Beben und Erschütterungen

Die Verteidiger der Freiheit werden immer nur Geächtete sein, solange eine Horde von Schurken regiert!

 Maximilien de Robespierre

 

 

 

Das Jahr 1977 war für mich eine turbulente und intensiv erlebte Zeit mit vielen menschlichen Kontakten und äußeren Ereignissen, die nicht ohne Auswirkungen auf mich einprallten. In den Vereinigten Staaten hatte der Demokrat Jimmy Carter, ein Erdnussfarmer und Baptistenprediger aus Georgia, die Nachfolge des über die Watergate-Affäre gestürzten Richard Nixon als Präsident angetreten und die weltweite Respektierung der Menschenrechte zu einer der wichtigsten Prioritäten seiner Politik erhoben. In der damaligen Tschechoslowakei gründeten die Schriftsteller Václav Havel, Pavel Kohout und weitere Mitstreiter die Charta 77, eine Bürgerbewegung, welche die Beachtung und Umsetzung eines Menschenrechtskodexes auf nationaler Ebene einforderte. Es war eine wachrüttelnde Aktion, ein kleines Beben in den Köpfen mit nachwirkenden Erschütterungen, das den Status quo nach Helsinki veränderte, eine Bürgerrechtsbewegung mit Signalwirkung, der sich – weit über die Tschechoslowakei hinaus und richtungweisend für kommende Entwicklungen – ungarische und bulgarische Intellektuelle in geistiger Solidarität anschlossen.

Im gleichen Jahr wurde Rumänien von einer gewaltigen Naturkatastrophe heimgesucht, von einem der schrecklichsten Erdbeben neuester Zeit in Europa, das vor allem in der Landeshauptstadt Bukarest viele Opfer forderte und zahlreiche historische Bauten für immer zerstörte. Es war die zweite große Heimsuchung des Landes nach den verheerenden Überschwemmungen im Jahr 1970, wo weite Landstriche in den Fluten versunken waren. Dieses Naturereignis der besonderen Art erlebte ich im Kreis von Freunden, etwa fünfhundert Kilometer vom Epizentrum entfernt, im Haus eines Schulkameraden, wo wir, der sogenannte eiserne Kern früherer Mitschüler, einen ehemaligen Pferdestall zur Begegnungsstätte umfunktioniert hatten. Die Wände waren mit Hunderten von Werbeplakaten so austapeziert worden, dass daraus eine eigene, westliche und somit nichtsozialistische Aura entstand, eine Welt, die uns für Stunden die Illusion generierte, die Freiheit eines exterritorialen Gebiets zu genießen. Die dekorativen Werbeseiten waren mehrheitlich dem weitverbreiteten Fußballmagazin Kicker entnommen oder sie entstammten den ebenfalls sehr bunten Illustrierten der Mütter und Großmütter. Als „unpolitische Medien“ durften uns diese Blätter aus dem Westen zugeschickt werden. Solche Publikationen wurden „unzensiert“ toleriert. Unzensiert, das heißt: Die für die geistige Reinhaltung des Staates zuständigen Organe, Geheimdienstler, für die das offiziell zugesicherte Brief- und Fernmeldegeheimnis keine Interventionshürde darstellte, verzichteten in der Regel darauf, einzelne Seiten, ja selbst das Titelbild aus ausländischen Zeitschriften und Magazinen herauszureißen oder diese ganz verschwinden zu lassen. Reguläre Korrespondenz einfach abzufangen, um sie gleich ihm Papierkorb oder – bei Beobachteten und Verfolgten – in einer „Akte“ verschwinden zu lassen, war gängige Praxis in der angehenden Diktatur. Deshalb wunderte ich mich auch nicht, dass die Zeitschrift „Prisma“, die noch einige Monate zu mir durchgelassen wurde, keinen meiner Freunde erreichte, obwohl sie die von mir aus dem Heft aus getrennten und an sie weiter gereichten „Abonnement – Postkarten“ an die Deutsche Botschaft in Bukarest geschickt hatten. Jemand wollte es nicht hinnehmen, wenn Angehörige der deutschen Minderheit sich über das Leben in der Bundesrepublik Deutschland informierten.

