Freiheit oder „Anarchie“? „Schein statt Sein“

 

Die Entdeckung der Stadt, denn kaum jemand nannte sie beim Namen, war ein natürlicher Prozess, der recht früh einsetzte. Die meisten unserer Väter arbeiteten in einer der zahlreichen Fabriken oder Werkstätten und einzelne Mütter verkauften ihre selbst gezogenen landwirtschaftlichen Produkte auf den Märkten der Stadt. Alles, was im Dorf nicht zu haben war, wurde in der Stadt besorgt. Jährlich vor Schulbeginn musste jene dunkelblaue Schuluniform gekauft werden, die unser ewig gleiches Aussehen im Unterricht bestimmte, ferner Schuhe, Winterkleidung und andere Dinge. Da wir die Eltern zum Anprobieren der Kleidung begleiten mussten, wurden wir schon von Kindesbeinen an mit der städtischen Atmosphäre und den süßen Segnungen der Stadt vertraut.

Bereits während meiner Hauptschulzeit reiste ich gelegentlich allein nach Temeschburg, um zunächst die zahlreichen Lichtspielhäuser abzuklappern. Filme, das waren Formen des Ausbruchs aus dem sozialistischen Alltag in andere, in exotische Welten. Bald darauf besuchte ich regelmäßig die symphonischen Konzerte, die der traditionsreiche Philharmonische Verein veranstaltete. Manchmal fuhr ich nur in die Stadt, um zur Hauptpost zu gehen und eine fremdsprachige Zeitung zu kaufen, bei der das „Zwischen den Zeilen Lesen“ ungeachtet der sprachlichen Herausforderung einfacher war als bei den selbst zensierten Landespublikationen. Neben einigen italienischen Zeitungen, mit denen ich mich herummühte, lag das Presseorgan der französischen Kommunisten um George Marchais aus, die „L `Humanité“! Diese Zeitung kaufte ich ungeachtet der marxistischen Ausrichtung recht gern, auch deshalb, weil sie ein „großes Ideal“ im Namen trug, das als unausgesprochene Parole provozierte, wenn das Blatt auf dem Café-Tisch lag. Über die freiwillige Französischübung hinaus versetzte mich die „L `Humanité“, nicht anders als mancher Streifen aus Hollywood, in freiere Geisteswelten, die ich bewunderte, weil sie so unerreichbar fern schienen, wie die Welt der „französischen Sprachkultur“ und der in Rumänien paradigmatischen „französischen Zivilisation“. Da sie als westliche Zeitung vor allem dem Sensorium kritischer Franzosenaugen weltweit genügen musste, war davon auszugehen, dass die dort zu lesenden Meldungen sich nicht allzu weit von der tatsächlichen Realität entfernten. Wie andere Zeitinteressierte auch nutzte ich diese bescheidenen Möglichkeiten der Freiheit, um den mir versagten Westen in den Osten hinein zu nehmen.

Recht oft verließ ich das Dorf nur, um von einem öffentlichen Fernsprecher aus mit einer sympathischen jungen Dame zu telefonieren, deren Familie wie andere fortschrittlich denkende, bequeme Menschen, unser Dorf verlassen hatte, um in einem modernen Appartementhaus die Annehmlichkeiten des urbanen Lebens zu genießen. Wir kannten uns seit Jahren und unterhielten eine voramouröse Beziehung rein platonischer Art, die sich in einer ausgedehnten Kommunikation erschöpfte. Gelegentlich ging ich auch ins „Banater Museum“, das in einem burgähnlichen Bau, dem sogenannten Huniady-Kastell, untergebracht war, und bewunderte dort, mehr gelangweilt als interessiert, die verrosteten Schwerter und Münzfunde aus der Türkenzeit oder andere Exponate aus der frühen Stadtgeschichte. Die königliche Freistadt Temeschburg, die, gleich anderen Residenzen über Jahrhunderte bis zur Türkenvertreibung am Anfang des 18. Jahrhunderts wirklich nur eine große Burg war, hatte sich von dieser „Keimzelle“ aus zu einem urbanen Zentrum entwickelt, das inzwischen mehr als eine viertel Million Einwohner zählte.

