Ein Anflug von Freiheit

 

Zwei drei, Wochen nach Besuch in der Deutschen Botschaft flatterte mit der Tageszeitung „Neuer Weg“ und dem gut retuschierten Konterfei des „Conducătors“ eine mir unbekannte Zeitschrift ins Haus, ein Hochglanzheft in auffälligem Vierfarbdruck – es war die angekündigte „Prisma“. Also hatte der gründliche Botschaftsbeamte aus Bukarest sein Wort gehalten. Achtlos vom Dorfbriefträger über den Lattenzaun in den Korridor geworfen, lag sie da, im Staub, neben der Zeitung mit dem täglichen Führerporträt, das manchmal, zu weniger hehren Zwecken bestimmt, auch im Trockenklo am Nagel hing.

Aufgeregt las ich die an mich adressierte Zeitschrift vom Boden auf, geistig ausgehungert und gierig nach Information wie ein Dürstender in der Wüste, den in naher Oase das kostbare Nass erwartet. Dann zog ich mich mit dem gefundenen Schatz zurück in den Schatten eines Baumes, um in andere Welten einzutauchen. Blätternd sah ich mir zunächst die vielen Fotos an, farbenfrohe Bilder aus dem Land meiner Sehnsucht. Auf einer der Seiten, die noch nach frischer Druckerfarbe dufteten, stockte ich. Eine Impression zog mich in ihren Bann, ein merkwürdiges Stillleben, das einen bundesdeutschen Tagesauschnitt darstellte: der Marktplatz in Bonn. Etwas verschwommen im Hintergrund war Beethovens Standbild zu erkennen, der große Sohn der Stadt, den ich höchst verehrte, weil er – wie kein anderer Komponist vor, neben und nach ihm – die „Idee der Freiheit“ so unmittelbar, so kräftig und so nachhaltig wirkend in Musik umgesetzt hatte. Seine Dritte, die Siebente, die Neunte, das waren für mich „Symphonien der Freiheit“ avant la lettre!

Nur diesmal war es nicht der Meister selbst, der faszinierte, sondern die glücklichen Engelsgestalten unweit des Podests. Mitten auf dem Marktplatz zwischen Denkmal des Rathauses, an einer Stelle, die ich später im Leben oft passieren sollte, saßen junge Menschen beim Kaffee. Vermutlich waren es Studenten der alten Universität um die Ecke? Ein ganz normaler Alltagsausschnitt – und doch zugleich ein Bild der Sehnsucht. Das Bild fesselte, ja es lähmte mich sogar, denn dieses einmalige „Stillleben aus Menschen in natürlichem Umfeld“ fing etwas ein, hielt etwas fest, was ich gerade nicht hatte: unmittelbares Glück durch die gegebene Freiheit. Da saßen sorglos vergnügte, unbeschwert in den Tag hinein lebende, junge Menschen mit entspannten Zügen und freudigem Lächeln auf den Lippen, redeten, lachten und freuten sich; heitere Jugendliche in meinem Alter, die ihre Freiheit unmittelbar unreflektiert auskosteten, ohne dass ihnen dieses Gut als hoher Wert an sich bewusst war. Dank der Freiheit waren sie glücklich.

Das Bild wirkte auf mich wie ein frontaler Schlag ins Gesicht – es ergriff mich so stark, dass ich fast ins Taumeln geriet. Für Augenblicke machte es mich krank, mich mit tiefer Melancholie erfüllend, wie ich sie schon lange nicht mehr erfahren hatte. Trauer stieg in mir auf, die Trauer des Deprivierten, vermengt mit wutentbrannter Verbitterung des Eingesperrten, aber auch mit einer freudigen Ahnung des Möglichen. Meine Sehnsucht setzte sich in einer Vision fest, die Glück bedeutete – und die ich nicht loslassen konnte, obwohl der längere Anblick schmerzte. Das war erlebte Freiheit – nur war es die Freiheit der Anderen.

Moses hatte sein Endziel, das Land seiner Träume und die paradiesische Welt der Verheißung zwar schauen, doch nicht betreten dürfen – als Strafe, weil er am Wort Gottes gezweifelt hatte. Nun durchlebte ich eine ähnliche Situation und in ihr den Schmerz des Ausgesperrtseins und des Ausgegrenztseins. Hatte ich mich auch versündigt?

Hatte ich gegen den Dekalog verstoßen oder Verbote übertreten? Was hatte ich Frevlerisches getan, was hatte ich verbrochen?

Mein Sündenregister war sicher lang aus katholischer Sicht: Ich hatte in der Kirche geschwätzt! Ich hatte in der Kirche gelacht! Ich hatte schlechte Bücher gelesen, ohne zu wissen, was „schlechte Bücher“ überhaupt sind? Ich war unmäßig im Essen, war unmäßig in Trinken, ich war faul, ja, gern und oftund ich hatte Unkeusches gedacht, angehört, ich hatte Unkeusches allein getan – und ich hatte beim Sandkasten-Doktorspiel im Vorschulalter selbst Unkeusches mit anderen getan, ohne eine Vorstellung davon, wo Unkeuschheit anfängt und wo sie endet!? War es das? War ich also, wie der „Beichtspiegel“ mir verdeutlichte, ein sündhafter Mensch, der nun die göttliche Strafe zu erdulden hatte, solange bis sich Demut und Reue einstellten? Todsünden hatte ich keine begangen die es gerechtfertigt hätten, mich einem Verbrecher gleich einzusperren, mich an den Fels zu schmieden, wie Zeus den göttlichen Prometheus. Nahte bald ein Herkules als Retter – oder galt es, mich selbst zu befreien?

So haderte ich hin und her zwischen Hoffen und Bangen, bisweilen todessehnsüchtig in die Welt stierend wie der ausgestoßene Ahasver, in Gedanken an das Reich der Freiheit, das mir vielleicht für immer verschlossen bleiben sollte. War dies ein Ausblick in eine mögliche Zukunft oder doch nur ein Blick zurück in das Goldene Zeitalter der Menschheit? Während ich meinen Gefühlen ihren Lauf ließ, unfähig sie recht zu kanalisieren und in denkerische Bahnen zu lenken, wurde mir das Elend des eigenen Loses wieder voll bewusst. Ein bitterer Schmerz durchdrang mich verbunden mit einem kurzen „Anflug von Verzweiflung“. In solchen Augenblicken hätte ich alles riskiert, um „mit einem Sprung“ in die Freiheit zu gelangen.

Doch bevor ich mich völlig einer Depression hingeben konnte und der Tendenz, doch noch endgültig zu resignieren, kam wieder befreiender Zorn auf, verbunden mit frischem Kampfgeist. Das Ideal der Freiheit ergriff mich und erfüllte mich so gewaltig, dass ich sogleich wieder Lust verspürte, mich erneut in die Schlacht zu werfen in einem trotzigen „Jetzt-erst-recht“!

Immerhin hatte ich ein konkretes Ziel – und meine Gegner waren bekannt. Zwar stand ich immer noch allein da, als Einzelkämpfer, als einsamer Steppenwolf, ohne wirkliche Alliierte und Mitstreiter. Doch auch das sollte sich bald ändern.

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