Deutsch-deutsche Begegnungen

 

Doch waren wir denn nicht hierher gereist, um das Leben zu genießen und seine angenehmen Seiten auszukosten; um die Sorgen für Tage zu vergessen und einfach oberflächlich in den Tag hinein zu leben? So war es – wir waren jung und noch voller Lebensfreude! Nicht tristes Moll war angesagt, sondern vitalstes Dur. Die erste Reise ans Meer wurde dann tatsächlich zu einer sehr positiven Etappe, zu einer Zeit vielfacher menschlicher Begegnungen und zu einer Zeit früher Freundschaften.

Am Strand lernte ich bald ein rumänisches Mädchen kennen, Camelia, etwas jünger als ich, mit dem ich bald darauf bei Eis und Limonade durch Bukarest schlendern und unerhebliche Gespräche führen sollte, wehmütige Arien aus „La Traviata“ im Ohr. Jetzt spazierten wir beide durch den Sand, leicht verliebt, auch ohne Verdi-Klänge Was wussten wir vom Los der Kameliendame, vom Tragischen in der Kunst, von Ovids Elegien?

Und was wusste sie von meinen jungen Leiden? Der Wind strich uns durchs Haar und die Spuren am Strand verrieselten in der Flut. Musste man Spuren hinterlassen im Leben? Oder wurde alles von einem Schleier verdeckt, Glanz und Ruhm und Eitelkeit? Am Abend geleitete ich sie zu ihrem Hotel; sittlich und brav, in platonischer Distanz, einem Gentleman gleich, der weder genießt, noch darüber spricht.

Tage später traf ich einen echten Seebären in der Haut eines netten Kapitäns zur See aus Nordostdeutschland, einen jovialen, freundlichen Bürger der zweiten deutschen Republik, der mich, den Fisch, ermutigte tief zu tauchen und dabei beherzt die Augen zu öffnen, damit ich die neue Welt der Tiefe auch erkennen konnte. Hans Hass hatte ein Buch darüber geschrieben, das ich schon verschlungen hatte – der einzige „Hass“, dem ich etwas abgewinnen konnte. Jetzt zog ich Seewölfe aus der Tiefe.

Kamen wir nicht selbst daher? Und wären wir nicht besser dort geblieben? Hoch hinaus und tief hinunter – das entsprach der Existenz, die ich auszuloten gedachte. Bald darauf begegnete mir ein Unternehmer aus Braunschweig, eine enthusiastische Kämpfernatur, die schon einiges im Leben gewagt hatte und auch unternehmerisch erfolgreich war. Er war ein Deutschstämmiger aus Bessarabien, dem noch kurz vor dem Zusammenbruch die Flucht „heim ins Reich“ geglückt war, mühsam im Wagentreck wie viele andere Flüchtlinge auch. Die Geschichte meines Großvaters war auch seine Geschichte. Und das Dritte Reich bestimmte uns beide.

Aus der Geschichte gibt es kein Entrinnen, das fühlte ich damals ganz genau. Wir diskutierten über diverse Themen, über historische Gerechtigkeit und Freiheit, über Heimat und Vaterland. Da er selbst das Los der „Auslandsdeutschen“ kannte und meinen Argumenten emotional wie rational gut folgen konnte, ermutigte er mich, meinen Weg weiter zu beschreiten und konsequent Flagge zu zeigen wie unlängst als Kreuzritter. Die Episode hatte ihm gut gefallen. Als Patrioten verstanden wir uns. Auch hoffte er, mich bald als Gast in Freiheit begrüßen zu können. Leider sah ich ihn nie wieder – wie ich viele andere sympathische Menschen nie wieder sah, die mir einst in frohen Stunden begegnet waren.