Von Zeit zu Zeit schlenderte ich auch durch das jüngst eröffnete „Modehaus“, einer „Boutique“ der Mega-Klasse, die arm an Exponaten eher an Leerheit einer Kunstgalerie erinnerte, um dort unter den wenigen, skurrilen Kreationen nach dem Besonderen Ausschau zu halten, nach einem Kleidungs-Unikat, das Aufsehen erregte und mit dem man auf Anhieb provozieren konnte. Mein hervorstechendster Wesenszug war seinerzeit der „Protest“. Innere Rebellion und äußerer Aufruhr waren zwei Seiten einer Medaille. Ich war immer noch allein in der Revolte. Die zur Schau getragene Haltung von individuellem Aufstand und Widerstand überragte selbst noch die mich seinerzeit bestimmten musischen Prioritäten, die Interessen für Musik, Literatur, Sprachen und Geschichte. Lange nach „Faust“ war auch ich ein Geist, der stets verneinte – und das mit Recht; ein melancholischer Rebell im Spannungsfeld von permanentem Aufruhr und resignativer Ohnmacht. Die Hervorhebung des Eigenen war wichtig als Kennzeichen des Selbst. Individuelle, unverwechselbare Kleidung und Frisur, kurz westliches „Outfit“, weniger Mode, boten gute Möglichkeiten, „zivilen Ungehorsam“ zu betonen und die staatliche Gängelung über die Kleidungsordnung hinaus abzulehnen.

Wie einzelne Parteifunktionäre auf westliche Klamotten reagierten, hatte ich erst jüngst selbst erfahren müssen. Jugendliche, die sich zeitgemäß modische Kleidungsstücke von Verwandten im Ausland oder von den zahlreichen fliegenden Händlern aus Jugoslawien, die täglich die Stadt überschwemmten, besorgen konnten, trugen in der Regel hellblaue, ausgewaschene Jeans und bunte Hemden, Shirts mit dem Sternenbanner, olivgrüne Jacken aus Bundeswehrshops, schwarze Rollkragen oder Existenzialisten-Pullover und Lederjacken. Die Haare wurden, wenn es der Physiognomie entsprach, lang und wild getragen. Was den jungen Menschen als „Manifestation der Freiheit“ erschien, war aus der Sicht des Staates, der selbst die äußere Erscheinungsform seiner Bürger festlegen wollte, ein „antisozialistisches Aussehen“, das auf eine „antisozialistische Gesinnung verwies“, die nicht toleriert werden durfte. Nach offizieller Doktrin war die demonstrative Nichtidentifikation mit der Gesellschaft, die individuelle Freiheit des Einzelnen, nichts anderes „Anarchie“ – und somit etwas, was bekämpft werden musste. Der positive Wert Freiheit, die Bedingung und Quintessenz jeder Selbstverwirklichung, von Ideologen ins Negative transponiert, war also nicht nur dem Sozialismus entgegengesetzt, sondern auch dem Staat. Und wer nach Freiheit rief, war ein Umstürzler, ein Staatsfeind, ein Anarchist.

Wenn immer sich die Möglichkeit bot, bei kurzfristig angesetzten Razzien in Diskotheken, in Stadien oder auf der nächtlichen Straße, schritt die Miliz ein, riss den Jugendlichen die „westlichen Embleme“ vom Leib, verprügelte sie ohne Rücksicht auf das Geschlecht und schnitt ihnen die freien Mähnen ab. Manch ein „Rebell“, der nichts anderes verbrochen hatte, als seine langen Haare frei im Wind fliegen zu lassen wie die Kommunisten ihre rote Fahne, wurde ohne viel Federlesen in den ersten, besten Friseursalon geschubst und sofort kahl geschoren. Dieser Umgang mit heranwachsenden Staatsbürgern entsprach irgendwo den nicht kodifizierten Forderungen der „sozialistischen Ethik“. Die „Würde des Menschen“ und das „Recht des Menschen“ auf eine Intimsphäre, auf ein eigenes Erscheinungsbild und somit auf eine eigene „Identität“, waren keine Kriterien in der realsozialistischen Gesellschaft. Alles wurde den Normen des Staates unterworfen, also pseudohaften und pervertierten Werten, die von engstirnigen Parteiideologen erdacht und festgesetzt worden waren.