In unserem „Klub“, wo munter Selbstgedrehte geraucht wurden und manchmal ein Gläschen gebechert wurde, spielten wir hauptsächlich Tischtennis und führten im vertrauten Kreis unseres Jahrgangs 1959 unendliche Diskussionen über Gott und die Welt, nicht selten über die westliche Welt, die ja „um uns war“ und die uns Jugendliche faszinierte. Deutschland war eigentlich nicht allzu weit von uns entfernt. In den Köpfen war es dank vielfacher Anbindungen und Vernetzungen über Verwandte wie Freunde sogar sehr nah. Nur durften wir nicht hin.

Inmitten eines solchen Tischtennisspiels geriet plötzlich unsere stabile Welt ins Wanken. Die Erde bewegte sich leicht unter den Füßen. Gerade hatte ich aufschlagen wollen – da taumelte ich ein, zwei Schritte zur Seite.

 „Die Erbe bebt – das ist ein Erbeben“

entfuhr es einem von uns mit Schrecken. Ein sonderbar mulmiges, nie erlebtes Gefühl kam in mir auf, verbunden mit der intuitiv sich aufdrängenden, archaischen Vorstellung, die Erde würde sich nun auftun, um uns alle zu verschlingen, mit Haut und Haar. Schon sah ich mich in einen klaffenden Spalt stürzen, in ein enges, tiefes, schwarzes Nichts, hinab in den Orkus, Empedokles gleich, der sich selbstmythisierend in die Glut des Ätna gestürzt hatte oder wie Don Giovanni bei seiner Höllenfahrt. Ein Albtraum. Nach Sekunden war der Spuk vorbei, wie wenn nichts gewesen wäre. Wir waren alle heil, nur etwas verunsichert und noch mit den Nachwirkungen des Bebens beschäftigt. Das Erfahren des Bebens war ein Urerlebnis – für jeden von uns. Wir alle hatten die auslaufenden Wellen des Naturereignisses verspürt, leiblich und seelisch. Was tatsächlich vorgefallen war, welch gewaltige, verheerende Naturkatastrophe sich ereignet hatte, ahnten wir noch nicht. Details ließen noch lange auf sich warten. Das Epizentrum lag unweit der schwer in Mitleidenschaft gezogenen Hauptstadt Bukarest. Weite Teile Bukarests lagen in Schutt und Asche.

Paul Goma, ein in den Jahren des Stalinismus verfolgter Schriftsteller aus Bukarest, einer der wenigen direkten Regimekritiker im Land überhaupt, den ich erst später in Paris persönlich kennenlernen sollte, hat seinerzeit, in Anknüpfung an die Richtlinien der KSZE-Konferenz von Helsinki und im Geist der Charta 77, dieses gewaltige Naturereignis zum Anlass genommen, um es mit den „politischen Erschütterungen der Zeit“ in den Staaten des Ostblocks zu verknüpfen. Er überschrieb das ein gutes Jahr später, 1978 im französischen Exil fertig gestellte Buch mit dem Titel „Le tremblement des hommes“ – „Das Erdbeben der Menschen.“

Für uns blieb das entfernte Großereignis, das wir spontan weder begreifen und deuten konnten, ohne unmittelbare Auswirkungen. Erst nach Tagen, als wir die ersten Fernsehbilder sahen, Bilder des Schreckens und der apokalyptischen Verwüstung, erst als wir die vielen Horrorbotschaften in der Zeitung lasen, die mit dem plötzlichen Verlust von bekannten Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur ein Gesicht bekamen, wurde auch uns die eigentliche Dimension der Heimsuchung bewusst. Was war da geschehen in der besten aller Welten? War das die vorbestimmte Harmonie, die vor unseren Augen abrollte? Das große Erbeben von Lissabon kam mir in den Sinn, gesehen mit den Augen Voltaires und das von Heinrich von Kleist geschilderte Erdbeben in Chile. Erbeben, Überschwemmungen, Tsunamis … Solche Naturkatastrophen waren schlimmer noch als Krieg – denn sie trafen alle.

Die schwersten Verwüstungen und Opfer gab es in Bukarest, wo viele Menschen von den zusammenstürzenden historischen Bauten aus dem letzten Jahrhundert erschlagen und begraben wurden. „Vanitas vanitatum vanitas“ – überall nur Verlust, Trauer und Verzweiflung. An uns Jugendlichen im fernen, flachen kaum erdbebengefährdeten Banat ging diese Tragik vorbei. Der Alltag im Dorf und in der benachbarten Stadt nahm seinen Lauf. Die „Macht des Schicksals“, die diesmal andere getroffen hatte, wurde von den Überlebenden im Land hingenommen, teils mit einem starken Zukunftswillen ertragen. Das Leben musste weitergehen. Und es ging auch weiter, trotz der Erschütterungen der Seele.

