„Bafta“! Glück und Glas … Von der „weißen Magie“ „schwarzer Leute“

 

Nach einiger Zeit des Herumstreifens steuerte ich auf den Domplatz zu, wo Georges Mutter wohnte. Da sie wohl noch nichts von seiner Verhaftung wusste, sollte ich ihr sagen, wo ihr Sohn weilte und weshalb. Würde ich sie antreffen? „Bafta“ brauchte ich jetzt. „Bafta“ sagten Zigeuner immer, wenn sie vom „Glück“ redeten; und davon redeten sie oft.

 „Glück“ ist eines ihrer Lieblingsworte – und Glücksvorstellungen aller Art sind ihre liebsten Phänomene. Das ganze Menschenleben sei ein Spiel zwischen „Glück und Unglück“, wobei der Teufel die oft Karten mische. Wahres Glück sei immer nur kurz, aber das Unglück heftig und in der Regel sehr lang. „Glück und Glas, wie schnell bricht das?“

Das sagten nicht nur die Juden nach der Vermählung eines jungen Paares, wenn sie ihre Trinkgläser hinter sich warfen. Auch die Zigeuner wussten davon.

Diesmal stand mir etwas Glück zur Seite. Bald war die mir beschriebene Adresse gefunden. Zaghaft pochte ich an die Tür einer Hinterhaus-Wohnung. Eine reifere „Dame“, deren Gesichtsfarbe nicht viel Zigeunerisches verriet, öffnete mit höflich fragendem Blick, doch ohne sich recht zu wundern, dass ein junger Unbekannter vor ihr stand. Vermutlich klopften noch andere Leute hier an?

„George schickt mich“,

flüsterte ich ihr diskret zu, da die Türen Ohren hatten. Im Grunde war man überall belauscht – mit Ohr und Blick. Sie ließ mich eintreten. Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war und ich erkennen konnte, dass keine weiteren Personen anwesend waren, packte ich gleich aus berichtete ihr von der jüngsten Verhaftung ihres sicher schon vermissten Sohnes.

„Ja, ich konnte es mir denken, nachdem er schon seit Tagen nicht mehr hier war. Wo sollte er sonst sein, als in Haft? Er ist nun einmal ein schwarzes Schaf, mein George. Und zwei linke Hände hat er auch noch. Wenn es um große Geschäfte geht, vertraut er immer den falschen Leuten; … und die hauen ihn dann in die Pfanne. Er ist mehr drinnen als draußen. Was er anfasst, geht bald schief. Bisher hatte er kaum Glück im Leben, mein George.“

Zu meiner Verwunderung nahm diese Frau die Nachricht von der Verhaftung ihres Sohnes erstaunlich gelassen auf, so als ob sie die gleiche Situation schon vielfach erlebt hätte. Tun konnte sie nicht viel für ihren gestrandeten Sohn, eigentlich nichts, vielleicht um „Audienz“ ansuchen, nachhaken, einem Strafverteidiger etwas „Geld in den Rachen werfen“ in der Hoffnung, dass dieser – sozialistischer Praxis gemäß – seinen Mandanten nicht noch mehr belastete, statt ihn vor Gericht zu verteidigen. Nun galt es abzuwarten, wie sich die Dinge entwickelten – und dem Schicksal vertrauen:

„Wir sind alle in Gottes Hand“,

meinte sie meinen Anregungen halb zustimmend,

„nicht nur auf hoher See und bei Gericht; auch die Miliz hier macht, was sie will … und spielt „Schicksal“ – also fügen wir uns in das Unvermeidliche!

Welch ein Fatalismus! Das „Amor fati“ – Bewusstsein der Alten Griechen, die Haltung der kastendeterminierten Inder, das „Wie Gott will“ der Araber und der Kreuzritter, das alles lief hier essenziell zusammen – in den kargen Worten einer unscheinbaren Zigeunerin aus Temeschburg. Dass ich selbst das „Schicksal“ mehrfach herausgefordert und meine Erfahrungen mit der Schicksals-Macht „Securitate“ gerade jüngst hatte machen müssen, davon sagte ich nichts, als sie mehr über mich wissen wollte. Meine Vergangenheit interessierte nicht, denn die war abgeschlossen. Aber die Zukunft meiner Person beschäftigte sie gleich lebhaft. Ahnungslos war ich bei einer „Kartenlegerin“ gelandet. Wahrsagerei und „Weiße Magie“ – das war, wie sich gleich herausstellte, ihr eigentliches Metier. Vor mir stand eine bunt gekleidete, mit mehreren Gold- und Perlenketten geschmückte Astrologin, die schier brannte, einen Blick auf meine Innenhand zu werfen, mir die Karten zu legen oder die Kugel zu befragen. Sohn George schien fast schon vergessen. Neugierig ließ ich die Blicke umherschweifen. In der Stube war noch allerlei Hokuspokus-Krimskrams zu entdecken, Kerzen in vielen Farben, sonderbare Ringe und sonstiges Zeug, das ich nicht zuordnen konnte – ein Abrakadabra-Arsenal an Utensilien, an meine „Zauberstab-Zeit“ erinnernd, wohl zur Verwirrung gedacht oder um Leute zu beeindrucken, die den gesunden Menschenverstand beim Überschreiten der Pforte draußen zurückgelassen hatten. Offensichtlich war dies alles gut geeignet, um Gutgläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen, auf elegante Weise. Doch hatte ich nicht selbst erst im Kaffeesatz herumgerätselt? Und nichts erkannt als den ausgelaugten Rest gemahlener Bohnen? Wenn Verstand und Vernunft versagten, flüchteten Menschen gerne in die Welt des Okkulten, der Esoterik und Astrologie, bereit auch noch viel Geld dafür zu bezahlen. Die Karten legen? Die Glaskugel befragen, die Toten erwecken und die Untoten? Der Humbug war mir suspekt, ja peinlich. Verlegen winkte ich ab.

