Das „Eiserne Tor“ am „Eisernen Vorhang“

 

Der Küstenaufenthalt wurde nach einigen anfänglichen Akklimatisationsschwierigkeiten, die zum sozialistischen Alltag gehören, zu einem großen Natur- und Landschaftserlebnis. Allein schon die Fahrt ans Meer war beeindruckend. Von Temeschburg aus ging es im Schnellzug gen Süden, einen ganzen Tag lang vom kontinentalen Banat, durch die Walachei in die mediterrane Dobrudscha. Vergnüglich wurde die Fahrt, auf der wir manches erlebten, was es im horizontbegrenzten Flachland nicht gab, bereits im Banater Bergland, eine Region, die wir als unser klassisches Erholungsgebiet recht gut kannten. Weiter ging es durch wilde Täler mit engen Schluchten, Sturzbächen und geschmeidig dahinschlängelnden Flüssen auf ihrem Weg hinab zur Donau, die bald in Sicht kam. Wir sahen jene Stelle, wo die einst von Türken besiedelte Insel Ada Kaleh in den Fluten versunken war, um ein riesiges Staudamm-Projekt zu ermöglichen: „Das Eiserne Tor“, seinerzeit ein Wasserkraftwerk der Sonderklasse, das die Rumänen in Zusammenarbeit mit den ehemals verfeindeten Jugoslawen Titos errichtet hatten. Der Staudamm an der gemeinsamen Grenze im Strom, geschaffen, um anderen, noch leistungsfähigeren Strom zu erzeugen, war zugleich Brücke – eine Brücke zwischen Nationen und Blöcken, obwohl Jugoslawien „blockfrei“ war, allerdings mehr „frei“ als „Block“. Der „Eiserne Vorhang“ endete zufällig am „Eisernen Tor“!

Das Eiserne Tor galt in beiden Staaten, ja ostblockweit als Prestigeprojekt – wie der nach „Nasser“ benannte Assuan-Staudamm im fernen Ägypten. Strom bedeutete Industrialisierung und Wohlstand, obwohl das Aufstauen großer Ströme wie Nil, Donau und Yangtse nicht ohne ökologische oder kulturelle Opfer zu haben war. Das Eiserne Tor war auch der schlagende Beweis für das „Miteinander“ selbst rivalisierender, ideologisch zerstrittener Nationen. Im Grunde ging es auch ohne Konfrontation, Hetze und Hass. Die Diskriminierung, Diskreditierung und Stigmatisierung des im kommunistischen Lager lange verfemten Marschalls Tito wurde partiell überwunden. Jugoslawien hatte sich emanzipiert, saß zwischen den Stühlen und Blöcken wie siebzig, achtzig andere Staaten in der Welt auch – und Josip Broz Tito, von den Stalinisten Rumäniens vor unserer Haustür lange Jahre als „Schlächter mit dem bluttriefenden Beil“ abgebildet, galt als „Dissident“, der ungeachtet aller Widerstände aus Moskau „seinen sozialistischen Weg“ gegangen war, so wie ihn einst Dubcek gehen wollte – und den „föderativen“ noch dazu, sehr zur Bewunderung von Partei- und Staatschef Ceauşescu, der dem Vorbild wohl gerne gefolgt wäre.

Als die breit dahin fließende Donau sich den Blicken aus dem fahrenden Zug entzogen hatte, ging es für Stunden weiter, mehr langweilig als anregend durch die fruchtbaren, uns wenig vertrauten Humusebenen der seichten Walachei. Bestellte Felder überall, viel Mais, Weizen, Gerste, Hafer, Kraut und Rüben – Kühe und Schweine. „Landwirtschaft“ war ein Schulfach – also konnten wir die Pflanzen noch auseinanderhalten, wohl wissend, dass Kartoffeln nicht auf Bäumen wachsen. Es grünte und blühte noch überall, obwohl es schon Juli war, der „Monat des Ofens“, wie die Einheimischen zu stöhnen pflegten, wenn sie über die nahenden „Hundstage“ klagten. Wer nicht ans Meer konnte oder durfte, der kam bald selbst auf den Hund, so oder so … Rumänien war ein schönes Land, aber immer noch ein „Agrarstaat“, obwohl die Partei ihren Lieblings-Slogan von der noch aufzubauenden „vielfach entwickelten Gesellschaft“ stets neu zu verkündete.