Während sich mancher aus unserer vertrauten Freundesschar zunehmend der einen oder anderen Liebschaft zuwandte und, von spätpubertären Hormonen gesteuert, das Glück in sinnlichen Bereichen suchte, fehlte mir dafür die rechte Lust. Der weite Kreis der schönen Frauen blieb mir zwar nicht ganz verschlossen; doch für das höchste der Gefühle, für die Liebe, reichte es noch nicht. Viel zu abgelenkt, um Gefühlen nachzugehen, bewegte mich nur eines: Das Erreichen der vollkommenen Freiheit, die für mich eine Voraussetzung der wahren Liebe war. Sie war der Wert schlechthin, für dessen Erreichen ich alles zu opfern bereit war, selbst das Leben.

Die Freiheit wurde – quasi als Conditio sine qua non – absolut gesehen und sozusagen zur „Idée fixe“ der Jugend. Das war, von konventioneller und reifer Warte aus betrachtet, verrückt – aber Jugendliche sind nun einmal auch verrückt; und sie vollbringen in dieser Verrücktheit, wo das Ideal der Freiheit zur „regulativen Idee“ wird, Leistungen, von denen ein konventioneller Biedermann nicht einmal zu träumen wagt. In der später Rückschau stellen sie dann fest, dass sie wirklich gelebt haben. Ihre Taten rechtfertigen ihre Existenz. Revolutionen werden von Verrückten gemacht, nicht von fetten, satten und trägen Bäuchen, nicht von Saturierten: und auch nicht von solchen, die viel zu verlieren haben. Das wusste ich aus der Geschichte, vom Sturm auf die Bastille. Meine damalige Haltung konnte, bedingt durch die verbaute Perspektive und die verweigernde Haltung der Gesellschaft, auf wenige Begriffe reduziert werden: politische Radikalisierung, Verneinung des Bestehenden, Destruktion und Protest; ferner Kampfeswille und Opferbereitschaft.

In der außerparlamentarischen Opposition der Bundesrepublik, unter den sogenannten „Achtundsechzigern“, kursierte seinerzeit die Parole: „Macht kaputt, was euch kaputtmacht!“ Ähnlich fühlte auch ich – bis hin zum Geist der Sabotage, der das Verhasste zu vernichten zielt – „Tabula rasa- Machen“, reinen Tisch machen, aufstehen wie Spartakus und rebellieren. Gab nicht auch der Text der „Internationalen“ diese Denkrichtung vor? Hatten nicht selbst die Kommunisten einmal daran geglaubt? Es war die prometheische Haltung eines jungen Menschen, der die Nichtexistenz der menschenunwürdigen Existenz vorzog. Der bereit war, lieber unter dem Misthaufen begraben zu liegen als auf dem Misthaufen würdelos und uneigentlich leben zu müssen; der sich nur gut fühlt, wenn er kämpft: wenn er gegen etwas ankämpft und etwas bekämpft. Eine andere, später in der Bundesrepublik verbreitete Haltung, die selbst von einem meiner Abitur-Lehrer eingenommen wurde, zu einem Zeitpunkt, als die Wellen des Pazifismus und Defätismus sehr hoch schlugen:

Lieber rot als tot!“ – war in meinen Augen und nach meinem damaligen Gefühl jedoch keine gangbare Alternative und erschien mir schlechthin naiv. Letztendlich lebte ich mittendrin in der „pseudokommunistischen Gesellschaft“ und wusste aus täglicher Erfahrung, was „Rotsein“ bedeutet. Meine Abkehr war eine von Werten getragene idealistische Haltung, die tief empfunden wurde; die ich nahezu täglich aus der Musik Beethovens und der Dichtung Schillers heraushörte und die mich mit vielen großen Geistern der Menschheitsgeschichte verband. Die Welt dagegen, mit der ich im Alltag konfrontiert wurde, war menschenverachtend und schäbig – eben weil den Menschen die Möglichkeiten genommen wurden, sich frei zu entfalten.

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