Die Tage am Meer waren freudige Momente zwischenmenschlicher Begegnungen, Augenblicke intensivster Kommunikation. Zum ersten Mal lernte ich eine größere Anzahl „Ostdeutscher“ kennen; eine größere Gruppe von Bürgern aus der „Deutschen Demokratischen Republik“, also aus einem Staat, den wir eher mit Argwohn und Skepsis betrachteten. Die jungen Leute im Alter von zwanzig bis dreißig stammten weitgehend aus dem Raum Halle an der Saale. Sie hatten nahezu die gesamten Ersparnisse eines Jahres investiert, um sich diesen, aus ihrer Sicht schon südlich-exotischen Aufenthalt an der Schwarzmeerküste zu leisten. Es waren allesamt kumpelhafte Charaktere. Gärtner wie Wolfgang aus Helmstedt und Krankenschwestern wie Iris, die im verbrüderten, klimatisch wärmeren sozialistischen Ausland einige südlichere Tage verleben wollten oder lebenslustige, unkomplizierte Fabrikarbeiter wie Werner und Klaus, die zum Teil in einem halleschen Waggonwerk schufteten und dort täglich zusehen mussten, wie alles, was sie erwirtschaften, in die Sowjetunion weiter geleitet wurde. Einige von ihnen hatten das Gefühl, unfreiwillige Handlanger zu sein, instrumentalisierte Vasallen der Sowjetunion, die, statt des eigenen Landes, den fernen Bruderstaat aufbauten – als „ewige Reparationsleistung“ und aus „ideologischer Solidarität“ heraus, eine Last, die ihnen von den „Betonköpfen“ aus dem Politbüro der SED auferlegt worden war. Ihre Arbeit im Betrieb kam einigen sinnlos vor; sie wirkten apathisch und demotiviert, ohne Hoffnung, dass sich der Status quo zu ihren Lebzeiten noch einmal ändern würde. Eine Übersiedlung in die BRD vor dem Rentenalter erschien ihnen unrealistisch – und die Wiedervereinigung beider Staaten, die damals kein Thema war, wäre sicher allen illusorisch vorgekommen, nahmen wir doch alle an, „Kalter Krieg“ und Kommunismus würden noch tausend Jahre fortbestehen. Trotzdem feierten sie oft und gern.

Bereits nach wenigen Tagen war ihr nicht gerade üppiges Taschengeld soweit aufgezehrt, dass sie ihre kaum erst erstandenen westlichen Jeans, Shirts und Armbanduhren wieder verhökern mussten, um sich einige der beliebten Mixdrinks an der Bar zu leisten. Ein Karl-Marx-Schein war selbst im sozialistischen Bruderstaat nur ein flüchtiges Phänomen. Und die deutsch-deutsche Teilung war auch dort eine triste Realität.

Besonders schäbig erschien mir der Aspekt, dass den Brüdern aus dem anderen sozialistischen Staat der Zutritt zu Diskotheken verwehrt wurde, nur weil sie nicht mit harter Währung bezahlen konnten. Die Stigmatisierung der Ostdeutschen überall auf der Welt, die bis zur Wende anhielt, blieb auch an der Schwarzmeerküste Rumäniens erhalten. Dessen ungeachtet verstanden wir uns prächtig, saßen oft zusammen und sprachen über Gott und die Welt, auch über Politik und über Zukunft. Doch im Gegensatz zu uns Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen hatten die meisten dieser netten Menschen, die ich heute noch angenehm im Gedächtnis verbuche, leider politisch resigniert. Sie hofften kaum noch auf die im Westen Deutschlands immer noch angestrebte Liberalisierungen und hatten den Glauben an bessere Zeiten fast schon aufgegeben. Der später aufgenommene Briefkontakt zu einzelnen von ihnen hielt praktisch bis zu meiner Ausreise an, um dann später in der einseitig betriebenen deutsch-deutschen Nichtkommunikation endgültig zu versiegen. Als ich während eines Abendessens bei gegrilltem Fisch und Weinen aus Murfatlar, zu dem wir alle Freunde aus Sachsen und Sachsen-Anhalt geladen hatten, als abschließende „Provokation“ noch das „Deutschlandlied“ anstimmte und angeheitert fromm, frech und frei gleich alle Strophen herunter sang, so wie sie Fallersleben auf Helgoland gedichtet hatte, fiel es den Ostdeutschen sichtbar schwer, mit einzustimmen: „Aber das ist doch verboten“, flüsterte mir eine junge Dame ins Ohr. Nur Volker und zwei, drei weitere Burschen stimmten in den Ton der einstigen Kaiserhymne ein – mit den Worten Johannes Robert Bechers: „Aus Ruinen erhoben und der Zukunft zugewandt …“ bis hin zur Schlusssentenz: einig deutsches Vaterland!“ Doch auch das sollte man nicht mehr singen.

 

 

Advertisements

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s