Das Kreuz und die Rose

 

Sachte näherte ich mich einem Rosenstrauch aus Purpur und sah dem Wachstum zu. Es ist erhaben zu sehen, wie etwas wächst, wie erste zarte Blätter ausgeformt werden, nach dem Plan, den die Natur vorgegeben hat; wie sich Knospen bilden und aufbrechen; wie sich die Blüte öffnet und ihr Parfüm verströmt, ihren natürlichen Duft, den kein noch so meisterhafter Parfümeur nachahmen kann. Wachstum hat etwas Erhebendes, in der Pflanze wie im höheren Leben.

Wehmütig bückte ich mich leicht hinab und sog den Duft einer gerade sich öffnenden Knospe ein, lange und tief wie etwas, was man aufnimmt, um es nie wieder preiszugeben. Die Süße drang in mich wie Ambrosia, wie eine Speise der Götter, die Geistiges nährt. Das war etwas, was noch intakt war in einer kaputten Welt.

Ja, die Rose war immer schon etwas ganz Besonderes … Wer allein ist, ist auch im Geheimnis, sagt Benn. Hier war ich allein. An einem „Locus amoenus“, an einem lieblichen Ort, unter Rosen, um mich der „Genius Loci“. Allein mit meinen Gedanken umgeben von dem karminroten Samt einer Heckenrose mit unzähligen Blüten in allen Entwicklungsstufen. Ich pflückte eine davon, die gerade dabei war, zu vergehen, und zerrieb ihre tiefroten Blütenblätter in den Fingern. Sie verfärbten sich blutig und erinnerten an anderes Blut, das geflossen war, vom Kreuz herab und vielfach unter dem Zeichen des Kreuzes bis hin zum Hakenkreuz.

Wo stand ich?

An der Seite der Kreuzritter?

Oder im Lager der Rosenkreuzer?

Oder allein?

Allein in der Revolte – und bald auch im offenen Widerstand?

Die einen kämpften für die Idee des Christentums gegen Juden und Moslems und gegen die eigenen Glaubensbrüder, um eine bestimmte Vorstellung vom Christentum durchzusetzen; mit Mitteln, die in der Zeit lagen und damals legitim schienen, mit dem Schwert wie schon Karl der Große.

Die anderen kämpften an einer anderen Front, im Verborgenen gegen den starren Geist ihrer Zeit, im Geheimen, den stillen Kampf des Verstandes, dessen Taten nicht gleich offensichtlich wurden. Viele Denker, die ich bewunderte, wurden zu ihnen gerechnet. Francis Bacon, Giordano Bruno, René Descartes, Johannes Kepler und Baruch Spinoza waren nur einige illustre Namen von Hunderten, die sich unter „das Kreuz und die Rose“ scharten, um in diesen Zeichen mit der Kraft des Geistes ihr humanistisches Werk zu vollenden. Es waren allesamt frühe Aufklärer, Reformatoren ihrer Zeit, die die gespaltene Welt am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges zum Positiven hin verändern wollten. Es waren freigeistige, antiklerikale Denker, die der institutionalisierten Kirche und dem Papsttum ebenso kritisch begegneten wie der Reformator Martin Luther.

Antiklerikalismus unterm Kreuz?

Das war kein Widerspruch! Auch mein Protest hatte sich unter das Kreuz geflüchtet. Das fühlte auch ich. Die Wege unterm Kreuz waren so vielfältig wie das Ringen um die Ideale des Kreuzes. Was assoziierten die Rosenkreuzer mit dem goldenen Kreuz und der roten Rose?

Das Kreuz symbolisiert den Menschen, der aufgerufen ist, sich in seiner Wesenheit zu überprüfen und so zu hinterfragen, dass er sich von der niederen, unedlen Stufe zu einem aufrechten, höher stehenden edlen Menschen entwickelt.

Spätere Freimaurer wie Haydn, Mozart, Lessing und universale Geister wie Goethe bis hin zu Thomas Mann haben diesen Weg zum „Humanum“ hin in dieser Tradition gesehen. Die Rose hingegen symbolisiert die Seelenessenz, bei der die vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft im Einklang stehen. Ich sah die Dinge nüchterner in intuitiver Ablehnung des Esoterischen und Okkulten und erkannte in den beiden Symbolen lediglich sehr „alte Sinnbilder der Menschheit“, die ihre Geschichte durch die Jahrtausende bestimmt hatten.

In Lenaus Lyrik hatte ich Spuren einer Rosenkreuzerrezeption gefunden, die vermutlich auf den Umgang mit dem Theosophen Franz von Baader zurückzuführen waren und gedanklich zu Rudolf Steiner hinführten, zu Steiner der über das „Kreuz und die Rose“ geschrieben und eine „Philosophie der Freiheit“ verfasst hat. Mir genügte jedoch seinerzeit die allgemein verständliche philosophische Botschaft der beiden Symbole, die mir persönlich in meiner gesellschaftlichen Auseinandersetzung eine wertvolle Orientierung boten.

Für mich avancierte das Kreuz zum Kampfsymbol im weitesten Sinne, ohne es vollständig vom Religiösen zu lösen, während die Rose den Rückzug in das eigentliche Menschsein, in Schönheit, Liebe und Humanität, darstellte. „Freudig kämpfen und entsagen“ – ein Motto, das die angebetete Geliebte dem liebend leidenden Lenau vorgegeben hatte. Also war auch ich bereit, meinen Kampf zu kämpfen: für die Kunst und die Welt dahinter. Das „Rosarium“ wurde zum Rückzugsort und gleichzeitig zum Ort vielfältiger Gespräche, zum Ort der Muße, der Muse und des Dialogs – und die Rose blieb mein Symbol der Hoffnung.

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