Einübung in die Ars amatoria

Einübung in die Ars amatoria

 

Schließlich erreichten wir die Küstenstadt Constanţa, das ehemalige „Tomis“ der Griechen und Römer, wohin Augustus, wohl aus einer Laune heraus, den großen Dichter Ovid verbannt hatte.

Zweitausend Jahre waren inzwischen ins Land gegangen – und viel Wasser war den Danubius, den Ovid Hister nannte, hinabgeflossen. Und die Willkür von damals glich der Willkür von heute aufs Haar.

Hatte Ovid die „Kunst des Liebens“ so plastisch, so vortrefflich geschildert, dass die Sitte des gestrengen Roms darunter litt?

Oder war auch er bereits aus politischen Gründen in die Wüste geschickt, also „verbannt“ worden – wie unzählige berühmte und weniger berühmte Dichter nach ihm? Mir war gesagt worden, der viel gepriesene „Poeta laureatus“ seiner Zeit würde hier irgendwo in Bronze gegossen auf dem Sockel stehen. Nur bot sich uns keine Gelegenheit, die Statue aufzufinden und dem Verfasser der „ars amatoria“ unsere späte Reverenz zu erweisen.

Was wussten wir zarten Jünglinge schon von der „Kunst des Liebens“ oder Verführens, von den vielfältigen „Metamorphosen“ des Edlen zum Unedlen und von der Wandlung des nach Erkenntnis Strebenden zum Liebenden.

„Don Giovanni“ war uns noch ferner als „Faust“ und Ovidius Naso.

 

Anschlussbedingt ging es gleich weiter über die Kleinstadt Eforie nach „Venus“, in eine jener kleinen Satellitenstädte, die als Bettenburg für die zahlreichen in- und ausländischen Touristen erst vor wenigen Jahren aus dem Boden gestampft worden waren.

Das Hotel war schnell gefunden. Nur das Belegen des Zimmers machte Schwierigkeiten. Wieder schien uns der sozialistische Alltag eingeholt zu haben – wie insgeheim befürchtet. Misswirtschaft, Missmanagement auch hier in der modernen Freizeitwelt. Die stornierten Zimmer der Ausländer waren mehrfach verkauft worden. Jetzt stand die dreifache Menge an Gästen draußen wartend vor der Tür. Wer sollte, wer konnte in dem engen Hotel untergebracht werden? Das waren schwierige Fragen „sozialistischer Logistik“, auf welche die schlecht trainierten „Marketingexperten“ vor Ort keine Antworten wussten. Der Computer war zwar schon erfunden, aber noch nicht bestellt. Die Devisen dafür mussten erst verdient werden, trotz des Bebens.

 

Nach welchen Kriterien war eine Auswahl zu treffen?

Sollte wieder das „Rote Büchlein“ entscheiden, jener Universalschlüssel für alle Eingangspforten der sozialistischen Gesellschaftsordnung? Oder sonstige Merkmale wie Nationalität, Nasenlänge, blaue Augen – oder das altbewährte, gern genommene und stets auch wohl erwartete Allheilmittel „Bakschisch“, das jeden Sesam öffnete?

Ein Löwe im Ausweis?

Drüben in Bulgarien wurde die „Lewa“ gern genommen, hier der „Leu“, dessen Kaufkraft etwas von der Bissigkeit eines Papiertigers hatte.

Wir beide, zwei Burschen aus dem Banat, offensichtlich Nichtrumänen, genossen keine besondere Priorität, denn Genossen waren wir keine. Dafür aber waren wir jung und zäh – und vermittelten durchaus den Eindruck, einige Nächte auch unter freiem Himmel im Sand wohlbehalten überstehen zu können. Also ließ man uns warten, ohne dass irgendwie besondere Notiz von uns genommen worden wäre. Wir waren einfach Luft.

 