Gelegentlich verließ ich das Abteil, um ein paar Schritte im Zugkorridor auf und ab zu gehen, den Blick in die unbekannte Gegend gerichtet, die wechselvoll vor mir vorüberzog, ohne auch nur einen Bruchteil all des Neuen aufnehmen zu können. Halb apathisch am Fenster lehnend durften die Gedanken schweifen. Einiges von dem, was man uns im Geschichtsunterricht und in der Rumänisch-Stunde eingetrichtert hatte, kam jetzt wieder hoch. Fürst „Mircea, der Alte“ stand einst hier, vor Sultan Bajazid, genannt der „Blitz“, verewigt im „Dritten Brief“ Eminescus. Noch hörte ich den Wohlklang der Verse, pathetisch vorgetragen von einer holden Maid, die noch echt erlebte, was sie rezitierte. Abendländische „Ritter“ sah ich im Sumpf versinken, weil sie vermessen gegen die „wackeren Walachen“ ins Feld gezogen waren … und ich sah Halbmond-Zelte schwarzbunter Herrschaaren der Ungläubigen, Janitscharen mit Krummsäbeln und Turban – auch Fürst Vlad Tepes sah, den teuflischen Vlad, den „Pfähler“, der alle Feinde in die Flucht schlug, viele Tausende gefangen nahm und sie zum Schrecken aller kriegerischen Nachfahren, lebendig auf den Pfahl zog. „Rumänische Geschichte“ wurde wach, so wie man sie uns beigebracht hatte. Was war wahr, was Mythos?

Das Wehgeschrei der 10 000 Aufgespießten bei Tîrgoviste, der alten Fürstenresidenz, in meinem Innenohr versiegte erst, als ein merkwürdiger Reisender an mich herantrat. Der Bursche, ein schmächtig dürres Männlein um die Vierzig war wohl in Craiova zugestiegen. Lässig zündete er sich eine Zigarette an. Den Blick in die Landschaft, ohne mich überhaupt anzusehen, fing er gleich an, nein nicht zu reden, sondern zu sprudeln wie eine spendierfreudige Quelle. Fast wie im Dekameron, nur unaufgefordert, murmelte er mir dann seine kleine Geschichte ins Ohr, in sonderbarem Tonfall, die Gründe erläuternd, weshalb er an die Küste reise und weshalb es ihn in die Hafenstadt Konstanz verschlage – gerade jetzt, wo er doch vollkommen blank sei … ohne einen roten Heller in der Tasche:

„ Hab’ ein Liebchen  in  Constanţa … 

Sie rief aaan … und sie sagte: –

 „Komm doch zu mir ans Meer“ … komm doch, komm doch!

– Da hab’ ihr glatt geantwortet: „namban, namban, namban“ – hab’ einfach kein Geld, bin ausgebrannt …

kein Geld, kein Geld, kein Geld!

