Ein langer Tag – zwischen Dom und Kathedrale

 

Es ist kaum möglich, die oft stereotyp durchlebte tägliche Trivialität des Alltags in der Rückschau detailliert zu rekonstruieren und zu schildern. Ein nahezu identischer, austauschbarer Tag begann um fünf Uhr morgens im Elternhaus mit dem Aufstehen, dem kargen Frühstück und einer halbstündigen Busfahrt in die Stadt. Um sechs Uhr setzte bereits der Berufsalltag des Proletariers im Werk ein. Im mechanischen Atelier jener großen Trikotwarenfabrik sollte ich meine Stunden abarbeiten, dabei behilflich sein, kleine Reparaturtätigkeiten durchzuführen und beim Herstellen von Ersatzteilen an Drehbänken, Fräsen und Schleifmaschinen mitwirken.

Dabei lernte ich einiges. Noch wichtiger für mich war jedoch das Gespräch mit den Arbeitern, die permanente Kommunikation mit den Kollegen, die allesamt brav ihre Norm zu erfüllen suchten, deren Gedanken aber auch um alles kreisten, was Menschen bestimmt, die mit ihrem Los nicht ganz zufrieden sind. Bei allen gab es Höhen und Tiefen. Bereits um vierzehn Uhr passierte ich die Stechuhr und spazierte aus der etwas abgelegenen Fabrikstadt dem schöneren und erbaulicheren Stadtzentrum zu. Der Tag war noch jung – und Temeschburg war eine gemütliche Stadt.

Wer sich mit seinem Schicksal abgefunden hatte wie meine Tante, die in einem der besseren Wohnblocks unweit des Hauptbahnhofs wohnte, konnte da beschaulich leben und den Tag genießen. Ich hingegen wurde – wie unzählige andere junge und junggebliebene Menschen auch – von unüberbrückbaren Diskrepanzen bestimmt, die im sozialistischen Alltag nicht versöhnt werden konnten. Nach einer kleinen Stärkung in einem der zahlreichen Schnellrestaurants, wo man den beliebten „Salade de boeuf“ essen und einen Kefir trinken konnte oder nach einem Aufenthalt in einer kleinen Konditorei, wo es eine bunte Auswahl süßer sirupgetränkter Törtchen gab und manchmal selbst Exotismen wie grüne Bananen und Apfelsinen, bewegte ich mich auf das Lenau-Gymnasium zu. Gelegentlich wurde ich unterwegs von Bekannten aufgehalten, die Neuigkeiten zu berichten hatten. Natürliche, intensive Kommunikation war die Regel. Jeder plauderte mit jedem. Einsame, gar vereinsamte Menschen waren mir in Temeschburg nicht bekannt.

Nicht selten führte mein Weg über den Domplatz an dem pompösen Dikasterialgebäude vorbei, einem Palazzo im Renaissancestil, der ebenso in Stockholm oder in Rom hätte stehen können, ohne dem Erlauchten darin Schande zu bereiten. Mittelpunkt des pittoresken Domplatzes, den ich nahezu täglich passierte, war eine kunstvoll angefertigte Pestsäule, die an die größte Seuche der Menschheitsgeschichte erinnerte. Temeschburg war im 17. und 18. Jahrhundert, als die verheerende Seuche in ganz Europa wütete und Millionen dahinraffte, genau so betroffen wie Wien und Budapest.

Der Domplatz selbst imponierte durch seine Großzügigkeit und Symmetrie und verwies fern auf die vornehmen Gärten von Belvedere und Schönbrunn. Diesen Platz, der mit seiner warmen und beschaulichen Atmosphäre Erinnerungen an die gute alte k. u. k. Zeit wachrief, wo die Damen noch mit ihren Hündchen gelangweilt herumspazierten, an die „Welt von Gestern“, die von Stefan Zweig noch so innig beschrieben worden war, empfand ich als das große Gegenstück zur Lloydzeile, die von der Oper auf der einen Seite und der mächtigen, grün gekachelten Kathedrale auf der anderen begrenzt wurde.