Als nach einigen Stunden vergeblichen Wartens immer noch keine Fortschritte erkennbar waren, mischte ich mich unter die Herumstehenden und begann damit, mir etwas von dem aufziehenden Ärger von der Seele zu reden. Dabei prangerte ich die bestehenden Missverhältnisse an, ungeniert und mit lauter Stimme, gut hörbar auch für alle diejenigen, die begierig nach Misstönen im offenen Konzertsaal lauschten. Das ging eine Weile gut, bis ich irgendwann von einem missmutig dreinblickenden Zeitgenossen unterbrochen wurde, der sich gerade unauffällig aus dem Haufen gelöst hatte und diskret an mich heran getreten war. Ich kannte meinen Pappenheimer, ich witterte und fühlte ihn. Das graue Männlein war natürlich von jener unerquicklichen Zunft, der ich hier am Meer eigentlich hatte entfliehen wollen. Mit diesen Burschen hatte ich hier im Urlaub nicht wirklich gerechnet. So kann man sich täuschen. Es gab sie auch an der Küste in den Ferienparadiesen. Sie waren einfach überall, diese grauen Leute mit Alain Delon-Trenchcoat und Schlapphut wie im Kinostreifen mit Humphrey Bogart. Doch sein dezenter und doch als Einschüchterung gedachter Hinweis, er sei von der Geheimpolizei und hier im internationalen Ambiente für Fragen der Staatssicherheit zuständig, beeindruckte mich nicht wirklich. Schließlich hatte ich schon einiges auf dem Kerbholz und bereits etwas Erfahrung im Umgang mit dem „bösen Wolf“, der lieber die Menschen erschreckte, als konsequent durchzugreifen. Also legte ich – geschützt von der zustimmenden Menge – noch einmal nach, drehte verbal auf und zog alle Register rhetorischer Polemik, so, dass dabei das entlarvende Schlüsselwort „Securitate“ gut hörbar für die meisten Mitbetroffenen immer wieder in die lauten Exkurse eintröpfelte. Der Spürhund reagierte irritiert, war überfordert und kapitulierte schließlich mit der leise formulierten Konzession, er werde sich unverzüglich unserer Sache annehmen und das Problem beheben.

Bald darauf tat sich tatsächlich etwas. Bewegung kam auf. Der Direktor des gebuchten Hotels wurde herbeizitiert. Es gab Geflüster, schief musternde Blicke in unsere Richtung und bald zustimmendes Nicken. Es sah gut aus. Also schliefen wir doch noch in einem Bett und nicht am Sandstrand? So schien es zunächst. Doch der Schein trog erneut. Mehr mürrisch als nett wurden wir in die Lobby gebeten und sollten dort weiter abwarten. Nachdem sich die omnipotente Gestalt des allmächtigen Dienstes entfernt hatte, machte sich allerdings wieder eine alte Nostalgie breit, wie man sie nur noch auf indischen Bahnhöfen erleben kann. Die Zeit stand plötzlich wieder still – nunc stans, für Ewigkeiten, so fühlte ich es. Der Dämon des Nichtstuns kam herab und lähmte jede Aktivität. Die Dämmerung brach herein. Und wir saßen immer noch in der Lounge in weichen Sesseln, die Koffer neben uns, und warteten … warteten … und warteten – wie auf Godot.

 

Warten ist eine viel eingeübte Tugend im Sozialismus. Doch wenn der Zuckerspiegel fällt und das Testosteron ansteigt, kann selbst das Warten gefährlich werden. Missmut kam auf. Sollte ich wieder randalieren? Wieder den alten Bekannten aus dem grauen Verein „Horch und Guck“ auf den Plan rufen, damit es vorwärtsging? Da schoss mir eine andere Strategie ein, eine weniger ethische, eine Strategie der Impertinenz als Antidot auf das uns applizierte Schleichgift der Ignoranz. Unauffällig auffällig öffnete ich so nebenbei den prall gefüllten Reisekoffer, wühlte in meinen Sachen herum, breitete die bunten Textilien demonstrativ auf dem Boden aus, griff nach dem weißblau gestreiften Pyjama und fing gelassen an, mich zu entkleiden. Unerwartet stand der Direktor gleich wieder neben mir und gaffte mich verblüfft an:

„Was machst du denn da?“

wollte er wissen.

„Die Nacht bricht herein“,

antwortete ich lakonisch lässig,

„und nach der langen Bahnfahrt von Temeschburg hierher bin ich müde geworden und fühle das Bedürfnis, mich endlich auszuruhen, zur Not auch hier vor allen Leuten, im Fauteuil!

Also kleide ich mich um. Wo darf ich die Zähne putzen und den Rest der Abendtoilette erledigen?“

Der Direktor hatte verstanden. Nervös geworden, lief er hektisch davon, gestikulierte wild durch die Luft verständigte sich mit einigen Hotelangestellten. Dann ging alles recht schnell. Nach wenigen Minuten wurde uns ein Zimmer zugewiesen; ein schönes, helles und sauberes Zimmer im Erdgeschoss mit direktem Ausgang zum Meer. Der Urlaub konnte beginnen. Es war schon spät geworden. Übermüdet sanken wir auf unsere Schlafstätten und schliefen bald darauf ein.

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s