– Laassss du das Geeeld … hat meine Gespielin dann gemeint … und komm endlich! …

– Und ich fahre!“

Mit dieser erbaulich witzigen Episode in einem eigenartigen Sing-Sang, wie ich ihn bis dahin noch nie vernommen hatte, drang das dürre Männlein in meine Einsamkeit, meine Besinnung störend, ohne dass ihm dies aufgefallen wäre. Unkonventionelles Kommunizieren mit jedermann war aus seiner Sicht etwas ganz Natürliches, auch wenn ihm nichts erwidert wurde. Nur zuhören, schweigen – das war doch auch eine Antwort? Schließlich konnte man auch interessiert schweigen!? Es redete aus ihm – und mir, dem Verdutzten, blieb nur das schweigende Staunen. Groß reagieren konnte ich auf den Vortrag nicht mehr, weil der Bursche sich genauso plötzlich wieder abwandte und davon trollte, wie er herangeschlichen war. Die Sprachmelodie hallte nach. Der stereotype Duktus erinnerte fern an das Gemurmel des Priesters während der Litanei, an das unverstandene Latein, die mir noch aus den Frühmessen meiner Ministrantenzeit nachklang – oder an das meditativ- beruhigende „Rosenkranzgebet“ der Großmütter, das immer und überall bei den Beerdigungen auf dem Land zu hören war, im monotonen Auf und Ab der seltsamen Stimmen, während der erlebte Auftritt selbst an modernes Theater gemahnte, wo ein Protagonist seinen Monolog hersagt und irgendwann fast unbemerkt hinterm Vorhang verschwindet. War denn alles nur noch Theater? In der Fabrik und im Alltag? Wer war die Puppe? Und wer zog die Fäden? Und konnten wir nicht die Stricke zerreißen wie Gulliver in Liliput … endlich mündig werden – und frei?

Bald darauf, als mein Reisebegleiter Erwin, der heute ein weitgehend unpolitisches Leben führt und fern der Öffentlichkeit die ersehnte Freiheit auf seine Weise genießt, nach mir Ausschau hielt, trug ich ihm das Gehörte vor, fast genau so theatralisch, im Versuch, den Akzent des Olteners genau zu imitieren. Später wiederholte ich hoch amüsiert den wunderlichen Monolog noch so oft, dass der seltsame Tonfall des Dialekts erhalten blieb. Das war unmittelbar erlebte Volksdichtung in archaischer Sprache, Poesie, deren Schöpfer für alle Zeiten anonym bleiben sollte. Wir lachten köstlich darüber, auch weil uns diese Philosophie des „unbekümmert in den Tag Lebens“ imponierte. „Von der Hand in den Mund“ – so lebten die Zigeuner vor unserer Haustür in Sackelhausen und Temeschburg. Und so entzogen sie sich der Gängelung durch den Staat, während wir in Autarkiestreben, Vorratswirtschaft, vorausschauenden wie verantwortungsvollen Planen und Denken gesellschaftlichen Konventionen viel näher standen, oft gegen unseren Willen. Erwin schmunzelte. Seit der gemeinsamen Kindergartenzeit verstanden wir uns prächtig. Auch ein gemeinsamer Humor einte uns. Wir hatten viel Freizeit miteinander verbracht, beim Spiel, beim Fußball, im Orchester und auf Ausflügen, wir hatten über manches nachgedacht, aber auch oft und gern gelacht wie damals in Wolfsberg im Kino, als wir zwei kichernde Mädchen mit einem „Shut up“ zur Räson gerufen hatten, um dann die Replik zu hören: „Wir sprechen nicht Ungarisch“.

Anekdoten produzierten wir und manche Zoten. Die Namenskoinzidenz mit meinem oppositionellen Weggefährten und langjährigen Freund Erwin Ludwig aus Nero, der seinerzeit noch beim rumänischen Militär in Jassy war, ist rein zufällig. Noch kannten wir uns nicht. Doch schon kurz sollten auch sich die beiden Erwins im „Klub“ begegnen, bevor sie sich nach dem Exodus wieder aus den Augen verloren.

Im Zug sprachen wir nur über Banalitäten. Schließlich sollte es Urlaub von Anfang an sein. Loslassen, entspannen war angesagt, Tage ohne Sorgen. Bald aber rätselten wir doch darüber, was noch an unkalkulierbaren Überraschungen auf uns zukommen könnte. Skepsis war immer angesagt im sozialistischen Durcheinander. Darüber hinaus war solch ein Urlaub am Meer als Ausflug in eine freiere Welt im Grunde ein kleines Abenteuer – und dementsprechend mit Risiken behaftet. Es war schon spät am Nachmittag, als wir Bukarest ankamen. Dort hielt der Zug etwas länger. Fahrgäste stiegen aus und zu. Dann ging es weiter.

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