Die Lloydzeile, ein zweiter Mittelpunkt der Stadt, hatte ein anderes Gesicht und erinnerte in ihrer modernen Gestaltung und nahezu weltmännischen Charakteristik an die Prachtmeilen bedeutender Städte in Westeuropa. Zwischen jenen markanten Punkten rollte fast mein gesamtes Stadtleben ab. Was am Domplatz fehlte, war ein prunkvoller Zierbrunnen, ein Springbrunnen, der dem schönen Ort mehr Lebendigkeit verliehen hätte. Ein springender Brunnen aber prägte das Bild der Lloydzeile. Schon als Kleinkind stand ich davor und beobachtete fasziniert aus der Zwergperspektive, wie das kristallklare Wasser durch den weit geöffneten Mund eines steinernen Fisches aus dem Innern hervor schoss – und wie der mächtige Wasserstrahl in der Luft zu Tröpfchen zerperlte, in denen sich das Licht der Sonne in die Farben des Regenbogens aufspaltete. Auch das war eine Art Urerlebnis aus dem Lauf der Elemente, wo Wasser und Luft zu Licht und Farbe verschmolzen. Im Hintergrund der Fontäne, über alles erhaben, die bronzene Statue der Wölfin, Romulus und Remus säugend. Das Wasser verzauberte mich schon damals, ohne zu ahnen, dass ich als ein im Zeichen der Fische Geborener dem Lebenselement Wasser zugeneigt sein musste. Alles war schon damals in Fluss, fern von Heraklit. Und nichts war beständiger als der Wechsel.

Nur war Temeschburg, obwohl am Fluss gelegen, eigentlich keine wasserreiche Stadt: und deshalb auch keine Brunnenstadt. Wasser, das unverzichtbare Lebenselixier des Menschen, genauso wichtig wie die reine Luft zum Atmen und wie die Freiheit des Geistes, war dort ein knappes Gut. Der winzige artesische Brunnen, nur wenige Meter von der Pestsäule entfernt, bot kaum Ersatz. Sein aus vierhundert Meter Tiefe stammendes Wasser, das im Grunde ein schlecht mineralisiertes Heilwasser war, wurde von alten Leuten trotzdem getrunken, obwohl es lauwarm war und fad schmeckte. Mit dem Wasser kamen überriechende Gase hoch, vermutlich Schwefelwasserstoff, den Lausbuben aus Langeweile auch Mal anzündeten. Selbst nach den beiden Weltkriegen, in welchem Temeschburg stark umkämpft und heftig bombardiert worden war, bot das Karre am Dom einen immer noch intakten Anblick. Mehrstöckige Bürgerhäuser umsäumten den Platz, der nur von einem zentralen Bauwerk überragt wurde – von der Kirche, der er den Namen verdankte: vom katholischen Dom.

In jenes Heiligtum begab ich mich manchmal, wenn mir die Außenluft zu heiß wurde und wenn ich, den Blick zum Kreuz und den Schutzheiligen erhoben, etwas tiefer über das Leben nachdenken wollte – nicht ohne den feigen Versuch zu unternehmen, etwas göttlichen Beistand anzufordern. Andersdenkende lebten gefährlich. Und einen „Deus ex Machina“ hatten sie immer und überall nötig. Wie die Rosen am Wegrand vor der Kirche, so wirkte auch das Kreuz tief in die Zeit hinein. Es führte in alchemistischer Verdichtung vom Erdelement hinauf in höhere Sphären, in Bereiche der Freiheit, die der Geist nur ahnt und nach dem die geplagte Seele schmachtet. Am Spätnachmittag strebte ich dann auf die Lenauschule zu, wo gegen fünf Uhr der Abendschulunterricht begann. Er bedeutete keine Herausforderung und glich mehr einem vergnüglichen Intermezzo mit unterschiedlichen Themen als einer systematischen Ausbildung. Gegen neun Uhr war Schluss. Anschließend ging ich zum nahen Busbahnhof und pendelte zurück ins elterliche Haus nach Sackelhausen oder ich zog mich in meine in unmittelbarer Nähe gelegene Spelunca zurück, die ich für einige Zeit als urbanes Refugium angemietet hatte. Wenn ich heimfuhr, erreichte ich gegen zehn Uhr den heimatlichen Hof. Zum Schlafen, Säumen und Träumen verblieben mir noch knappe fünf Stunden. Diesen exzessiven Rhythmus einer Daueraktivität rund um die Uhr hielt ich ein ganzes Jahr durch, bevor er von höherer Warte aus abgewürgt wurde.

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