Die Kultur- und Bildungslosigkeit kommunistischer Kader, charakteristisch für Ceauşescu und alle anderen Führercliquen ostblockweit, nivellierte selbst die Wertediskussion und trug zur allgemeinen Diskreditierung der kommunistischen Ideologie weltweit bei. Immer auf ihrem Recht beharrend und über alle Zweifeln erhaben, glaubte die Partei der Kommunisten genau zu wissen, wie der „sozialistische Mensch“ in Gegenwart und Zukunft auszusehen habe – und dies lange nach den Experimenten der Nationalsozialisten. Brutale Eingriffe in die Intimsphäre seiner Bürger wie das Einfangen und gleich Kahlscheren langhaariger Hippies gab es in der DDR so wohl nicht. Zwar riss die Stasi kirchlichen Pazifisten ihre „Schwerter zu Pflugscharen-“ Embleme aus dem Parka, ein hässliches Loch zurücklassend; doch von öffentlichen Tätlichkeiten sahen die „besseren Deutschen“ ab.

In Rumänen hingegen wüteten Miliz und Geheimdienst ungleich gesetzesferner, da sie sich „im eigenen Land“ glaubten, wo sie weder kontrolliert noch für ihre Untaten zur Rechenschaft gezogen wurden. Mehrfach sollte ich in Auseinandersetzungen dieser Art geraten und auf diese Weise die niedere Brutalität einfacher Milizorgane kennen wie verachten lernen. Die Konfrontation mit dem Staat kam somit für manche unpolitische Jugendliche völlig unerwartet wie ein Kugelblitz vom Himmel. Damit erschuf sich das „kranke System“ seine Gegner selbst.

Staatliche Willkür und Unfreiheit waren konstante Größen in einer sogenannten sozialistischen Gesellschaftsordnung. Wo immer es möglich war, versuchte es der Staat, die mageren Freiheiten seiner Bürger weiter einzuschränken und über sie zu verfügen. Bei freiwilligen Arbeitseinsätzen sonntags noch, nachdem man die „Sechs-Tage-Arbeitswoche“ schon hinter sich hatte, ferner bei häufigen Demonstrationen und Jubelfeiern mit Pflichtpräsenz in der Regel auch stets an einem Sonntag, dann bei unzähligen Ernteeinsätzen, für die Schüler, Studenten, ja sogar die Soldaten herangezogen werden mussten, da die wirtschaftlich wenig lukrative Zwangskollektivierung die Landbevölkerung vom Feld gefegt hatte, und ähnlichen Gemeinschaftsarbeiten.

Wer sich der „freiwilligen Zwangsarbeit“, die eigentlich und oft „staatlich verordnete Kinderarbeit“ war, entzog, wer protestierte, hatte mit Repressalien und massiven Schikanen zu rechnen. Nicht selten büßte er Position oder Arbeitsstelle ein, fortan, etwa als „Chauffeur ohne Wagen“ oder „Lehrer ohne Schüler“, unbefriedigende Hilfsarbeiten verrichten müssend. In einer Gesellschaft, die selbst ein großes Gaukelspiel veranstaltete, ein „Als ob“, verwunderte es nicht, wenn die „äußere Erscheinung“ – eines Menschen und überhaupt – seinem „inneren Wert“ vorgezogen wurde. „Schein statt Sein“ – so war es überall im Sozialismus, selbst auf der Straße.

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