche“, auch Serben, Ungarn, ja selbst begüterte Rumänen traf das gleiche Los.

Auch das war „Geschichte“ – „rumänisch-deutsche Geschichte“, aus der es kein Entrinnen gab. Einiges war darüber berichtet worden und klang merkwürdig makaber nach: Brăila, Galatz, Bărăgan – alles Namen, die an Sachalin erinnerten, an den „Archipel Gulag“ und an finster frostiges Sibirien; Bezeichnungen, die gleichbedeutend waren mit „Aussetzung, Verbannung und beabsichtigter Vernichtung.“ Alexander Solschenizyn hat das, was die unmenschliche Seite der sowjetischen Geschichte betraf, in seinen Werken beschrieben und für die Nachwelt festgehalten. Auch über die „Bărăgan- Deportationen“ liegen Dokumentationen und Zeitzeugenberichte vor, die in der Geschichtsforschung noch nicht längst „adäquat berücksichtigt“ wurden wie das Werk „Und über uns der blaue endlose Himmel“, eine Zeitzeugen-Dokumentation herausgegeben von Wilhelm Weber, die an Menschen und ihre Schicksale erinnert, die jene traurige Realität der mehrjährigen Deportationszeit offen legt.

Doch was tangierte mich Achtzehnjährigen damals die „wissenschaftliche Aufarbeitung“ der Materie? Entschärfte nicht gerade das „abstrakte Abhandeln der Thematik“ die Brisanz jener Zeit des blinden Stalinismus?

Mich, den angehenden Schriftsteller und Romancier, interessierten primär Einzelschicksale. Die Menschen hinter den Zahlen und Fakten interessierten mich, ihr exponiertes Los als Opfer, ihr Überleben in Strohhütten bei Eiseskälte, ihr Leiden und ihr Unglück, das aus einer Ungerechtigkeit erwachsen und wie eine metaphysische Vergeltung über sie gekommen war.

Wie viele Menschen waren in diese Steppe verfrachtet worden wie Vieh? Und dies nach den Schrecknissen der Vernichtungstransporte in die Konzentrationslager!

Wie viele Kinder wurden in diese unwirtliche Einöde hineingeboren?

Wie viele starben hier, noch bevor ihr Leben begonnen hatte? Und wie viele von ihnen mussten – mit einem Baumzweig in den Händen, da es nichts anderes gab, vor einer Kerze kniend – mitten im Schnee traurige Weihnachten feiern? Unter gestirntem Himmel, weil auch die Kirche fehlte? Solche Bilder klagten wirkungsvoller an als Berge abstrakter Klageschriften!

Schließlich dürfen auch die Alten und Schwachen nicht vergessen werden, von denen viele bereits nach der Ankunft – medizinisch unversorgt – im Elend verstarben.

Manches hatte ich aufgeschnappt als kleiner Junge im Friseursalon, wenn die Alten berichteten, Weiteres später nachgelesen. Das drängte sich jetzt auf. Der leicht eingetrübte Blick schweifte nunmehr hinaus über die karge Landschaft, wo unbekannte „Verwandte“ ihre letzte Ruhe gefunden hatten, „Landsleute“ … sinnlos geopferte Menschen. Einmal glaubte ich gar eines von den verwitterten Holzkreuzen erspäht zu haben, die unbetreut am Wegrand zurückgelassen worden waren, wie die längst vermoderten Körper der Verstorbenen. Knochen waren sicher noch da, wenn man grub, anklagende Gebeine an Menschheitsverbrechen erinnernd, wie die Mumien im Sand der Atacama-Wüste und das Gerippe der aus dem Flugzeug geworfenen Andersdenkenden in tiefster See:

Es geht dem Menschen wie dem Vieh, so wie es stirbt, so stirbt er auch.

Brahms Akkorde drängten sich auf, kräftig und ernst – und die salomonische Welt von vorgestern, die auch nicht gerechter war wie unsere Tage. Der Tod war unter uns – mitten im Leben. Und alles schien der Vergänglichkeit preisgegeben, Lust und Leid: „Vanitas vanitatum vanitas!“

Seltsame Kreuze sah ich stürzen, fallen und keine Rosen!

Weshalb und wofür, das alles?

Weshalb war der Mensch dem Mensch ein Wolf? Gestern, heute und immerdar?

 Das fragte ich mich still in Gedanken, ohne zu bemerken, wie Wehmut heraufzog, ja Resignation. Weshalb die Rache an Menschen, die in einem bestimmten Landstrich wohnten? Auf einem engen Streifen im Grenzland zu Jugoslawien, gerade einmal 25 Kilometer breit, hatten Kommunisten die Bösen ausgemacht, die Unzuverlässigen unter den Völkern, brav nach Stalins Paradigma. Die „Guten“, kaum einen Steinwurf daneben, blieben verschont!?

Willkürliche Vergeltung“ auch gegenüber schuldlosen Kindern. Wofür? Wo war die „ach so zivilisierte westliche Welt“, als wieder einmal das Lineal angesetzt und der Federstrich gezogen wurde – von Leuten, die immer schon das internationale Recht verhöhnt hatten.

Stalin hatte es in Potsdam so gehalten und damit Churchill wie Truman ausgestochen. Seine Handlanger und Vasallen hielten an dieser Methode noch 1951 fest und setzten sie zynisch um. Wurden nicht wieder die falschen Schweine zur Schlachtbank geführt?

Wo waren die Vereinten Nationen und das viel beschworene Völkerrecht? An diesem Punkt hatten die Demokratien des Westens versagt; und dies, sechs Jahre nach dem Kriegsende.

Ein schaler Geschmack blieb zurück, auch bei mir. Wie sollte ich an Idealen festhalten, an Freiheit und universeller Gerechtigkeit, wenn die „noch Aufrechten“ enttäuschten? Die rückwärtsgewandte Betrachtung der Geschichte und die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit erinnerten mich an die unbefriedigende Gegenwart, die aus Fehlern resultierte. Vieles war immer noch so, wie es nicht sein sollte. Die Botschaft der Geschichte war verhallt. Es wurde eine sonderbare Fahrt; eine Reise, die mir symptomatisch schien für das ganze Leben. Wer zum Meer wollte, um etwas von der Unendlichkeit seiner Freiheit zu erfahren, wer zum Angenehmen wollte und zum Schönen, der musste erst durch Dornen hindurch und durch die Schrecknisse der Vergangenheit.

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