„Komm, reich mir wenigstens die Hand, aber die Rechte! Dann will ich einen kurzen Blick in deine Zukunft werfen, um zu sehen, wohin deine Reise geht! Und keine Sorge, Junge, das mache ich diesmal ganz umsonst! Weil du gekommen bist, als Freund der Zigeuner!“

In der Tat: Eigentlich war ich ein Freund der Zigeuner, die mir in ihrer Freiheitsliebe, Musik, Gefühl und Lebensauffassung unendlich näher standen als die bigotten Spießer mit dem Gartenzwerg im Hof. Trotzdem erschien mir die sicher gut gemeinte Aufforderung wie eine Überrumpelung. Innerlich sträubte ich mich dagegen, ohne Lust, an einem „Experiment“ mitzuwirken, an dessen Grundlagen ich nicht glaubte. Noch unheimlicher kam es mir vor, durch eine mögliche „negative Weissagung“ festgelegt zu werden, denn solche Einwirkungen hoben die „innere Freiheit“ auf, die eigene Entscheidung und die Freiheit, das künftige Leben nach eigenen Vorstellungen offen zu halten und zu gestalten. Zudem verunsicherten Negativprognosen existenziell; sie generierten Angst und vergifteten so die Zukunft. War die Zeit mittelalterlicher Nekromanten, die Tage von Doktor Faust und Kepler noch nicht ganz vorbei? War nicht jeder seines Glückes Schmied – auch ohne Glaskugel und Tarot?

Etwas seltsam Unheimliches kroch trotzdem die Adern hoch, einem Gruseln gleich, das der Mensch empfindet, wenn er mit undeutbaren, mit „parapsychologischen“ Phänomenen konfrontiert wird. Obwohl ich an keine übersinnlichen Welten glaubte, konnte ich ihre Existenz nicht aus reiner Ignoranz ausschließen, ohne die Dinge überprüft zu haben. Meine „Schulweisheit“ war schließlich nicht „das Maß aller Dinge“ – und auch nicht „der Weisheit letzter Schuss“.

Nach einigem Zögern reichte ich ihr dann doch die geforderte Rechte. Die Rechte – das Rechte und die Rechte! Das sind auch bei den Zigeunern die wichtigen und richtigen Werte, während alles „Linke“ irgendwie linkisch ist und krumm. Ob das auch auf Weltanschauungen zutraf? Überlegen schmunzelnd nahm sie meine Hand und studierte die liniendurchfurchte Innenfläche. Was gab es da alles zu sehen außer Haut? Fernöstliche Ärzte hatten die Fußsohle in Zonen aufgeteilt und den Organen zugeordnet. Andere die „Iris“! Für die Zigeuner ist „die Innenhand der Spiegel des Schicksals“ – Linien, Zeichen und Symbole ergeben das „Buch des Schicksals“, in dem angeblich nur „Drabarnas“ lesen können, die Wahrsager der Zigeuner. Eine von ihnen, eine selbst ernannte Seherin vielleicht, hielt nun meine kleine Hand in der ihren und rätselte …

sie sah Strukturen wie im ausgetrockneten Schlamm des Nil, sie sah Linien des Glücks, des Lebens, des Schicksals und sie sah die Herzlinie; sie sah den „Fisch“ und die Gestirne, das Sonnenrad vielleicht oder das aus sich selbst drehende Rad …

sie sah Dinge, die anderen Augen, Wahrsagern, Magiern und Propheten verborgen blieben, Phänomene des Okkulten und Esoterischen, von denen ich nichts sah, nichts verstand und auch nichts verstehen wollte – eine Welt hinter der Welt? Eine Hinterwelt?

Nach einer Weile vertiefter Metaphysik und „Wesensschau“ blickte sie dann erleuchtet auf und erzählte mir etwas „von einer langen Reise, die ich bald antreten werde“. Sie sagte auch noch etwas von künftigem Erfolg, von Ruhm und Ehre und von anderen angenehmen Dingen, die auch auf viele Leute zutrafen. Sie sprach von Idealen, die sich bald erfüllen würden, schließlich „von einer großen Liebe“ und „einem noch größeren Glück“!

Kurz: Das Ganze war ein Erlebnis … und ein schöner Trost! Als ich wieder schied, ging ich hoffnungsvoller, als ich gekommen war – im Kopf einen neuen Gedanken: Alles ist gut und legitim, was das Glück des Menschen steigert – selbst die Astrologie. Denn was nützt alles aufgeklärte Gedankengut, wenn es die Erkenntnisreichen nur unglücklicher macht.

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s